Würzburger Nüsse – taube und pralle I

5. Juni 2008 | Autor: Berthold Kremmler

Architektur in der Stadt

Es hat manchmal etwas Wundersames, wie  dieser oder jener in unserer Stadt sein Mütchen kühlen möchte im Umgang mit Kunst, Architektur und Denkmälern. Doch ist es nicht ohne eine gewisse Folgerichtigkeit.

Sehen Sie selbst: Zuerst haben die Stadtväter den Baukunstbeirat abgeschafft, wenn ich mich nicht täusche, lag das um die Wahlen zum letzten Stadtrat herum, also vor etwas mehr als sechs Jahren. Man war felsenfest davon überzeugt, man habe selber Geschmack genug und brauche dergleichen Firlefanz nicht, der nur unnötig Geld koste. In der Folge glänzte man insbesondere durch Planlosigkeit. Es brach allseits immer mehr die Unzufriedenheit mit den neuen Bauvorhaben aus, von denen freilich manche schon weit früher beschlossen worden waren (Hotelturm, Arkaden); konzeptionslose Denkmalschützer lagen sich mit konzeptionslosen Neuerern in den Haaren (Mozart-Areal). Dieses Frühjahr schien neuen Schwung in die Planungen zu bringen, und nach einem erneuerten Baukunstbeirat schrie man geradezu. Noch aber scheint man ihm nicht wirklich näher getreten zu sein. Neue und alte Gebäude ließen die Wogen hochgehen (VR-Forum auf dem Markt, Geschäftshaus von s.Oliver).

Dann endlich streichelte man schon man die Köpfe der Nägel, die man im Sinn hatte: zuerst luden die Architekten die hochrenommierte ehemalige Stadtbaurätin von München, Frau Thalgott, zu einem Vortrag in den Archtiekturtreff in der Herrenstraße ein (außer dem künftigen Oberbürgermeister war kein Stadtrat dabei, wenn ich mich nicht täusche). Der Verschönerungsverein ließ sich nicht lumpen und zog zwei Wochen später mit derselben Referentin im Toskanasaal nach – Stadträte auf einmal in Hülle und Fülle (relativ). 

Die eindringlichste Schlußfolgerung von Frau Thalgott: architektonische Pläne und Entwürfe zu lesen sei so schwierig, wie sich die Musik auf der Basis der Partitur vorzustellen, erfordere also große Erfahrung und professionelle Kenntnisse.

Die klugen Mahnungen waren noch nicht verklungen, brach das Geschrei wieder los, als hätte man nicht gerade einer gescheiten Frau akklamiert. Kaum ist nämlich der Entwurf für das Gebäude von s.Oliver vorgestellt, plärrt dieser und jener: »Überarbeiten!« Über den Quasi-Erker, genannt ›Monitor‹, im allgemeinen und wegen der Maße im besonderen. Dabei war sicher die schönste Idee, man solle den Monitor um 45° drehen – damit er sich nach nirgendwo orientere?! Über das Fassadenmaterial wilde Spekulationen – und von wem das alles? Hand aufs Herz: wer würde sich von einem dieser Wortführer sein Haus bauen, gar die Inneneinrichtung entwerfen lassen? Hätten nicht alle zusammen damals erst mal sich 10 Tage Denkpause verordnen und mit Fachleuten reden sollen, bevor sie sich an die Öffentlichkeit wagten? Haben sie ihren Ruf an ›Kompetenz‹ nicht längst in der Vergangenheit verspielt? 

Der Stadtbaumeister schien sich ins Dunkel der Ungreifbarkeit zurück- und den Gewittern zu entziehen.

Jetzt ist die Entscheidung im Bauausschuß gefallen: s.Oliver darf seinen Entwurf mit geringfügigen Änderungen bauen, über das Oberflächenmaterial wird später entschieden, wenn der Rohbau fertig ist.

Aber die Diskussion in diesem Ausschuß hatte schon ihren eigenen Pfiff. Die Wortführer der mittelgroßen Fraktionen hielten kleine Vorlesungen über Architektur, Baumaße und Perspektiven, die sich gewaschen hatten. Leider zerfaserten die Ausführungen, als von ›filigranen‹ Flächen und sonstigem Feinsinnigen die Rede ging – es wäre schwerlich gutgegangen. So ist den zahlreichen Zuhörern freilich entgangen, wie man spätgotisches Maßwerk und Rokoko-Zierat zum dominanten Stil des Marktplatzes erklären und gleichwohl moderne anspruchsvolle Architektur fordern kann. Schade eigentlich. Wahrscheinlich hat sich die Strategie des Stadtbaurats perfekt durchgesetzt: Mit der Modulationsfähigkeit einer Fahrplanstimme trocken den Bau vorzustellen und so mit des Geschickes Mächten einen Bund zu flechten. 

Nur der unerbittliche einzige Willi Dürrnagel versagte seine Zustimmung. Eine weitsichtige Strategie: Gefällt es später nicht, kann er sagen: ich bin dagegen gewesen. Gefällt es, wird man seinen Widerstand schnell vergessen.

Und auch bei einer anderen seiner Forderungen wurde Widerspruch laut: endlose Bürgerbefragungen abzuhalten, ob der Entwurf auch allen gefalle. Hätten unsere Vorväter über ihre großen Baukonzepte so gedacht und geredet, sähen unsere Innenstädte vermutlich immer noch aus wie der Bauhof. 

 


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