Champions & Champignons

24. April 2008 | Autor: Rigobert Dittmann

Die No Foot Bubble Mac-Twist-Freakshow

Am 12. April 2008 servierte Oberfreak Charly Heidenreich einmal mehr etwas ganz Besonderes im Kulturhaus Cairo und wer kam, hat‘s wahrlich nicht bereut. Den Auftakt eines kleinen Artrock Festivals, pure Perlenverschwendung, was die lokalen Kostverächter angeht (anderswo gilt Würzburg als Charly-land!), machten THE HUB mit ihrem ‚tricky jazzcore‘. Das Brooklyner Trio des Splatterbassisten Tim Dahl mit dem Drum-Champion Sean Noonan und neuerdings Alex Marcelo an Keyboards hat sich seit seiner letzten Würzburg-Attacke runderneuert, um sich treu zu bleiben. The Hub beim Art-Rock-FestivalUnvermindert schnell und hart und unberechenbar zucken ihre Breaks und Noisepunches durch den Raum, aber freejazziger, improvisierter, als ich es in Erinnerung hatte. Noonan, obligatorisch in goldenen Shorts und schwarzem Sweatshirt, ist ein punktgenauer Springteufel, eine polyrhythmische Rappelkiste, ein blitzschneller Weltergewichtler, der permanent mit Doubletten und Leberhaken einem die Luft nimmt. Dazu fingert Dahl, ohne die Beinarbeit zu vernachlässigen, unerhörtes Reibeisengeknarze – sein Solo war eine Demonstration verblüffender E-Bassorchestralität – , jede Wendung ein Frischeschock.

Noonan macht witzige Ansagen zu ‚Thank you‘ (Danke, Schnitzel, Danke, Eltern, dass ihr mich nicht abgetrieben habt…) und über Dahls Brötchengeber, einen psychopathischen Mobster-Liberace, für den er Kontrabass spielt. Aber The Hub ohne Saxophon? Marcelo pingt helle Stakkati, oft kinderliedhaft simple Motive. Damit gibt er der Hub‘schen Joker-Diabolik einen zusätzlich launigen Kick. Von wegen Ernstfall, von wegen Masochismus, von wegen Endzeit. ‚Nur‘ Musik, virtuos choreographiert à la butterfly & bee, mit Ragin‘-Bull-Runden, bei denen die Drei auf‘s Ganze gehen. Beim Schlussgong herrschten mehrheitlich Grinsen und Ganzkörperprickeln.

Cheer Accident beim Art-Rock-FestivalDanach CHEER-ACCIDENT aus Chicago, mit ihrer 2. LP Sever Roots Tree Dies 1988 der Anstoß für Charlys zweite Jugend. Die Skin-Graft-Chamäleons beginnen theatralisch weird, der Bassist weint, Thymme Jones singt einen wehmütigen Song zu Musik aus Kofferradios (‚Transposition #2‘), bläst Trompete, fingert am Keyboard. Sobald der Chris Cutler-Verehrer sich aber ans Schlagzeug setzt, sind Bombast und Density angesagt. Mit donnernden Bassrülpsern von Alex Perkolup und schneidiger Gitarrenarbeit von Jeff Libersher, bis sich einer der Mathrock-Riffs in einer Endlosrille verfängt und 10, 12 Minuten auf der Stelle tritt (als ‚Fillet of Nod‘ berüchtigt). Ultimativ psychedelisch oder schiere Provokation? Irritierend auf jeden Fall.

Aus dieser mit unbewegter Miene exerzierten Monotonie springen die Drei unmittelbar wieder zu rhythmischer Kniebrechartistik und Jones singt ein weiteres Lied, mit beinahe Robert Wyatt-zartem Timbre. So fusselköpfig er optisch daher kommt, die Musik exerziert einen symmetrischen Schlachtplan, knackig artrockend (einer meiner: Wie Rush, nur komplexer), aber mit der Prämisse: Wir können auch ganz anders.

Anthurus d’Archer beim Art-Rock-FestivalAbschließend dann ANTHURUS D‘ARCHER, gesprochen Ontürüdarschee. Das Quintett aus Poitiers hat seinen Taufpaten dabei, einen rotzungigen Giftzwerg von Pilz, in Kunstharz gegossen, und gibt erstmals überhaupt außerhalb von Frankreich eine Lektion in Über-Musik. 3 Gitarristen, Matthieu Metzger an Alto- & Sopranosax, die er mehrmals à la Kirk gleichzeitig bläst, rechts davon ein pelzbemützter Flötenschlumpf mit Harpo-Marx-Flair, von dem man sich an diesem Abend sogar ein unendliches Solo gefallen lässt. Denn diese Franzosen machen Spaß, verflixt großen Spaß. Hypervirtuos verhackstücken sie ‚Goodbye, Porkpie Hat‘, ‚Le Sacre du Printemps‘ und den ‚Bolero‘, mixen Zappa mit Dolphy, Metal mit Gabbertechno, Quatsch mit Soße.

Sie spielen ‚Desperate Pinball‘ (so lautet auch der Untertitel ihrer 3. CD Fatalitas) und Free Musik (die sie zum Kringeln verhohnepipeln), eine Ballade als „sad lover-men“ und was weiß ich, was sie da noch in ihren Reißwolf füttern. Metzger fiept ein überkandideltes Midisaxsolo. Dann flitzen die musikalischen Pointen und blitzartigen Einsätze wieder von Mann zu Mann. U Gandriot, ein Irrwisch mit äußerst beweglichen Gesichtszügen, moderiert in Frenglish und triggert die Gabbermaschine. Von Band kommen Fetzen, zu denen reihum Playback gemimt wird – HARDCOREGRUNZER, METALGEKIRRE, DISCOEUPHORIE. Persevator no foot bubble mac-twist.

Dieser Affenzucker wird aber konterkariert durch die stupende Musikalität, die ungenierte Plünderei, aus der nichts als Liebe zu nahezu jeder Form von Musik spricht. Es herrscht dabei ein ernsthafter Unernst, kein Götzendienst, eher das glatte Gegenteil. U Gandriot ist der Perkussionist unter den Gitarristen, Gilbert und Ménardi kontrastieren als arpeggierendes Mirakel und knurriger Dröhner. Wie sie einem die ständigen Takt- und Tempowechsel um die Ohren schlagen, das hat man selten so verblüffend frech gehört und gesehen. Jede Attacke auf Zwerchfell und Kinnspitze, so schnell, dass man die Jabs nie kommen sieht, beendet U Gandriot mit einem „Thank you, people!“.

Clowns, geclont von Naked City, Estradasphere, DJustable und Squartet, gesäugt von den Mothers of Invention. Mit der Erfolgsgewissheit, das Einverständnis zur Zugabe erst hinterher einzuholen und gleich, natürlich durch 100%ige Akklamation legitimiert, noch eine weitere drauf zu setzen. Mann Mann Mann, wo wächst bloß dieser Pilz?

Fotos von Udo Gerhards // www.progblog.de


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