Gedanken beim Betrachten einer Ausstellung

26. Juni 2008 | Autor: Ulrich Pfannschmidt

Blicke auf Würzburg: Positiv–Negativ, 20.5.-20.6.2008 
im Treffpunkt Architektur, Herrnstrasse 3, Würzburg.

Im Himmel über den griechischen Städten der Antike hauste ein Volk von Göttern, die alle, wirklich alle menschlichen Eigenschaften, Tugenden, Laster, Glück und Hass in sich trugen. Der oberste von ihnen, Göttervater Zeus, war ein besonderer Liederjahn. Seine höchste Lust  waren das Schleudern von Blitzen und das Verführen irdischer Mädchen, was seine Frau Hera ständig in rasende Eifersucht versetzte. Sie kennen die Sache mit Europa. Der Fall beschäftigt uns noch immer.

Hier geht es um Alkmene, Tochter des Königs Perseus. Angeblich versprach Zeus vor der Versammlung der Götter, der erstgeborene Enkel des Perseus werde König von Mykene, in der Erwartung, dass dies der Spross seiner göttlichen Lenden sein werde. Zu vermuten ist allerdings, dass er diese Worte der Alkmene ins Ohr flüsterte, um ihre Gunst zu gewinnen. Rachsucht und List Heras, der kuhäugigen – höchstes Kompliment der Griechen, verhalfen einem anderen Enkel, Eurystheus, durch Frühgeburt zu einem nicht aufholbaren Vorsprung. Dieser wurde also König. Besorgt ob der ungeheuren Kraft und Intelligenz des von ihm verdrängten Herakles, trug Eurystheus ihm 10 Arbeiten auf, nicht ohne den Hintergedanken, ihn so los zu werden. 

Die fünfte Arbeit führte Herakles zu Augias, dem König von Elis. Augias besaß viele Herden. Allein 3000 Rinder standen in einem Pferch vor dem Palast und hatten im Laufe vieler Jahre eine Unmenge von Mist erzeugt, was ihm und den Bürgern von Elis mächtig stank. Als Herakles anbot, den Mist in einem Tag zu beseitigen, war er überglücklich und versprach ihm als  Lohn ein Zehntel der Herde. Statt nun den Mist mühsam zu schaufeln, wie Augias erwartet und durch Zeitverzug den Lohn zu sparen gerechnet hatte, lenkte er zwei Ströme herbei und schwemmte den Mist fort. Damit hatte er einen weiteren Schritt zur Unsterblichkeit getan.

Was Augias ein Rinderstall, ist uns ein Saustall. Nun können wir in Würzburg auf solch eine Wundertat nicht hoffen. Zunächst passt ein autokratischer Kraftprotz wie Herakles nicht in unsere demokratische Gesellschaft und zweitens kann man den Main nicht so einfach durch die Stadt leiten, um all das fortzuspülen, was uns missfällt. Auch verdanken wir das Bild der Stadt Würzburg nicht einem wie auch immer gearteten König Augias. Vielmehr stellt sich hier unsere eigene Gesellschaft dar, ihre Schwäche, ihr Versagen. Das Abbild spricht von Gleichgültigkeit, Schwund an Autorität, Verlust an Anstand und Würde, Gier nach Geld und nicht zuletzt von der Verluderung des Geschmacks, welche  unsere städtische Gesellschaft prägen. Menschen, die ihr Vergnügen von Tag zu Tag suchen, sind mit Unsterblichkeit nicht zu ködern. 

Wenn wir unsere Kräfte bedenken, müssen wir bescheiden zugeben, das Bild ist nicht an einem Tag zu bessern. Eine Änderung wird dauern. Die Gemeinschaft der Bürger muss dies erkennen und sich auf den Weg machen. Die Ausstellung ist ein erster, ein guter Schritt.

Voraussetzung für die Verschönerung des Stadtbilds ist, dass der Bürger wieder sehen lernt. Die Bürger von Würzburg lieben Musik. Wo immer aufgespielt wird, und das ist nicht gerade selten, sieht man sie hingesunken lauschen, gewissermaßen ganz Ohr. Man möchte sich also wünschen, dass sie einmal ganz Auge seien. Obwohl die Sinne des Hörens und Sehens ein Teil unseres Gehirns sind, so will ich doch nicht wünschen, dass sie auch ganz Hirn seien. Ein bisschen würde schon reichen. 

Wer genau hinsieht, wird auch erkennen, wo jemand von seiner Liebe zur Stadt Würzburg spricht und doch nur die zu sich selbst meint. Im Übrigen gilt: nicht Worte, Taten verändern die Stadt.

Wenn die Sprache eines Volkes Ausdruck seiner Denkweise ist, dann verrät der Begriff des Nestbeschmutzers wenig Schmeichelhaftes über uns. Denn nicht wer den Dreck in das Nest fallen lässt, gilt als Nestbeschmutzer, sondern der, welcher auf den Schmutz hinweist. Die Macher der Ausstellung und alle, die ihr zustimmen, müssen mit diesem Vorwurf leben. Ich hoffe und wünsche, sie mögen sich wohl fühlen dabei und in ihrer Tätigkeit nicht nachlassen.


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