Die Bühne der Pfade, die sich verzweigen

29. Mai 2008 | Autor: Berthold Kremmler

»Blaubart« im BBK und im Mainfrankentheater Würzburg

I:  »Oh wie wird mir…I/II/III«« – Bildtitel im BBK

Blaubart – ein Frauenserienkiller? Blaubart – ein Mann, der ein Verbot aussprechen kann wie Gott im Garten Eden? Oder Blaubart, dessen ganze eklige innerliche Unterwelt, nach außen gewendet, eine Kammer des Grauens ist? Oder der ein Neugierde-Verbot verhängt, auf dessen Bruch die Höchststrafe: der Tod, steht?

Je ferner die überlieferten Geschichten sind, desto ungenierter schießt die Phantasie bei ihrer Aneignung ins Kraut – Gustav Mahler meinte, Tradition sei Schlamperei.

Die Zusammenarbeit des BBK, des Berufsverbands bildender Künstler, mit dem Mainfrankentheater hat merkwürdig schillernde Blüten getrieben.

Verblüfft war man zunächst, welche Künstler sich im BBK-Raum im Kulturspeicher zusammengefunden haben: das Thema Blaubart hat zwar acht Frauen, aber nur zwei Männer dazu animiert, künstlerisch tätig zu werden und sich an diesem Gemeinschaftswerk zu beteiligen. Allerdings sind nicht alle Arbeiten aus diesem Anlaß entstanden; ein eindrucksvolles Bild ist für einen früheren Zweck entstanden, bei einer Auseinandersetzung mit Hexenprozessen. 

Jede Künstlerin, jeder Künstler wählt sich den eigenen Assoziationsraum und hat sich zu ihm wohl durch die Zusammenarbeit mit dem Theater anregen lassen: Blaubart als Serienkiller (Verena Rempel), Blaubart als Metapher der Erkenntnis (Bausenwein), Blaubart als Ausdruck allgemeiner Verunsicherung (Gerda Enk) oder als Anlaß für eine hintersinnige Inszenierung mit Raben, blauer Perücke und Goldblättern (Petra Blume – eine Vorstufe des Bühnenbilds im Theater). Daß man mit Blaubart auch sehr weiblich umgehen kann, beweist der Puppenkäfig mit weiblichen Püppchen von Dorette Riedel sowie ihre große, aufgehängte weibliche Puppe, aus deren Unterleib eine kleine Puppe heraushängt. Ob so sinnvolles Assoziieren nicht überstrapaziert wird? Blaubart bringt seine Frauen ja um, bevor sie Kinder zur Welt bringen. Werden da nicht eher die eigenen Idiosynkrasien bedient?

In der Matinee zu Beginn der Ausstellung erklärten sich einige der Künstlerinnen zum Thema und der Art, wie sie sich damit auseinandergesetzt haben. Leider war das wenig erhellend und kam über engagiert vorgetragene phrasenhafte Statements kaum hinaus, Phrasen über Gott und die Welt und die Unsicherheiten des Lebens und der Gefühle – Stil: »Was ist die Wirklichkeit?« etc. Und leider bleiben die Erkenntnisblitze beim nachdenklichen Betrachten der meisten Werke aus, wird weder diese komplex-verschlungene Blaubart-Figur verständlicher noch unsere nachtastende eigene Gespaltenheit. Fleißarbeiten wie die aus winzigen Porträts einer Vielzahl von Serienkillern collagierten Blumenblüten oder die weiblichen Porträtphotos (Verena Rempel)  verschieben das grausig-faszinierende Sujet ins Spießig-Beliebige – die Bilder strahlen zu wenig Energie und Kraft aus, sind noch nicht einmal gelungene Etüden. Aber auch die großen farbigen nackten Oberkörper mit schematisch-belangloser Gestik der Antje Vega sind nicht dazu geeignet, die ihnen beigegebenen Trakl’schen Fragmente aufzuschließen (umso weniger, wenn diese bis zur Unverständlichkeit verderbt wiedergegeben sind). Wenn man die gleichzeitige Ausstellung der Künstlerin im Spitäle einbezieht, beschleicht den Betrachter freilich das Gefühl, das Form- und Ausdrucksvokabular der Bilder sei der Komplexität der Aufgabe vielleicht doch nicht ganz angemessen.

Rätselhaft sind die Textilbilder von Walter Bausenwein, die jeweils den Titel »Erkenntnis« tragen, weil so schwer aufzuschließen ist, auf welche Art von Erkenntnis sich die Bilder beziehen. In einer großen textilen Farbfläche sind jeweils neun kleine Rechtecke eingelassen – eine verballhornte Telefon- oder Computertastatur vielleicht? Eine kritische Ablehnung rechenhafter Rationalität, die der Zerrissenheit Blaubarts nur eine formale Ordnung gegenüberstellen kann? Oder Andeutung von Eingesperrtsein, eine Gitterstruktur gegenüber der Grundfläche? Zu diesem Gedanken könnte das schon angesprochene Bild auf der gegenüberliegenden Wand von Ernst Johann Herlet, »Erinnerung an eine Gefängniszelle für minderjährige Mädchen …«, animieren, das aus einem anderen thematischen Zyklus stammt. Eine große Farbwand, in die, hier eindeutig, ein Kerkerfenster eingelassen ist; das an der unteren Seite mit realem Stroh gefüllte Sackkissen, ein das Bild auflösendes Realitätsteil, findet seine Verankerung in der Realität des Betrachters durch einen angeketteten Blecheimer (zu weit greift die Wirklichkeit freilich nicht ein …)

Diese Andeutungen müssen genügen. Man ahnt die Heterogenität der Annäherungswege und der Ergebnisse. Ob daraus Einsichten in den zerklüfteten Charakter Blaubarts hervorspringen – man mag es bezweifeln. Aber es ist allemal aufschlußreich, wie unterschiedliche Ergebnisse ein Sujet verschiedenen Personen abringt, wenn dieses Sujet offensichtlich sensible Seiten des Künstlers berührt.

 

II »Keusch blühende Rose auf meinem Altar« – Blaubart bei Trakl

Im Gegensatz zur Ausstellung beim BBK mit ihrem Übergewicht an Künstlerinnen scheint die literarische Überlieferung und Ausformung in den geläufigen Werken eine Ausgeburt der männlichen Phantasie – und nicht nur der des Würzburger Intendanten Hermann Schneider

Blaubart – wer kennt nicht den Märchenstoff! Aber ein Puppenspiel des Expressionisten Georg Trakl, der uns sonst nur als Lyriker vertraut ist? 

Geschichten zu erzählen ist sonst nicht seine Sache – welche möchte er uns wohl erzählen, Trakl, dessen dunkler Hölderlin-Ton so gar nicht zum Volkston eines Puppenspiels passen will, das dazu noch Fragment geblieben ist? 

Der Plot, wenn man so sagen darf, ist in der Motivgeschichte schon nicht ganz klar. 

Ein häßlicher reicher Adliger mit blauem Bart – vermutlich ein sprachliches Mißverständnis – sucht eine Frau; zwar hatte er schon andere Ehefrauen, aber sie sind alle verschwunden. Widerstrebend läßt sich das junge Mädchen auf die Heirat ein. Blaubart hat einen weitläufigen Besitz mit vielen Räumen. Dann muß er für eine Weile fort und überläßt seiner Frau alle Schlüssel. Einen legt er ihr besonders ans Herz: den dazugehörigen Raum darf sie unter keinen Umständen betreten. Das Mädchen kann der Versuchung nicht widerstehen, sieht das schreckliche Innere des Zimmers, die ermordeten früheren Ehefrauen, läßt vor Schreck den Schlüssel fallen: die Blutspuren darauf lassen sich nicht mehr wegwischen. Der Ehemann kommt zurück und erkennt die Verletzung seines Verbots. Das Märchen endet gewöhnlich mit der Rettung der Frau durch die gerade noch rechtzeitig herbeieilenden Brüder und mündet in ein gnädiges Geschick: es findet sich ein tadelloser Ehemann, mit dem sie Kinder bekommt.

Soweit die Grundstruktur des Märchens

Daran werden nun andere Schichten drüber- und druntergelagert. Da bekommt Blaubart eine genealogische Rückbindung bis ins tiefe Mittelalter, ins 11. Jahrhundert, eine Überlagerung mit Gilles de Rais aus dem 15., der aber nur als brutaler Kindermörder einen Ruf hat, und eine Verschlingung mit dem Marquis de Sade aus dem späten 18. Jahrhundert. Wirkliche Spuren hinterläßt all das nicht im Geschehen.

Für die Würzburger Doppelveranstaltung (zusammen mit dem BBK) kommen weitere Komplikationen hinzu: die Schöpfungsgeschichte mit dem Verbot, Früchte von jenem ominösen Baum zu essen, aber hier mit einem ganz anderen Verbot: während es in der Bibel um menschliche Hybris geht, dem Wunsch, gottgleich zu werden, dient Blaubarts Verbot nur zur Verdeckung eigener Schuld; Assoziationen stellen sich ein an Jack the Ripper und den Serien-Lustmord, und an die abgründige Welt des H.P. Lovecraft mit seiner privaten Ostküsten-Mythologie, eines späten Nachfahren Edgar Allan Poes aus dem ersten Drittel des 20. Jahrhunderts.

All dies wird dem Puppenspiel-Fragment von Georg Trakl aufgebürdet, einem nur wenige Seiten umfassenden Text in Knittelversen und ohne nachvollziehbare, da zu bruchstückhafte Charakterisierung der Figuren. Die im hübschen Begleitbuch in Kurzform abgedruckten Fragmente (leider ohne Quellenangabe) müssen angereichert werden, damit sie 90 Minuten tragen. Daß in der Würzburger Version die Trakl’schen Verse mit Prosa durchwirkt sind, ist nicht so schlimm, denn unverkennbar sind Verse im Volkston nicht Trakls Sache, streifen eher den Goldbrokat des späten 19.Jahrhundert à la Burne-Jones, mithin den Kitsch. Wenn man das mitabgedruckte Gedicht Trakls zum Vergleich heranzieht, wo es einmal statt »der Mond wie eine besoffene Dirne stiert« (im Puppenspiel)  heißt »Durchs Fenster schaut der Mond gleichwie ins Leere«, dann wird der Unterschied in der dichterischen Qualität greifbar. 

Aber Hermann Schneider, der Regisseur, hat offensichtlich andere Interessen bei seiner »Collage« gehabt als die Präsentation eines Textes mit kanonischem Anspruch und konsistent entwickelten Figuren. Ihm liegt sicher mehr an der Evokation der bildmächtigen Märchenelemente, und die düstere, ja finstere Bühne – sie kommt meist mit wenig Licht aus und ist vom Zuschauerraum noch durch ein feines schwarzes Gitter isoliert – mit ihren wenigen erleuchteten Flecken, dem Drehspiegel in einem freistehenden Türrahmen, der geradezu schwebenden gesichtslosen Ahnengalerie verfehlt ihre Wirkung nicht. 

Die Schauspieler und ihre Rollen werden von schwerer Schuld und Verzweiflung umgetrieben, von leidenschaftlichen Gefühlen, ein ebenso expressionistisches Erbe wie ihre expressive Gestik und Sprache. Die Stimmungsumschwünge immer nachzuvollziehen, dürfte aber nicht nur mir schwergefallen sein. Daß die Rolle der Elisabeth (Anne Simmering) sich aus einer Mutter- und Tochterrolle zusammensetzen könnte, legt die Vorlage nicht nahe und ist eine Überforderung des Stoffes, die jegliche Plausibilität vermissen läßt. Was sie macht und sagt und will, man kann es in seiner Widersprüchlichkeit nur ahnen. Bei Blaubart (Christian Higer) ist es nicht anders, die Verstrickung in Ahnenbelastung wie in leidenschaftliche Liebe und Mordgelüste gibt eine ständig wechselnde Zerrissenheit, daß der Alte (Max De Nil) ihn bedauert, ja sein Leben für ihn geben würde, wird von daher verständlich. Überhaupt ist diese Figur und ihr Sohn (Christian Manuel Oliveira) dem Volkston am nächsten und stellt eine Verbindung her zur Malerei der »Brücke« in jener Zeit, etwa deren Versuchen mit Hinterglasbildern.

Von diesen Anklängen bezieht das Stück sicher einen Teil seiner Wirkung, von den nächtigen Bildern, den surrealen Einsprengseln und der poetischen Wirkung eines langen schleppenartigen blauen Mantels. (Mit dessen Farben spielt übrigens Walter Bausenwein in seinen Bildern im BBK.) Der dürfte übrigens die einzige nennenswerte Reminiszenz sein an das »Singspiel« (!) von Maurice Maeterlinck – und vielleicht an dessen Untertitel »Eine vergebliche Rettung«.

Daß man nicht recht versteht, welche Geschichte auf der Basis des Trakl’schen Fragments erzählt werden soll, macht es so schwer, darüber etwas Verbindliches zu sagen. Zu viel scheint in die Collage hineingemischt – war da nicht auch noch ein Anklang an einen Inzest aus der Biographie Trakls, der in dem Stück völlig deplaziert wäre? So möge man sich durch einen Satz vom Ende der Vorlage Trakls anregen und sich in das Stück führen lassen: »Doch soll ich dich Kindlein ganz besitzen –/ Muß ich, Gott will’s den Hals dir schlitzen!/Du Taube, und trinken dein Blut so rot/Und deinen zuckenden schäumenden Tod!/ Und saugen aus deinem Eingeweid/ Deine Scham und deine Jungfräulichkeit!« Trakl dixit – uns stellt das von allen Schuldgefühlen frei.

Einen freieren Blick gibt uns H.C. Artmann in seinem Gedicht blauboad I: »heit lod i ma r ei di ochte/ zu einen libesdraum« – aber schlafen kann der Karusselbesitzer (»ringlgschbüübsizza«) nur bei Licht, weil er sich vor den toten Frauen so fürchtet. (aus: Med ana schwoazzn dintn)

Man sieht, die Pfade verzweigen sich, frei nach Borges – und gibt es nun ein Muster? 

Anregende Texte:
Hartwig Suhrbier (Hgb): Blaubarts Geheimnis. Eugen Diederichs, Köln 1984 u.ö. – eine anregende Sammlung der wichtigsten Geschichten mit ausführlichem Vorwort.
Winfried Menninghaus: Lob des Unsinns. Über Kant, Tieck und Blaubart. Suhrkamp, Frankfurt 1995.

Zwei unterhaltsame und belehrende kleine Bücher seien dem neugierigen Leser noch empfohlen. Über www.zvab.com kann man sie sich unschwer besorgen, im Buchhandel sind sie nicht mehr greifbar:

Friedrich der Große, Das Buch Blaubart. Eine Satire. (Hrsg. Hartwig Suhrbier) Frankfurt: 1987 (=Insel Bücherei Nr. 1034)

Serial Killers. Das Buch der blutigen Taten. (Hrsg. Annette Keck und Ralph J Poole). Reclam Bibliothek Band 1592, Leipzig 1997 

Blaubart – Ausstellung in der BBK-Galerie vom 2.5.–1.6.2008.

Blaubart – Aufführung am Mainfranken Theater Würzburg.


Diesen Artikel als PDF drucken



1 Kommentar zu „Die Bühne der Pfade, die sich verzweigen“

  1. Walter Bausenwein sagt:

    Lieber Berthold,

    der Mantel im Theater ist von mir.

    Gruß Walter