Zur Isolation verdammt

2. Mai 2008 | Autor: Manfred Kunz

Tennessee Williams: »Die Katze auf dem heißen Blechdach«
Mainfranken Theater Würzburg, Samstag, 26. April 2008

Fest im Milieu der amerikanischen Südstaaten verortet sind die Stücke des Dramatikers Tennessee Williams. In einer herausragenden Inszenierung von »Die Katze auf dem heißen Blechdach« hebt Gastregisseur Christoph Diem in seiner ersten Arbeit am Mainfranken Theater die innerfamiliären und psychologischen Konflikte in den Vordergrund.

Behutsam lösen Bühnenbild und Kostüme die Handlung aus dem zeitgenössischen Hintergrund des Stückes, das 1955 uraufgeführt wurde und heben sie auf eine überzeitliche, allgemeingültige Ebene. Isabelle Kittnar strukturiert die Bühne durch einen ovalen, den gesamten Raum umgreifenden, nach hinten ansteigenden hölzernen Laufsteg, der die gelegentliche Nähe, zumeist aber die Distanz zwischen den Figuren verstärkt. Auch Kostümbildnerin Inge Medert vermeidet eindeutige historische Festlegungen und hat die Darsteller in helles, luftiges und schlichtes Sommer-Outfit gewandet. Lediglich eine auf die Rückwand projektierte Baumwoll-Plantage und die ins Stück integrierten, vom Kinderchor des Würzburger Grünewald-Gymnasiums dargebotenen Gospel-Melodien deuten den historischen und sozialen Hintergrund des Textes an.

Zentrale Figur in Diems Inszenierung ist Maria Vogt als Bricks Ehefrau Maggie. Es ist schlicht phänomenal mit welcher Wucht und Intensität die zierliche Schauspielerin diese Rolle ausfüllt. Schon ihr packender, in seiner Eindringlich- und Beharrlichkeit faszinierender Eingangsmonolog, gerichtet an ihren trunksüchtigen Ehemann Brick (nicht minder eindrucksvoll: Andreas Anke) entwickelt eine ungeheure Sogwirkung. In ihrem verzweifelten Kampf gegen die Heuchelei und Selbsttäuschungen der Familie des Plantagenbesitzers Big Daddy (imposant und gewohnt souverän Klaus Müller-Beck) und seiner Gattin Big Mama (Margot Gödrös fügt sich nach Anlaufschwierigkeiten als Gast passabel ins Ensemble) ist die Einzige, die Aufrichtigkeit und Wahrhaftigkeit einfordert. Ihre Kontrahenten sind Bricks älterer Bruder Gooper (Kai Markus Brecklinghaus) und vor allem dessen Frau Mae (Natalie Forester macht sie zur geldgierigen, eifersüchtigen Intrigantin), die alle Mittel einsetzen, um sich das Erbe des krebskranken Familienpatriarchen zu sichern. Zum Austrag kommt dieser innerfamiliäre Konflikt bei der Feier zum 65. Geburtstag von Big Daddy, der von Reverend Tooker (vielseitig einmal mehr: Kai Christian Moritz) musikalisch untermalt wird. Auch die lange tabuisierte, vor Big Mama bis zum Ende Schluss verheimlichte, schwere Krebserkrankung des Vaters, kommt durch die Ausführungen von Doktor Baugh (Georg Zeies) an diesem Abend ans Licht. 

Christoph Diem setzt diese Auseinandersetzung mit großer Bedachtsamkeit in Szene. In ruhigen, oftmals statischen Bildern legt er seine gesamte Konzentration auf den Text. Behutsam lässt er die Szenen ausklingen, schafft weiche Übergänge, verordnet seinen Figuren langsame, fast schleichende Bewegungen und zaubert so eine beklemmende, stellenweise geradezu bedrohliche Atmosphäre in den Bühnenraum. Deren Intensität springt von Beginn aufs Publikum über, das mit atemloser Spannung dem Geschehen wie in einem Krimi folgt. Nur einmal setzt Diem auf Hektik und Lautstärke, wenn im zugespitzten Kampf um Geld und Zuneigung alle Fassaden zum Einsturz kommen – und die Figuren ihren wahren Charakter entblößen. Ob für das auch für den sensiblen Brick, den vordergründigen Verlierer des Stücks die Erlösung lässt die Inszenierung bewusst offen: die Katze auf dem heißen Blechdach siegt vermutlich – und die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt. Ein absolut sehenswertes Saisonfinale im Schauspiel des Würzburger Mainfranken Theaters. 

Weitere Vorstellungen: 30. Mai, 15., 20., 21., 24., 25. Juni, 5., 10., 16. Juli


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