Schön gespielt – und doch verfahren

23. April 2008 | Autor: Manfred Kunz

Peter Handke: »Untertagblues«
Werkstattbühne Würzburg, 23. Februar 2008

42 Minuten dauert die Straßenbahn-Fahrt der Linie 5 von Rottenbauer nach Grombühl, eine halbe Stunde mehr, 72 Minuten dauert die U-Bahn-Fahrt in der aktuellen Produktion der Würzburger Werkstattbühne. Darin spielt Markus Grimm, renommierter Schauspieler und Interpret von literarischen Solo-Programmen, Träger des Kulturförderpreises 2007 der Stadt Würzburg, den »Untertagblues« von Peter Handke.

Mit diesem Monolog eines »Wilden Mannes« kehrte Handke im Jahr 2004 thematisch zu seinen Anfängen als Theaterautor zurück. Schon sein erstes Stück, die am 8. Juni 1966 am Frankfurter Theater am Turm in der Inszenierung von Claus Peymann uraufgeführte »Publikumsbeschimpfung« bescherte dem betulichen bundesdeutschen Nachkriegstheater den ersten veritablen Skandal; bereits hier ging es um das Dilemma zwischen der Wirklichkeit und jener poetisch möglichen Sprache, in der sie zu fassen sei. Der im folgenden Jahr publizierte Aufsatz »Ich bin ein Bewohner des Elfenbeinturms« begründet diese nicht nur poetische Distanz zwischen Autor und Publikum theoretisch, zeigt Handke, im Verbund mit  dem im selben Jahr 1967 fertig gestellten und dann im Mai 1968 uraufgeführten »Kaspar« als scharfen Kritiker und Erneuerer, zugleich aber auch als Bewahrer der Theatertradition.

Gleichzeitig markierte die Uraufführung der »Publikumsbeschimpfung« zusammen mit dem wenige Wochen vorher, im April 1966 stattgefundenen legendären Auftritt bei der Tagung der Gruppe 47 in Princeton, bei dem er der versammelten deutschen Autorenprominenz »Beschreibungsimpotenz« vorwarf, und dem Erscheinen seines Romanerstlings »Die Hornissen« im Februar 1966, den kometenhaften Aufstieg des gerade 23-jährigen Schriftstellers. Mit seiner radikalen Poesie wurde Handke zur Sensation der sprachkritischen Avantgarde, mit seinem nach allen Seiten offenen Konzept einer innovativen »Mischkultur« ebenso schnell zum Aushängeschild der im Entstehen begriffen Pop-Kultur.   

Vierzig Jahre später gehört Handkes einst provokanter Gestus längst zum guten Ton des übermächtigen Pop, ist es für den Autor an der Zeit, auf dem Theater Rechenschaft abzulegen über die Spätfolgen der »Publikumsbeschimpfung«. Die Bilanz fällt ernüchternd aus, Handkes namenloser Protagonist, ein einstmals(?) »Wilder Mann« ist vom Autor folgerichtig als »Volksredner«, »Spielverderber« oder »Volksfeind« charakterisiert: »Und schon wieder ihr. Und schon wieder muss ich mit Euch zusammen sein. Ihr verdammten Unvermeidlichen. Wärt ihr wenigstens Übeltäter.« 

So beginnt er seine furiosen Tiraden gegen die Zumutungen des Alltäglichen und Markus Grimm lässt keinen Zweifel, dass er die Fahrt im Untergrund der Werkstattbühne zu einer rasanten Fahrgastbeschimpfung nutzt. Er nimmt damit, ob unbewusst oder nach eigenem Erleben der bisher maßgeblichen Inszenierungen, eine dritte Fahrtroute durch die zwölf Haltestellen des Stationendramas. In eigener Inszenierung gibt Grimm, dank Perücke und Oberlippen-Bärtchen äußerlich als leicht schmuddeliger Alt-68 er Spießer daherkommend, den nicht nur gepflegten Menschenhasser. Er nimmt den wilden Mann wörtlich und schleudert seine Invektiven in heftiger Lautstärke und allzu monotonem Sprachduktus in den durch eine Haltestange zum U-Bahn-Waggon verwandelten Zuschauerraum der Werkstattbühne. Was in Handkes durchaus feinsinnig kompiliertem, stilsicher mit Redundanzen arbeitenden, und natürlich durch allerlei Sprachneuschöpfungen poetisch hoch aufgeladenen Monolog als endloser Wechsel von direkter Menschenverachtung und dem stillen Leiden daran konzipiert ist, wird in Grimms Interpretation ohne Tempowechsel zur gleichförmig Express-Suada. Selbst an den Haltestellen – origineller(!)weise endet die Fahrt in der Rüdigerstrasse – bleibt keine Zeit zum Verschnaufen; auf Statisten, die im Text die aus- und zusteigenden Mitfahrer und Adressaten der Anwürfe sind, verzichtet die Inszenierung –aus Kostengründen natürlich – genauso, wie auf eine zweite Person, die an der vorletzten Station zusteigt und in der Vorlage als »Wilde Frau« den Menschenhass des Misanthropen in Menschensehnsucht kippen lässt. In der Uraufführungs-Inszenierung am Berliner Ensemble, wie einst die »Publikumsbeschimpfung« von Handke-Freund Claus Peymann in Szene gesetzt, ist sie ein göttlicher Engel, dem der Schönheitssucher verfällt; in der Würzburger Werkstattbühne nimmt sich Grimm die Perücke vom Kopf und wird zum leisen, introvertierten Sinnsucher. Hier stößt die Inszenierung an ihre Grenzen als Ein-Mann-Theater, wird der Zuschauer ohne Textkenntnis zum ratlosen Mit-Fahrer im öffentlichen Nahverkehr. Denn bei aller Sicherheit und Souveränität mit der sich Markus Grimm durch den sperrigen Text bewegt, wartet an der Endhaltestelle nicht Erlösung, sondern eine kleine Enttäuschung. Allzu brav, allzu leise, allzu gefühlig, allzu schön gespielt ist dieses Ende: leicht kitschige Versöhnung da, wo altersweiße Offenheit angebracht wäre. Oder allenfalls Ironie wie in die Friederike Hellers Inszenierung am Wiener Akademietheater. 

Literaturhinweise:
Peter Handke; Untertagblues. Ein Stationendrama. 80 S., 14,90 Euro
sowie zuletzt erschienen: Meine Ortstafeln. Meine Zeittafeln. 1967-2007. 496 S., 24,80 Euro; Samara. 600 S., 24,80 Euro und Morawische Nacht. 

Alle: Suhrkamp Verlag, Frankfurt/Main.


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