Design im Alltag (1)

3. Juni 2008 | Autor: Jochen Kleinhenz

Das hat er gut gemacht, der Marco Schneider: nicht nur die Würzburger Öffentlichkeit mit dem Umstand verblüfft, daß auf dem Plakat eines SPD-Politikers nun auch wieder das SPD-Logo zu sehen ist (von der OB-Stichwahl war man ja zwischenzeitlich anderes gewöhnt). Nein, auch das plakatierte Motto wirkt in seiner Klarheit und Offenheit ansprechend: »was ich für sie im landtag erreichen will« – kein alltägliches Politphrasengedresche, sondern die offene Einladung zum Dialog, die Bereitschaft, Rede und Antwort zu stehen.

Die Plakate, die recht üppig im Stadtgebiet verteilt sind, greifen auf die visuelle Sprache der Elementaren Typografie zurück, jene Gestaltungsrichtung der 1920er Jahre, als man überzeugt war, Jahrhunderte stetiger typografischer Verfeinerung auf dem Altar der elementaren geometrischen Grundformen Dreieck, Kreis und Quadrat zu opfern zugunsten einer modernen Formgebung der Schriften. 

Der formalen Reduziertheit des Plakats (kein Bildmaterial – vom Logo mit stilisierter Würzburgsilhouette abgesehen –, nur Kleinbuchstaben, prägnante Farbgebung in Rot und Schwarz auf Weiß) wird die Futura von Paul Renner als Schrift nur gerecht, bildete sie doch bei Erscheinen (1928) die Quintessenz der Elementaren Typografie ebenso wie den Ausblick auf das, was noch kommen sollte, z. B. die Diversifizierung in Schriftsystemen mit vielen unterschiedlichen Schnitten. Und trägt sie die Zukunft nicht schon im Namen? Nur deswegen findet Sie sich auch heute noch regelmäßig bei Gestaltung, die irgendwie »modern« wirken will (bzw. als Lieblingsschrift von Architekten aufgrund der elementaren Grundformen – der Schrift, nicht der Architekten …). Daß die Futura als Schrift heute so modern und zeitgemäß ist wie die damals ebenfalls noch recht weit verbreiteten Pferdefuhrwerke, sei hier lediglich ergänzend angemerkt.

Plakat von Marco Schneider

Allerdings – und hier tritt das wirkliche Problem zutage – transportiert Form zumeist auch einen Inhalt. In diesem Fall die Einladung zu einem Bürgergespräch. Aber nicht irgendeinem, sondern das Plakat verspricht »das etwas andere bürgergespräch«. Richtig gelesen: »das etwas andere …«

Vor ein paar Jahren bewarb »das etwas andere Restaurant« mit dieser Nullphrase Fastfood. Und immer da, wo irgendein Manko kaschiert werden soll (das Fehlen von Qualität, Können, Wissen etc.), oder es besonders gemütlich werden soll, werden Dienstleistungen und Produkte als »etwas andere« angepriesen. Der Spruch scheidet ziemlich verlässlich Profis von Dilettanten, und das quer durch alle Bereiche. Würden Sie sich »das etwas andere« Auto kaufen? Oder zum »etwas anderen« Arzt gehen? Eben …

Was hat sich Marco Schneider bloß dabei gedacht? Bei gerade mal zwei Sätzen auf einem Plakat den ersten, überzeugenden, mit dem zweiten, höchstpeinlichen zu konterkarieren?

»das etwas andere« Bürgergespräch mit Marco Schneider
Dienstag, 10. 6., 19.30 Uhr im Falkenhaus am Marktplatz (Dauthendey-Saal)


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2 Kommentare zu „Design im Alltag (1)“

  1. Marco Schneider sagt:

    Was ich mir dabei gedacht habe? „Wie schaffe ich es, dass der Passant, der sich nur 2-3 Sekunden Zeit nimmt, um den Inhalt des Plakats zu erfassen, eine Botschaft mitnimmt, bzw. dass er hängen bleibt mit dem Auge und das Plakat und somit die damit beworbene Veranstaltung und den Kandidaten nicht als 08/15 wahrnimmt?“ Und „wie schaffe ich es, dass man über das Plakat, die Veranstaltung und mich redet?“

    Nun? Ich habe es geschafft! Sogar in Ihren Blog. Das ist doch auch schon was.

    Außerdem: eine griffigere Formel ist mir schlicht nicht eingefallen. Die Alternativen haben mich nicht überzeugt bzw. hätten den WürzburgerInnen wohl zu viel Neues und Ungewöhnliches zugemutet. Das wollte ich auch nicht. RAFsche Kleinschreibung und rot-schwarze Fabwahl waren schon genug.

    Beste Grüße
    Marco Schneider

  2. Liese Stein-Salomon sagt:

    Hallo,
    ich wäre dann der Passant, der in 2-3 Sekunden versucht den Inhalt dieses Plakats zu erfassen und was mir da ins Auge sticht ist als erstes mal: Was Landtag?
    Als zweites muss ich mich dann fragen, für wen Marco Schneider was im Landtag erreichen will, für seine neue Freundin oder für die Allgemeinheit?
    Design im Alltag sollte vor allem nicht versuchen sich selbst zu genügen, sondern eine Information vernünftig rüberbringen.
    Aber, wenns dem Frohsinn dient …