Die letzte Schlacht …?!

29. April 2008 | Autor: Berthold Kremmler

„Die letzte Schlacht gewinnen wir.“ Unter diesem wunderbaren Motto findet vom 2. bis 4. Mais 2008 in Berlin ein Kongreß statt (www.1968kongress.de), in dem gewiß „aufgearbeitet“ wird, was einmal „Studentenbewegung“ hieß, jetzt aber in „Studierendenbewegung“ umbenannt wurde – so nämlich ein eigenes Arbeitsthema im Block „Bewegung“.

Hätte, was damals sich in den Universitätsstädten ereignete, schon damals so geheißen, wäre die „Bewegung“ sicher am eigenen Bürokratismus eingegangen, bevor sie auch nur entstanden wäre. 

Student mit Tagungs-Shirt von hintenAber offenbar besteht inzwischen mit klapperndem Wiederholungszwang alle paar Jahre – vorzugsweise im Dekadenrhythmus – ein intensives Bedürfnis, diese Zeit wiederaufleben zu lassen. Dann werden „die 68er“ aktiv, die damals noch gar nicht so geheißen haben – die Bezeichnung wurde erst 15 Jahre später virulent – und es machen mit besonderer Vorliebe offenbar Leute mit ihren Erinnerungen von sich reden, die allen Grund hätten, sich tiefer in ihre Vergangenheit zu versenken, ob sich da überhaupt Mitteilenswertes findet. Denn die Legendenbildung nimmt immer mehr zu.

Nicht, daß es nicht wünschenswert wäre, sich diese Phase der bundesrepublikanischen Geschichte ins Gedächtnis zu rufen! Und jeder Anlaß muß uns recht sein, eine Phase großer Intensität im gesellschaftlichen Leben aufzuhellen und verständlich zu machen. Diese Einsicht ist jüngst sogar schon bis ins bayerische Kultusministerium vorgedrungen, das – man höre und staune – beim diesjährigen Abitur im Leistungskurs Geschichte einen Text von Rudi Dutschke zur Bearbeitung vorgelegt hat. Sensationell!

Die Hochschulen scheinen sich mit der Beleuchtung dieser vergangenheit  schwerer zu tun als die Fachhochschulen. Meines Wissens hat die Universität Würzburg – die Fächer Geschichte und Landeskunde könnten sich angesprochen fühlen, ebenso die Deutsche Philologie, selbst die romanische, – einen derartigen Plan nicht gefaßt, sondern der Fachhochschule Würzburg-Schweinfurt den Vortritt gelassen, und die Fakultät Gestaltung hat zu einem „Symposion“ am 16. April eingeladen: „1968 heute“

So weit, so löblich.

Die Struktur der Veranstaltung war einfach und übersichtlich: vier Vorträgen von überwiegend auswärtigen Gästen, die meisten mit Professorentitel, folgte eine Podiumsdiskussion mit zusätzlichen Geladenen, ebenfalls fast sämtlich Professoren. Ihre Lehrorte sind verstreut über ganz Deutschland, von Berlin über Braunschweig und Frankfurt bis München. Donnerwetter, dachte sich der Neugierige, da ist ja mächtig was an Intelligenz geballt! und half sich damit über die widerspenstigen, weil prima vista unzusammenhängenden Vortragsthemen erst mal hinweg: ‚68 und die Folgen für die Architektur’,  ‚Die Rezeption in Ost- und Mitteleuropa’, ‚68 als Marke’ mit Fragezeichen und ein Einführungsreferat „Hat es „1968“ wirklich gegeben?“

Vortrag Prof. Dr. Karin Wilhelm (Braunschweig)

Was hatten diese Referatthemen miteinander zu tun, fragte man sich im Vorfeld. Aber einer Fakultät für Gestaltung will man ja doch zubilligen, daß sie vielleicht anders denkt als andere. Die Antwort auf diese beunruhigende Frage, nach vier Stunden Vorträgen mit Diskussionsritualen dazwischen, war freilich einfach, schlicht und enttäuschend, soviel sei vorweggenommen: nichts. Je mehr Redner sich dem Publikum präsentierten, desto mehr stellte sich der Verdacht ein, es gebe als Zusammenhalt einfach einen geo-biographische Schnittpunkt, und der sei für die meisten Redner: Osnabrück. Alle, oder fast alle, hatten dort einige Zeit verbracht, auch Gastgeber Ingo Petzke kam einst von dort – Zufall oder Familientreffen also?!

„1968“ war das Thema, die Zuhörer, die sich dafür interessierten, waren zu Beginn um 14.00 Uhr noch eine raumfüllende Zahl von „Studierenden“, untermischt mit mittelalterlichen und älteren Personen: Als es zur abschließenden Diskussion kam, gegen 19.30 Uhr, hatten Redner und Zuhörer ein einigermaßen gleichmäßiges Alter: es lag bestimmt im Schnitt über 50. Die Studierenden hatten wohl die Pausen und Übergänge genutzt, um interessanteren Tätigkeiten nachzugehen.

Und man konnte es ihnen nicht verdenken. Der Eingangsvortrag wählte einen schrägen Zugang, versuchte das damalige Lebensgefühl des Vortragenden greifbar zu machen, das offenbar bestimmt war durch eine damals neue Dominanz von Popkultur, von beginnender Emanzipation, von Experimenten mit Drogen aller Art und von sexueller Befreiung, ermöglicht nicht zuletzt durch die Pille. Politisches schob er beiseite, das käme ja sowieso allüberall zur Sprache. Daran mag ja etwas sein – obwohl man sich fragen kann, was der Fisch ohne die Gräte ist. 

Aber dann muß man ganz massiv ins Zentrum der Überlegungen stellen, eine wie große Ungleichzeitigkeit des Gleichzeitigen – ein damals über Ernst Bloch lebendig gemachter Begriff mit etwas anderer Nüance – die Situation bestimmte. Sie mag abhängig gewesen sein von den Universitäten, von den Universitätsstädten, von der sozialen Zusammensetzung der Studenten – in Würzburg dürfte das kaum im Zentrum gestanden haben. Da dürfte eher gegolten haben – um den bayerischen Tatortkommissar, der vor einigen Wochen die Unterfranken erfreute, zu bestätigen -: „Wenn in München die Welt untergeht, braucht es noch zwei Jahre, bis man es in Würzburg merkt.“ 1968 in Würzburg war  anders als 1968 in Berlin oder Frankfurt. Und wenn es noch so oft behauptet wird, ist es doch frei erfunden: In Würzburg gab es zum Beispiel keinen SDS. Zu keinem Zeitpunkt. Es gab alles mögliche, Linksabspaltungen des SHB (der offiziellen Studentengruppierung der SPD), es gab kommunistische Grüppchen aller Art – einen SDS aber gab es nicht. Als 1969 Würzburger Studenten sich aus Frankfurt Gründungshilfe holen wollten, mußten sie unverrichteter Dinge wieder abziehen: da hatte sich der SDS dort grade aufgelöst. Wenn eine Referentin von ihrer Beziehung zum in Heidelberg 1969 verbotenen SDS berichtet hat, kann man nur vermuten, daß sie einer Erinnerungstäuschung unterliegt: Der SDS war meines Wissens nirgendwo verboten, auch  nicht in Heidelberg. Dort war der KBW tonangebend, der Kommunistische Bund Westdeutschlands. Der schickte im Sommersemestern 1969 einen großen, starken, unerschrockenen und erfahrenen Mann, um die Vorlesung der Frau Prof. Kuchinke zu sprengen – was ihm allein auch gelang und selbst von der Universitätsspitze in Person des eher rabiaten Juristen Prof. Habscheid nicht hatte verhindert werden können.

Vortrag Dr. Klaus Klemp (Frankfurt a.M.)

Aber wichtiger als diese Anekdote ist, daß die Studenten nicht alle ständig bekifft auf der Straße nach Demonstrationsanlässen gesucht haben, sondern  daß ein zentrales Interesse auch der theoretischen Arbeit galt, daß man in Zirkeln sich mit politischer Ökonomie und mit Marxismus beschäftigte und nicht minder mit der Geschichte des Dritten Reiches und der Verstrickung der Universität in dieser Zeit. Die „Braune Universität“ war eins der beunruhigendsten Stichwörter; von der damaligen Würzburger juristischen Fakultät meinten eingeschriebene Studenten salopp, sie sei „braun bis gemeingefährlich“. 

Und ein letztes Stichwort: die Hochschuldidaktik. Kaum einer dürfte sich daran erinnern, daß es dazu einen Arbeitskreis von Assistenten und Studenten gab, dem Jürgen Baumert, damals Assistent und Habilitand am Institut für klassische Philologie, angehörte. Als die PISA-Studie der Öffentlichkeit vorgestellt wurde, war er als Verantwortlicher überall in den Medien. Ein Flugblatt der Romanisten, daß eine Vorlesungsdiskussion forderte, schmückte sich mit Zitaten von Wilhelm von Humboldt, zum Beispiel mit dem Ziel von „selbstdenkenen Studenten“ im Studium.

Ein bißchen solcher Bemühungen hätte auf die Vorträge ruhig abfärben können. Denn die Hälfte von ihnen erfüllten nicht die mindesten Standards professoralen Redens. Die „Rezeption“ ertrank in den Strudeln eines wildgewordenen Zettelkastens (Prinzip: Was haben wir noch im Programm?), die „Marke 68“ gab Andeutungen, wie man dergleichen steuern kann, versank allerdings im Durcheinander mangelnder Vorbereitung. 

Vortrag Prof. Kris Krois (München)

Zweierlei ist mir aus diesen Vorträgen geblieben: zum einen die Beobachtung, daß der Olympia-Bau in Peking sich wohl von Mao Tse-Tungs Batschkappe hat inspirieren lassen – und zum andern, wie weit die Studenten heute von der geringsten Aufmüpfigkeit entfernt sind.

Denn, nicht wahr, es ging damals auch um den Protest gegen den Muff unter professoralen Talaren, – der Geruch von Moder strömte jedoch zuweilen vom Katheder herunter wie einst im Mai, und keiner protestierte dagegen: Wie sehr die Dozentenschar den Habitus derer übernommen haben, die sie einst gerade wegen ihrer autoritären Ausstrahlung attackiert hatten, zeigte das Verhalten einer von ihnen, als sie einem ungeschickt-verlegenen Diskussionsredner über den Mund fuhr, als sei er der Klassenfeind. Konsequent drängte man auf das Ende der Debatte – damit die Küche die hungrigen Mägen der Vortragenden  nicht draußen vor der Tür lasse.

Eine durch und durch akademische Veranstaltung, mit dem ganzen Beigeschmack, der auf dem Ausdruck lastet – demnächst wird das alles in einer Broschüre dokumentiert.


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1 Kommentar zu „Die letzte Schlacht …?!“

  1. JK sagt:

    Kleine Anmerkung zum Symposion „1968 heute“ und Berthold Kremmlers Kritik:

    Leider hat dieses bisher dritte Symposion der Fakultät Gestaltung der FH Würzburg-Schweinfurt nicht die Qualität der beiden Vorgängerveranstaltungen erreicht. Das liegt möglicherweise am Thema selbst – die Themenstellungen der vorangangenen Veranstaltungen 2004 (Zeit der Bilder – Bilder der Zeit) und 2006 (Public Understanding) waren weit weniger auf ein singuläres Ereignis oder Datum fokussiert (sofern man 1968 in seinen diversen Ausprägungen, Vor- und Nachwehen als „singulär“ bezeichnen mag), und überraschten vielleicht deshalb mit facettenreicheren Einblicken in eher weitläufig benannte Themengebiete. Vielleicht lag es auch am engen zeitlichen und räumlichen Korsett – nur 4 Vorträge in 5 Stunden, statt über 2 Tage hin verteilt ein Vielfaches davon.

    Ganz sicher lag es an der inhaltlichen Qualität der Vorträge: Wo bei früheren Veranstaltungen zwei weniger überzeugende Beiträge leicht zu verschmerzen waren, bedeutete das diesmal leider, daß die Hälfte der Vorträge, namentlich von Klaus Klemp und Kris Krois, schlicht unbefriedigend waren. Klemp, der seinen Vortrag „Die Rezeption von „Achtundsechzig“ in Ost- und Mitteleuropa“ benannt hatte, driftete eine Stunde lang durch die eher bekannte Designgeschichte des Westens und hielt sich dabei auch nicht sonderlich an die vorgegebene Jahreszahl. Tauchte bloß der Name eines osteuropäischen Landes einmal in seinen Ausführungen auf, wurde dieser sogleich mit dem Zusatz „aber das ist ja bekannt“ wieder ausgeblendet. Nein, es ist eben nicht bekannt, zumindest bei weitem nicht so sehr wie das, was Klemp immer und immer wieder aus der „Westen“-Tasche holte. Erst in den letzten 15 Minuten kam er explizit auf den Osten zu sprechen – 1968 als Jahreszahl spielte auch hier keine größere Rolle mehr. Will man nicht mangelnde Vorbereitung unterstellen, so muß man doch von einer glatten Themenverfehlung reden. Und diese hätte Klemp nicht mit der gnadenlosen Überziehung des Zeitlimits überspielen müssen.

    Ganz sicher schlecht vorbereitet war Kris Krois mit seinem Vortrag zum Branding („1968 als Marke“) – das hat er auch zu Beginn zugegeben – und startete erst einmal mit einer Nabelschau, einem Schnellkurs in aktuellem Denglisch und einer Vermischung von allem mit allem. Mit seinen Überlegungen zu Schuld und Unschuld der Mode(n) am Beispiel des Palästinensertuches fand auch er offensichtlich nur über Umwege und viel später zum Thema. Was ich wiederum nur vom Hörensagen weiß, denn die Verbindung von schlechter Vorbereitung und schlechtem Vortragsstil hat mich nach 20 Minuten ziemlich verärgert aus dem Saal getrieben. Und warum Krois, der sicher etliches Interessante hätte bieten können und einen spannenden Blog betreibt, einerseits Zeitnot für die mangelnde Vorbereitung anführt (er hat doch mindestens 3 Monate vorher gewußt, daß er zu einem Vortrag eingeladen ist), andererseits selbst über die Veranstaltung und ihre Teilnehmer lästert, ohne sich zuallererst an die eigene Nase zu fassen – immerhin hätte er ein Viertel der Vorträge selbst gestalten können, wenn er gewollt (oder Zeit gehabt!?) hätte –, bleibt unklar.

    Schade, denn es hatte nach meinem Dafürhalten sehr spannend begonnen mit Ingo Petzkes Einleitung, gefolgt vom Vortrag von Karin Wilhelm, die über die „Folgen für die Architektur“ sprach. Beginnend mit der Olympiade in Mexico und dem Statement der beiden afroamerikanischen Leichtathleten (siehe Foto in Kremmlers Text), spannte sie den Bogen sehr gelungen zur aktuellen Debatte um den Herzog/de Meuron-Bau in Peking und die moralischen Implikationen. Das mag meinem Sitznachbar zu moralinsauer gewesen sein (sinngemäß mir zuraunend, daß beim Haus der Kunst heute auch niemand mehr danach frage, wann, von wem und warum es gebaut wurde – es sei einfach ein tolles Ausstellungsgebäude …) – ich finde den zweifelnden, fragenden Ton in der Debatte um Architektur – und damit auch Gestaltung – für totalitäre Systeme angemessener als die rein formal-ästhetische Beurteilung der Resultate. Und das ist doch ein Vermächtnis auch des Jahres 1968 für die Gestaltung, mit dem nach wie vor gut gearbeitet werden kann.