Von Piratenklängen bis De profundis, …

27. Mai 2008 | Autor: Berthold Kremmler

… von b-a-c-h vor Bach bis Johann Sebastian.

Das musikalische Ausdrucksvermögen eines Instruments in fünf verschiedenen Händen beim Akkordeonabend der Klasse Prof. Stefan Hussong am 26.5. in der Hochschule für Musik, Würzburg.

Daß Würzburg eine Stadt mit vielen musikalischen Ereignissen ist, weiß man. Daß manche Würzburger damit viel Ehrgeiz verbinden, hat man der Diskussion über eine mögliche Chinafahrt des Philharmonischen Orchesters entnehmen können. Die Renommiersucht hat da kurzfristig über manch anderen Gedanken die Oberhand behalten.

Welche Kleinode an musikalischen Ereignissen dabei in all dem Angebotswust kaum den ihnen gebührenden Glanz entfalten können, verschwindet leicht im Untergrund, zum Beispiel im Keller der Musikhochschule in der Bibrastraße. Und doch ist der Ausdruck ›Kleinodien‹ nicht zu hoch gegriffen, wenn man den Akkordeonabend vom 26. Mai gehört hat. 

Akkordeon – was für ein Instrument!?  ist die leicht herablassende Reaktion, wenn man von solch einem Konzert hört. Gewiß, seit dem Aufstieg des Tangos hat sich die Einstellung von uns Eingebildeten etwas geändert, nicht zuletzt dank der ›klassischen‹ Musiker Gidon Kremer und Daniel Barenboim. Aber das ist immer noch nicht mehr als eine weitere Schublade.

An diesem 26. Mai konnte man hören und sehen, was das Akkordeon und die, die es spielen, musikalisch vermögen. Der Vorspielabend, ein Schülerkonzert? Mitnichten. Eine ausgewachsene Kunstdemonstration, mit Musikern, die auf ihrem künstlerischen Weg schon sehr weit vorangeschritten sind. Prof. Stefan Hussong zeigte die Bandbreite ›ernsthafter‹ Akkordeonmusik, und er hat die Interpreten hervorragend ausgesucht, oder die Musikstücke haben sie sich selbst erwählt.

Der Abend begann mit einem fulminanten Stück und einem ebensolchen Interpreten: Luka Juhart spielte eine Komposition mit dem sinnigen Titel »Quetsch« des Komponisten Volker Heyn von 1987, der dem Instrument Töne entlockt, in denen sich seine so gern verachtete Rolle reflektiert. Und Luka Juhart bringt das Akkordeon zu Tönen voll Intensität und Ausstrahlung und voller Phantasie, die man nicht für möglich hielt. Als zweites Stück spielte Luka Juhart ein von Stefan Beyer für ihn komponiertes Stück, »notorious pyratish« von 2007, das ebenfalls die ganze Variabilität des Akkordeons vorführt und noch weitere Klangkörper einbezieht. Was Juhart da zum besten gibt, beweist, daß hier wirklich ein Musiker sein Instrument gefunden hat, mit dem er zu verwachsen scheint und das ihm zu einer beeindruckenden Präsenz verhilft. 

Sissi Retschmeier spielte eine Fantasia über die vier Töne b-a-c-h des Komponisten J.P. Sweelinck, der aber über 100 Jahre vor Johann Sebastian lebte. Das war überwiegend getragen und gab der Akkordeonistin nicht dieselben Möglichkeiten zu glänzen. Nach der Pause demonstrierte Olivia Steimel an einer Komposition von Per Norgaard, »Anatomic Safari« von 1967, welche Klangwelten ein Komponist dem Instrument abgewinnen kann, wenn er es sich quasi anatomisch vornimmt, mit Bereichen wie ›Respiration‹, ›Clusters‹, ›Percussion‹ und weiteren Findigkeiten. Eine spannende Vorführung, zwingend vorgetragen.

Den Abschluß bot Sofia Ahjoniemi mit der Englischen Suite Nr. 3 in g-moll von Bach und Sofia Gubajdulinas »De Profundis« von 1987. 

Was wird wohl aus Bachs Suite, von der man so viele Interpretationen im Kopf hat? Man hält es nicht für möglich: etwas überraschend Neues. Sofia Ahjoniemi hat ein ganz eigenes Verhältnis zu Stück und Instrument: sie scheint ständig die tänzerischen Rhythmen in richtige Bewegung umsetzen zu wollen, entwickelt dabei eine so wunderbare Phrasierung, ist so unglaublich nüanciert in ihren musikalischen Ausdruckscharakteren, daß man dem Stück neue Welten abzugewinnen meint. Noch nie habe ich wie hier gehört, in welche Bezirke man in der Sarabande vordringen kann, mit unendlich fein abschattierten Tönen und einer bezwingenden Innigkeit: ein Ereignis. Grandios. 

Das war der klassische Teil – wie würde sich die Spielerin bei einem Stück der Gubajdulina zurechtfinden? Kurz gesagt: ganz anders, aber genauso zwingend.

Der Beifall war geradezu frenetisch, wenn man die schmale Zahl an Zuhörern bedenkt. Denn leider, leider haben nur wenige Liebhaber in den Kellerraum gefunden. Die aber waren von dem Konzert insgesamt begeistert, und von Sofia Ahjoniemi  und Luka Juhart hingerissen.

Wer eine solche Podiumspräsenz hat wie Frau Ahjoniemi und wie Luka Juhart, um dessen Zukunft braucht man sich nicht zu sorgen. Aber man möchte der ganzen Truppe bei einem weiteren Konzert begegnen, sie sind es wahrhaftig allesamt wert.

Und allen Respekt, ja alle Bewunderung für Professor Stefan Hussong, der sich da was Exquisites herangezogen hat.  

Informationen: Hochschule für Musik

 


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