»Sonne, du klagende Flamme«

29. Juni 2008 | Autor: Berthold Kremmler

Späte Notiz zum Heine-Abend »Deutschland, ein Wintermärchen« in den Kammerspielen des Mainfrankentheaters

Man brauchte zu diesem Theaterabend nichts mehr zu veröffentlichen: die Aufführungen sind immer ausverkauft, im Programm ist er wohl nicht mehr lange zu finden. 

Der Zufall hat gewollt, daß dem Rezensenten just an dem Abend ein Vorstellungsbesuch ermöglicht wurde, als Schweinfurt eine einschlägige Ausstellungseröffnung zelebrierte: die Doppel-Jubiläums-Ausstellung von Werken Carl Spitzwegs und Wilhelm Buschs. Die biographischen Daten der drei überschneiden sich (Spitzweg 1808-1885, Busch 1832-1908), und nimmt man den unscharfen und ausgefransten Begriff des »Biedermeier« als Epochenbezeichnung, so haben alle drei damit zu tun. Außerdem sind alle von dem geprägt, was man sehr ungenau und ungreifbar mit Humor bezeichnet. Freilich ist Heine (1797-1856) keine malerisch-poetische Doppelbegabung, wie die beiden andern es sind. (Bei Carl Spitzweg ist das allerdings viel weniger bekannt und natürlich viel weniger spektakulär als bei Wilhelm Busch, aber beide haben für einige Zeit bei den Fliegenden Blättern, einer frühen satirischen Zeitschrift, mitgearbeitet.) Der Hinweis auf die bemerkenswerte Schweinfurter Ausstellung muß für den Augenblick genügen; wir werden darauf ausführlicher zurückkommen. Soviel sei aber schon angedeutet: es handelt sich nicht um eine ›humoristische‹ Ausstellung, wie das mancher, zum Beispiel der anwesende Minister Goppel in seiner Begrüßungsrede, selbstverständlich zu erwarten scheint.

Es gibt zwei große Kunst-Zyklen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, die das Wort ›Winter‹ im Titel tragen, Heines »Deutschland. Ein Wintermärchen« (1844) und Schuberts »Winterreise« (1827). Ihre Entstehungszeit liegt nicht einmal zwei Dezennien auseinander, beide sind von einer tiefen Melancholie durchtränkt: der Winter als ein Signal der Schmerzen, das Zitat im Titel nimmt dieses Volksliedelement auf. Heines späterer Zyklus hatte zu kämpfen mit Metternichs Zensoren und ist durchwoben von Spöttelei, Ironie, Sarkasmus, verquerem Heimweh – und einer Zukunftsperspektive, deren Basis die Beseitigung von Ungerechtigkeit und Ausbeutung durch Staat und Kirche ist: »verschlemmen soll nicht der faule Bauch,/ was fleißige Hände erwarben« (Caput I). 

Diese hedonistische Zukunft, diese Hoffnung auf »Zuckererbsen für jedermann«, steht am Anfang des »Wintermärchens«, gleich im ›Caput I‹, und sie gibt auch den Ton des Abends an – zumindest für einen Strang: das Frohlockende, das Freudige, das Hoffnungsfrohe, das in dieser Revue zum Ausdruck kommt. Daß das Dunkle nicht ausgespart wird, versteht sich: eine dunkle, bedrohliche, den ›Erzähler‹ verfolgende Gestalt: »ich bin die Tat von deinem Gedanken« (Caput VI). 

So richtig in ein Konzept eingebunden erschienen mir diese Stücke aber nicht. Eine Art Nummernrevue schien eher die Leitlinie, eben eine »Rezitation mit Musik«. Deshalb auch die Ausschnitte aus Hölderlins »Hyperion«, der rund 40 Jahre früher entstanden ist (1797) und sich auf ein ganz anderes ›Deutschland‹ bezieht, also erklärungsbedürftig wäre, ebenso wie Schillers Ode »An die Freude« (1785) oder Hoffmann von Fallerslebens »Lied an die Deutschen«, das immerhin 1841 im englischen Exil auf Helgoland gedichtet wurde. 

Aus diesen Zutaten hat das Then-Quartett – benannt nach dem auf der Bühne stehenden raren zeitgenössischen Flügel des Klavierbauers Then – mit den Schauspieler-Sängern Bernhard Stengele, Ulrich Pakusch (am Klavier), Kai Christian Moritz und Philipp Reinheimer einen wunderbar animierenden Abend gezaubert. In wenig mehr als sechzig Minuten läßt sich freilich aus soviel Material kein wirklich tragendes Arrangement machen; und hat sich nicht auch die Diktion etwas vernutzt? Jedenfalls könnte man sich manchen Satz deutlicher als Vers gesprochen vorstellen, selbst vom bewunderungswürdigen Bernhard Stengele.

Wenn doch der Blick nach Schweinfurt nochmals die Muse des Quartetts beflügelte … Ist der Abschied nicht doch zu traurig, wenn das triumphale »marchons!« (auf! Los!) mit hängenden Armen = Flügeln mehr geflüstert als gesprochen wird und sich anhört wie »marchands« (Händler), die Revolution also zur Ware verkommen ist? Wechselseitig aufmunternde Zugaben konnte das Publikum jedenfalls nicht herauskitzeln.

Letzter Termin von »Deutschland, ein Wintermärchen« in den Kammerspielen des Mainfrankentheaters: Dienstag, 1. Juli 2007, 20–22 Uhr!

Und als Ausblick auf eine ausführliche Kritik der Busch/Spitzweg-Ausstellung in Schweinfurt hier einmal nicht der arme Poet unterm Dach, sondern ein Landschaftsgemälde von Wilhelm Busch: »Herbstmorgen« (1890er Jahre, Sammlung Wilhelm Busch Museum Hannover).


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1 Kommentar zu „»Sonne, du klagende Flamme«“

  1. Joachim Fildhaut sagt:

    Einen roten Faden hat die Inszenierung: Stumme kleine Spielszenen und anderes Beiwerk witzeln häufig zu einzelnen Stichworten Illustrationen herbei. Die setzen den Text direkt, ohne anregendes Spannungsverhältnis um. Und könnten gut wegbleiben.