Würzburger Nüsse – taube und pralle II

11. Juni 2008 | Autor: Berthold Kremmler

»… der Brunnen Übersteigung …« (der andere lyrische Brunnenheilige)

–  am Ende: der Kiliansbrunnen. 

»… denn alles, was entsteht,/
ist wert, daß es zugrunde geht;«
Mephisto (1339f. )

Jetzt haben wir ihn also endlich – nein, wir reden nicht vom Salat, sondern vom Auftrag des Stadtrats, den Kiliansbrunnen zu restaurieren, und zwar stante pede: nächstes Frühjahr soll er schon wieder in Amt und Würden stehen, nachdem er so viele Jahrzehnte hat darben müssen. Die Streitereien, die endlosen echt würzburgerischen Verzögerungen, das Palaver, die geballte städtebauliche und künstlerische Kompetenz, die hierzulande ständig aus allen Ritzen schwitzt, sie münden jetzt, Kilian und dem Prinzregent Leopold seis geflüstert, nicht in »schwarze Verwesung«, wie es bei Trakl heißt, dessen »Blaubart«-Fragment gerade im Mainfränkischen Theater düster gegeben wird. Nein, Kilian sei Dank, wird die Brunnenerneuerung vor dem Bahnhof im Gegenteil zu einem »identitätsstiftenden« – so will es die Fama – gloriosen Akt: Mit 1,5 prognostizierten Millionen (ein paar Märker rauf oder runter, wen schert’s) bekommt der »Kaiserplatz«, wie er zu Stifterzeiten hieß, wieder sein feuchtes hochmögendes und –ragendes geistiges und künstlerisches Zentrum – ein »Wahrzeichen Würzburgs« soll es gar sein. (Doch: Wer kennt den Künstler, nennt die Namen?)
Zur Nachricht vereinfacht und verschlankt könnte das hinaus ins Netz, und alles wäre gut.
Wären drum herum nicht so viele Details so vergnüglich wie schauderhaft, daß das neugierige Publikum daran seinen Spaß haben dürfte.

1.

Daß der Brunnen nicht einer der gesündesten ist, weiß man schon seit geraumer Zeit. Die Stadt hat großzügigerweise vor dem Ratssaal 5 Tafeln aufgestellt (inzwischen stehen sie im Bürgerbüro), auf denen die wesentlichen Stationen des Brunnengeschehens bis heute verzeichnet sind – seit der Errichtung vor 110 Jahren ist nämlich schon manches an Restaurierung nötig gewesen.
Die jüngste Phase der Wiederherstellung, die dieses Mal sehr grundsätzlich sein muß, da die alters- und witterungsbedingten Schäden über und unter der Erde  offensichtlich nicht unerheblich sind und den Brunnen nachgerade verwandeln werden, kann man beginnen lassen mit einem Gutachten der Landesdenkmalbehörde von 2003, in dem Frau Dr. Faber, ihres Zeichens Oberkonservatorin, zu dem Ergebnis kommt, daß es sehr zweifelhaft sei, den Brunnen in seiner ursprünglichen Gestalt konservieren zu können. Oder, wie sie sich ausdrückt: man solle statt der »allemal teuren und fachlich dennoch kaum befriedigenden Instandsetzungsvarianten« einem »Künstler- oder Architektenwettbewerb« eine Chance geben. 

2. 

Das Vergebliche eines Rekonstruktionsversuchs rührt von zwei Komponenten, die die erwähnten Tafeln sehr schön herausarbeiten, ohne daraus einen Schluß zu ziehen.
Zum einen ist  ganz einfach verzeichnet, welche Umgestaltungen dem Platz seit dem Zeitpunkt der Errichtung des Brunnen, 1895, widerfahren sind: Da wurde von der gesamten Fläche nach dem 2. Weltkrieg ein Stück abgezwackt und dem Verkehr geopfert, weil die Straße für den Autoverkehr verbreitert wurde. Dazu wurde das im Krieg zerstörte Bahnhofsgebäude in den 1950er Jahren neu errichtet. Die früheren flankierenden Gebäude stehen ebenfalls nicht mehr, eine Art Schwundstufe bildet allein noch das Posthochhaus – ein auf Historisierung pochender Kommentar erübrigt sich. 
Das einzige, wirklich das einzige Gebäude aus der Entstehungszeit, das den Krieg überdauert hat, das Palais Buchner gegenüber dem Bahnhof, hinter dem Kaisergärtchen, ein wirklich repräsentatives mächtiges Gebäude aus dem späten 19. Jahrhundert, aus rotem Sandstein, wurde 1971 abgerissen und mußte dem anders repräsentativen, nämlich gesichtslosen Zweckbau von C&A weichen. 

Mit einem Wort: An den Platz in seiner ›ursprünglichen‹ Gestalt erinnert heute nur und allein noch der Kiliansbrunnen. Alles übrige ist Zutat aus der Nachkriegszeit.

Und warum hat gerade der bronzene Kilian überlebt? Die Statue sollte im Krieg eingeschmolzen werden und wurde zufällig nach 1945 in einer Gießerei ›fast unversehrt‹, wie es auf den Tafeln heißt, wiedergefunden. Ein Fingerzeig ins nächste Jahrtausend, ganz gewiß …
Die zweite Komponente ist der Zustand des Brunnens selbst. Frau Dr. Faber zitiert die Feststellung der technischen Spezialisten, daß der Untergrund der Anlage äußerst marode sei. Und der Zustand der oberirdischen Steinteile ist wohl so, daß die Flick- und Restaurierungsarbeiten mit einem Überzug aus Acrylglas konserviert werden müssen, eine Nachbildung ganz aus Kunststoff wohl nicht weniger unehrlich wäre.

3.

Trotz des Gutachtens der Frau Dr. Faber hat es offenbar keine nachhaltige größere Diskussion gegeben, was alternativ auf und mit diesem Platz geschehen könnte. Das Problem ist zuletzt sozusagen aufgesogen worden von der Auseinandersetzung um einen neuen Bahnhof und einem beigelagerten Verkaufstempel, den ›Arcaden‹, in dessen Neugestaltung der Brunnen ›irgendwie‹ (auch kostenmäßig) hätte integriert werden sollen.
Was eine Restaurierung kosten würde, dafür freilich wurde ein Kostenvoranschlag erstellt: es war von 1,5 Millionen Euro die Rede. Das ist zwar atemberaubend, aber kein Grund für Kilian, das Weite zu suchen. Das alte Kohlsche Verfahren des Problem-Aussitzens tat seine segensreiche Wirkung, als man sich neue Ideen hätte überlegen können. Praktisch hieß das, den Brunnen sachgemäß zu demontieren und die Reste zur vorläufigen Konservierung sozusagen einzumotten. Diese Aussitzkosten ließ man sich locker bisher schmale 220.000 Euro kosten. Was wie ein Anschleichen an eine endgültige Entscheidung aussah,  gewann inzwischen die normative Kraft des Faktischen, wie wir aus dem letzten Beschluß des Stadtrats wissen. Fakt ist, daß bereits 220.000 Euro konservatorisch zerronnen sind, die ihren Sinn nur erhalten, wenn man sich in die Flucht nach vorn schlägt.

4.

Ein neuerliches Gutachten der Denkmalbehörde soll zu einem anderen Schluß gekommen sein – es sollen wohl wieder bessere Gründe für die Wiederherstellung des Brunnens in seiner alten Form sich ergeben haben, wohl unter  einer wunderbaren modernen Technik: Der Brunnen erhält nicht einen Überzug aus Zucker, sondern eben aus Harz. Leider ist es mir trotz intensiven Bemühens bisher nicht gelungen, dieses Gutachten in die Finger zu bekommen. Deswegen müssen hier die Notizen vorläufig unterbrochen werden, bis ich besser informiert bin.
Ich muß freilich gestehen, daß mich die Frage leicht irritiert, wie der Stadtrat zu einer Entscheidung bei nur drei Gegenstimmen ohne Enthaltung hat kommen können, wenn über ein halbes Dutzend Stadträte, die ich befragt habe, mir zu beiden Gutachten keine Auskunft geben konnte, weil sie sie nicht kannten …

5.

Verschiedene Leute haben ins Spiel gebracht, daß mit dem vielen notwendigen Geld ganze Heerscharen von Künstlern sinnvoll brunnentechnisch sich hätten austoben können. So hat sich Achim Schollenberger in der Zeitschrift ›nummer‹ geäußert. Eine Diskussion des Wunsches ist mir nicht zu Ohren gekommen.
Jüngst hat der Architekt Ulrich Pfannschmidt, ebenfalls in einer Ausgabe der ›nummer‹ (zuerst nummer34), nach der künstlerischen Qualität des Brunnens gefragt und im Vorübergehen das berühmteste Gedicht Conrad Ferdinand Meyers, »Der römische Brunnen«, an die Seite gestellt. Dagegen hat der Würzburger Kunsthistoriker Stefan Kummer votiert (nummer35) – in aller Abgekürztheit: für mich als Philologen hat Herr Pfannschmidt einen eindeutigen Punktsieg gelandet oder, in fußballerischem Denken, das grade mal wieder ganz en vogue ist, einen 2:0-Sieg, ein Tor für das Qualitätsgefühl, eins für den Biß.

6.

Der Showdown um den Kiliansbrunnen erfolgte in der Stadtratssitzung am 8. Mai 2008. Der Rat sollte ein Votum über das weitere Vorgehen der Stadt gegenüber ihrem umstrittensten Brunnen abgeben (der größere Rest funktioniert halt nur nicht).
Der Stadtbaurat charakterisierte kurz den Stand der Dinge, insbesondere die aktuelle Kostenrechnung, und er versprach, daß bei einem positiven Bescheid des Stadtrats an diesem Nachmittag der Brunnen zu Beginn des nächsten Jahres wieder in altem Glanz erstrahlen werde und funktioniere. 
Anschließend nahm Kämmerer Schuchardt Stellung zur Frage der Finanzierung. Dabei bestach anscheinend Stadträte wie Presse gleichermaßen das Bündel an flankierenden Werbe-Maßnahmen, wie man dem dahinsiechenden Sponsorenmut aufhelfen könnte: Sonderbocksbeutel, T-Shirts mit Kilian allüberall und was an Werbezauber gerade in Blüte steht. Wir dürfen frohgemut darauf warten, daß in nächster Zeit die Kiliansbrünnchen auf Bierbäuchen sich durch Würzburgs Straßen trollen – und weit darüber hinaus. (Vor nicht allzu langer Zeit erhoffte man sich Verkaufserfolge von einem schwarzen T-Shirt mit dem Aufdruck »Ich bin ein Kultur-Speicher« – eine Slogan voll subtilen Nebensinns; das Ergebnis der Aktion wurde nur flüsternd weitergegeben … Oder erinnert sich noch jemand der Brief-Spendenmarken und ihres durchschlagenden Erfolgs beim spendierwilligen Publikum?)
Finanzierungskampagnen dieser Art dürften die Highlights der kommenden Saison und uns ein unterhaltsames Spektakel sein.

7.

Ein souveräner, sich seiner Kompetenz und Bedeutung sicherer Stadtrat hätte ja entscheiden können: ›Wir legen nochmals ein Moratorium von einigen Wochen ein, um die bisherige Diskussion zusammenzufassen und uns auf einen aktuellen Informationsstand zu heben, schließlich ist ein Viertel des jetzigen Rats neu in sein Amt gekommen und muß sich erst einarbeiten‹. Aber alte Gewohnheiten läßt man nicht so leicht fahren: einige Wortführer wollten entscheiden, wollten einfach und ergreifend – und zupackend, wenn das Wort nach einem Vorgang mit so langer Latenzphase noch erlaubt ist – entscheiden, um mal zu zeigen, wie derzeitige stadträtliche Entscheidungsfreude und -fähigkeit aussieht.
Das Ergebnis: der Antrag wurde gestellt, Substantielles kam nicht mehr zur Sprache, die Abstimmung ergab: drei, ganze drei Gegenstimmen.
Freilich, im Moment der Abstimmung kam ein Geschäftsordnungsantrag von SPD-Stadtrat Jüstel, er habe nur dafür gestimmt, weil er das Bild der Eintracht nicht habe stören wollen. Das nennen wir eine ausgebuffte Haltung: im Ja das Nein, alles auf einmal. So schöne Pirouetten kann nur dieser Stadtrat, ein echter Juristenschabernack.

8. 

Bleibt noch die spannende Frage: Wer hat denn diesen Antrag gestellt, in dem es um einen finanziell so erheblichen Auftrag ging?

Wer auf die üblichen Verdächtigen setzt, liegt falsch. Nein, nicht die, die sich ihrer Klientel bei den über 60-jährigen sicher sind, und nicht die, die für ihren Carl Diem das glorreiche Erinnerungsstück wollen ›lassen stahn‹. Nein, es war der alte und neue Fraktionsführer der SPD, der für dieses, nicht wahr, kulturell so bedeutsame Stück Erbe mit breiter Brust vorangegangen ist. 
Die Begründung muß man für die Nachwelt festhalten: Für die bisherige Konservierung – Abbau und sachgemäße Einlagerung – habe die Stadt bereits 220.000 Euro flüssig gemacht. Man könne es dem Bürger nicht verständlich machen, soviel Geld für die bloße Konservierung auszugeben und dann den Brunnen doch nicht wieder herzustellen. Der Bürger verstehe allemal besser, wenn man 1,5 Mio hinausschmeißt, als wenn es nur 0,22 Mio sind. 
(In München hielt sich die SPD beim Transrapid zugute, dagegen zu sein, obwohl schon 70 Mio ausgegeben waren.)

9. 

Und warum ist das in Würzburg so anders? Weil der Kiliansbrunnen »identitätsstiftend« sei. So schallt es einem immer entgegen. Was ist denn damit gemeint? 
Er stand all die Jahrzehnte auf diesem Platz, er hat den Krieg überlebt, hat den Aufbau gesehen, und der Heilige Kilian hat immer segnend seine Hand über diesen Wiederaufbau gehalten.
Aber hoppla! Was hat er denn während des Kriegs gemacht? Zumindest verbrachte er die zweite Hälfte auf einem Lagerplatz für einzuschmelzendes Kriegs-›gut‹. In spitzfindige Diskussionen möchte ich gar nicht eintreten darüber, warum das mit dem Schutz in so schwierigen Zeiten nicht geklappt hat – in frömmeren Jahrhunderten hätte man wohl die Sünden bei der Bevölkerung oder dem Klerus gesucht.

Was ist da identitätsstiftend? Seine Schönheit? Mit der hat bisher niemand so recht argumentiert. Die Künstlernamen? Davon war schon die Rede. Das Repräsentative für den Kaiser-Platz? Dessen spezifische Qualitäten sind im Krieg untergegangen. 

Der jetzige Statthalter aus rot und gelb angemalten Umrissen hat einen unschätzbaren Vorteil – außer daß er von wirklich kunstsinnigen Personen und Institutionen, allen voran der Möbelfirma Neubert, gesponsert wurde –: er erhebt nicht den Anspruch auf ein antikes aere perennius, nämlich dauerhafter als Erz zu sein. Dafür hat er eine ganz neue Pointe: die Gestik des Kilian ist von erhabener Zweideutigkeit. Man weiß nicht, was seine Geste bedeutet, segnet er wirklich die Stadt, oder erhebt er nicht vielmehr abwehrend die Hände, um rückwärts das Weite zu suchen?

10.

Noch ein Knallbonbon zum Schluß.

In der Sitzung wurde der Vorschlag gemacht, die Kirche um eine nennenswerte finanzielle Unterstützung anzugehen.
Das muß man sich auf der Zunge zergehen lassen. 
Da macht der Kronprinz, also die politische Führung, den Bürgern der Stadt Würzburg einen Brunnen zum Geschenk, also etwas durch und durch Weltliches, und diese Bürger sollen die Kirche anbetteln, daß sie sich an den Restaurierungskosten beteilige?!

Das versteht nur, wer weiß, wie der 2. Bürgermeister der Stadt seine Brötchen verdient. 

PS

In diesen heißen Tagen drängt sich sofort ein Gedanke auf, welcher Platz geradezu nach einem funktionierenden Brunnen schreit. Es ist der toteste Platz der Stadt, wenn dieser Superlativ erlaubt ist: der Vorplatz des Kulturspeichers. Wenn man an die wunderbaren Brunnen des verstorbenen Jean Tinguely in Basel und am Centre Beaubourg in Paris denkt – davon könnte man sich inspirieren lassen und einen Ort des Gesprächs und Vergnügens und der spielerischen Unterhaltung schaffen …


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