Love is the message

10. Juni 2008 | Autor: Jochen Kleinhenz

Eine Tagung in Siegen widmete sich 3 Tage lang den Medienamateuren

Wenn es noch eines letzten Signals bedurft hätte, daß die Diskussion um die Wirkung des Amateurschaffens, vor allem des medialen, auch im wissenschaftlichen Diskurs angekommen ist: am ersten Wochenende im Juni war es soweit. Die Universität Siegen, genauer der Lehrstuhl für Mediengeschichte unter Prof. Dr. Susanne Regener, hat zur ersten Tagung »Medienamateure – wie Laien unsere visuelle Kultur verändern« eingeladen. Und viele kamen – über 20 ReferentInnen, die meisten aus dem Hochschulbereich, beleuchteten und diskutierten drei Tage lang im Siegener Museum für Gegenwartskunst gut 100 Jahre Amateurschaffens – vom urbanen Straßenknipser zu Beginn des 20. Jahrhunderts über fotografierende Arbeiter oder SS-Männer, Schmalfilm-Amateure in West- und Ostdeutschland oder Videoamateure in Österreich bis hin zu aktuellen Darstellungs- und Medienformen in den social networks oder Amateur-Pornoseiten des Web 2.0.

Schon gleich zu Beginn wurde ein zentrales Problem der Thematik, der Vorträge und der Diskussionen angesprochen: der uneindeutige und wechselhafte Gebrauch der Begriffe »Amateur«, »Dilettant«, »Laie« und »Profi« ist einer wissenschaftlichen Herangehensweise wenig dienlich. Als problematisch erwies sich weiterhin die diskursive Einengung der Vorträge auf den Begriff der »visuellen« Kultur – zu dieser würde z. B. auch die Mode gehören (Dresscode, Formen und Farben), die man neben der reinen Funktionalität (Verdecken oder Betonen, Schützen oder Freilegen) auch als Medium (zur Kommunikation in Peergruppe oder Gesellschaft) sehen könnte. Selbst die vermeintlich technisch rein visuellen Fotografien, die in Netzwerken wie flickr.com oder sxc.hu millionenfach kursieren, sind üblicherweise mehrfach getaggt, d.h. semantisch ergänzt und erweitert. 

Der Term »Blickkultur« trifft es also ebenfalls nicht, da hier wieder die Rezeption in den Vordergrund gerät – aber müßte man sich heute nicht vornehmlich die mediale Produktion und das Movens dahinter analytisch vornehmen? Und darf man das wirklich nur noch unter dem Aspekt des rein »Visuellen«? Das »Multimediale«, also die Verzahnung von Sprache, Bild und Ton, ist doch nicht die Ausnahme, sondern längst der technische Standard. Blogs, Podcasts, Vodcasts, Weblabels, E-Zines und andere Formen medialen Amateurschaffens sind rein visuell jedenfalls nicht mehr vollständig fassbar. Die Beschränkungen früheren Amateurschaffens auf nur Bild (Fotografie), nur Ton (Funk-, Radio- oder Tonbandamateure) oder nur Bewegtbild (Schmalfilme ohne Ton) waren immer den technischen Gegebenheiten geschuldet – Martina Roepke hat in ihrem Vortrag entsprechend auf den Umstand der »technology driven culture« hingewiesen, also auf die Untrennbarkeit von technischer Voraussetzung und gewählter Technik resp. medialem Produkt.

Auch wenn unterschiedliche Ansätze der Tagungsteilnehmer helfen konnten, die Begriffe Amateur (eher aktives »Liebhaben«, Anschluß an eigenen Diskurs), Dilettant (eher passives »Sich erfreuen«, ohne Diskurs) oder Profi (mit monetärem Erfolg, oft diskursbeherrschend) mehr oder weniger sauber zu trennen – spätestens beim Versuch, das ganz eigene der Amateurästhetik zu definieren, eröffneten sich neue Schwierigkeiten. Hier überlagern vor allem Begrifflichkeiten der Kunstwissenschaft und -theorie den Diskurs und erschweren das Herausarbeiten des formal Typischen im Amateurschaffen. 

Falls das überhaupt möglich wäre: Im Underground nach Punk etwa, ab 1978/79, hat sich über ca. 15 Jahre hinweg ein sehr vielfältiges, internationales Netzwerk entwickelt, das den Zugriff auf relativ preiswerte Produktionsmittel kreativ und emanzipativ umgesetzt hat in im besten Wortsinn multimedialen Produkten, die vordergründig der Populärkultur, insbesondere der Populärmusik zugeordnet, tatsächlich aber im Schnittfeld von Populärkultur, (Medien-)Kunst und gesellschaftlicher Dissidenz angesiedelt werden müßten – und die die multimediale Potenz der Medienamateure des 21. Jahrhunderts vorweggenommen haben. Susanne Regener hat hier schon mit einem Diskussionsbeitrag und nochmal in ihrem Schlußwort auf das Berliner Künstlerkollektiv Tödliche Doris und deren dezidiert dilettantische Arbeitsweise über mehrere Medienformate hinweg verwiesen. Dem könnte man mit der französischen Gruppe D.D.A.A. ein kommerziell und publicitymäßig weniger erfolgreiches, aber nicht minder spannendes Projekt zur Seite stellen mit dem dezenten Hinweis, daß hier eine eigene, unverwechselbare Ästhetik zu finden wäre – sofern man allerdings nicht nur schauen, sondern auch hören oder fühlen mag, denn visuelle Eigenheiten lassen sich hier nicht isoliert von akustischen oder haptischen betrachten und analysieren.

Mit den Werkzeugen der Kulturwissenschaften nur bedingt fassbar sind die philosophischen und psychologischen Fragestellungen, die sich jenseits der Form auftun – bei den banalen Selbstdarstellungen von GreenTeaGirl im Youtube-Video, viel mehr aber noch am Beispiel der Videoaufnahmen des österreichischen Amateurs, der sein Familienleben über Jahre hin auf Video festhielt. Hier geht es wohlgemerkt nicht um sensationelle Heimpornografie, sondern um das bloße Aufnehmen von Frau und Kindern mit der Videokamera. Der Amateur kommt als Vater nicht vor – als Kameramann und Regisseur steht er neben seiner Familie und filmt auch dann ungerührt weiter, wenn individuelle Bosheiten oder Kränkungen die Akteure vor der Kamera weinend bloßstellen. Das Beobachten von souveräner Position hinter der Kamera, als Manifestation der Macht des beobachtenden Subjekts gegenüber den beobachteten Objekten, wird jedoch in ihr Gegenteil verkehrt in dem Moment, in dem das Subjekt (der filmende Amateur) selbst zum Objekt (der Betrachtungen der Tagungsteilnehmer) wird – dieses Unwohlsein äußerte Gunnar Schmidt und verwies damit auf einen weiteren Aspekt, der bei den Tagungsbeiträgen immer wieder aufschien: die Hybris aus Voyeurismus und Exhibitionismus, die das Amateurschaffen kennzeichnet – und die Beschäftigung damit.

Unangenehm aufgefallen ist letztlich nur die Erwähnung (in gleich drei Beiträgen) von Andrew Keen und seinem Buch »The cult of the amateur«, das letztes Jahr dem Web 2.0-Pessimismus eine Stimme gegeben hat. Der Wahlamerikaner Keen, dessen Geschäftsmodell als Zwischenhändler für Mainstream-Musik (audiocafe.com, teilweise nachvollziehbar bei archive.org) eine Spiegelbild all der Fehleinschätzungen ist, denen die Musikindustrie seit Jahren (immer noch) aufsitzt, und das mit vielen anderen Blasen beim dotcom-Crash vor Jahren geplatzt ist, entpuppt sich bei der Lektüre des Buches als reaktionärer, antidemokratischer und halbgebildeter Wadenbeisser – und entlarvt sich zuweilen selbst als solcher, etwa im Interview mit Emily Bell vom englischen Guardian im August letzten Jahres. Die wiederholte Bezugnahme auf ihn zeigt nur, wie wichtig ein ernsthaft geführter Diskurs zum Thema Medienamateure ist – nicht zuletzt, um Leute wie Keen, der derzeit noch den Status des kritischen Nonkonformisten und Mahners genießt, diskursiv endlich aufs Abstellgleis zu schicken. Denn wir wissen längst: »Andrew Keen ist ein Dödel« …

Die Tagung »Medienamateure – Wie Laien unsere visuelle Kultur verändern« fand vom 5.–7. Juni 2008 in Siegen statt. Auf der Webseite findet sich das Tagungsprogramm (und vermutlich demnächst eine Zusammenfassung der Tagung).


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1 Kommentar zu „Love is the message“

  1. Florian Maier sagt:

    Schade, dass die wissenschaftliche Notwendigkeit von Definitionen die Frage nach der Auswirkung des Amateur-Schaffens so in den Hintergrund gedrängt hat. Vielleicht hätte man den Titel enger fassen und vor allem ausschließlich auf die aktuelle Situation eingehen sollen (z. B. Beschränkung auf Video-Blogs), um leichter auf den Punkt zu kommen.

    Ein starker Verfechter des Selber-Publizierens per Blog ist übrigens Thomas Knüwer, der kürzlich in einer hausinternen Journalistenpreisverleihung in Würzburg ein regelrechtes Verteidiger-Plädoyer für Blogs gehalten hat. Die Feuilletons der großen Tages- und Wochenzeitungen scheinen ihm ein ungnädiger Gerichtshof zu sein. Ein Interview mit Herrn Knüwer findet sich unter http://www.media-treff.de/index.php/2008/05/21/im-gesprach-thomas-knuwer-zum-feuilletonkrieg-gegen-blogs-und-warum-das-blog-nicht-unser-bestes-von-persil-ist/

    Selber blogge ich so gut wie nie, aber wie man sieht, gibt es Ausnahmen ;-)