Percussion – Fußball = x : 0

17. Juni 2008 | Autor: Berthold Kremmler

Der Schlagzeuger Xiaojing Wang (Meisterklasse Prof. M.Ch. Lutz)

In Würzburg gibt es sehr viele anspruchsvolle Konzerte, mehr anscheinend, als es das entsprechende Publikum zu goutieren vermag. Da muß man kein Snob sein, um sich vom Spiel Österreich gegen Deutschland keinen unentbehrlichen fußballerischen Leckerbissen zu erwarten, vor allem, wo wir doch inzwischen von so blendenden Vorstellungen in den anderen EM-Gruppen verwöhnt sind.

Kurz und gut: Diejenigen, die nicht auf die erste Halbzeit des Fußballspiels haben verzichten wollen, wissen nicht, was sie an musikalischen Aufregungen im Kammermusiksaal der Hochschule versäumt haben: achtzig umwerfende Minuten Percussion, von Xiaojing Wang, die immer mehr packten und in einem grandiosen Finale endeten. Das leider überschaubare Publikum war begeistert und erklatschte sich eine Wiederholung des absolut mitreißenden Schlußteils.

Der Aufbau des Konzerts war geschickt arrangiert. Wang, in seinem Auftreten zurückhaltend und bescheiden, fast schüchtern wirkend, spielt die ersten Stücke, ohne wirklich Aufhebens davon zu machen. Seine innere Spannung trägt sich zunächst noch nicht nach außen, er spielt fast etwas beiläufig, trotz spürbar großer Konzentration und außerordentlicher Energie in seinen unglaublich beweglichen Händen und Armen. Daß Trommeln auch anstrengend sein könnte, verbirgt er hinter müheloser Eleganz und einer ganz zurückgenommenen gestischen Akkuratesse. Die rhythmische Delikatesse, die Synkopen, die schwierigen Verschiebungen und Spannungen zwischen dem rechten und linken Arm – das sieht gleichwohl äußerst diffizil aus und hört sich auch so an. 

Die richtigen Aufreger kommen gegen Ende des Abends, ein »Solo für kleine Trommel« von Roland Schmidt, ein ›Rondeau‹, das ganz zart (ist man versucht zu sagen) mit einem wie von fern nur schwach ahnbaren Klang von Marschieren losgeht – es ist eigentlich nur ein Reiben am Rand der Trommelfläche – und sich steigert bis zum ohrenbetäubenden, nervenanspannenden Trommelwirbel. Das kleine Instrument würde einen ganzen Saal mit Leichtigkeit in Ekstase versetzen, wenn er länger Wangs Schlagkunst mit einer solchen Energie und Präzision unterworfen wird. Begeisterter Applaus. Folgt ein Stück für Marimba von Nebojsa Zivkovic mit dem sprechenden Titel »Il Canto dei Gondolieri«; es nützt alle Variabilität des Instruments aus – und bleibt wohl doch im Rahmen des Titels. Das ›Percussion solo‹ von Reginald Smith-Brindle, »Orion M.42« bietet Wang die Gelegenheit, zu zeigen, welch ungeheures Klangrepertoire mit solchen Percussion-Instrumenten zu erzeugen ist, vom Zarten bis zum Heftigen.

Aber das letzte Stück war dann doch ein Finale ganz eigenen Zuschnitts. Diesmal unterstützten drei zusätzliche Percussionisten, Christoph Hoffmann, Jie-Goo Lee und Daniel Stollsteiner, an unterschiedlichen Schlagzeugen X. Wang am Marimba bei einem »Marimba-Spiritual« von Minoru Miki. Ein äußerst aufrüttelnder, motorisch antreibender Rhythmus, zunächst noch quasi verwischt im Klang durch weiche Schlagstöcke, steigerte sich mit den Begleitern. Die drei, ebenfalls schwarz gekleidet, verharrten zunächst still mit dem Rücken zum Publikum, bevor das Musikstück immer bedrängender wurde und unter die Haut ging. Am Ende trieb es das Publikum zu frenetischem Beifall an. Daß eine junge Dame Herrn Wang einen Blumenstrauß überreichte, wirkte fast schon erleichternd, um die Spannung zu lösen. Und die euphorisch klatschenden Zuhörer wurden zufriedengestellt, als sie den letzten Teil des Spirituals, in dem die Spannung der Musiker in Schreien gipfelte, noch einmal wiederholten. Das Klatschen auch als Energieabfuhr nach so aufregenden Rhythmen! Denn Stillsitzen ist da schwer.

Danach hatte das Fußballspiel dann tatsächlich viel von seiner Attraktion eingebüßt.

Schon wieder ein aufregendes, ja begeisterndes Konzert in der Musikhochschule, die wahrhaftig mehr und fundamental anderes zu bieten hat als brave Vorspielkost – eine Werbung für moderne Musik, wie jüngst schon der Akkordeonabend..

 


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