Die Kunst der Arabeske

30. Juni 2008 | Autor: Berthold Kremmler

Sammel-Ausstellung von Schmuck-Künstlern bei Eva Maisch in der Sterngasse 5 (gegenüber Main-Post) vom 7.6.–5.7.2006

Von den Herbst-Rosen heißt es in einem der berühmtesten Gedichte von Stefan George: »Erlese, küsse sie und flicht den kranz‧« Erinnerungen an solche Verse stellen sich ein, wenn man die Ketten sieht, die Hilde Janich im Atelier von Eva Maisch ausgelegt und ausgehängt hat. George nimmt etwas von der Zartheit und Eleganz in sein Gedicht, die mit Worten so schwer vor Augen zu stellen sind. George hat sich vom welken Charme herbstlicher Blüten inspirieren lassen – das Zerbrechliche dieser Blumen ist uns sofort gegenwärtig. In diesem Schmuck steckt bei aller Feinheit und Zerbrechlichkeit jedoch auch ein Wille zur Dauer, da die Blüten nicht zwischen den Fingern sich in Staub auflösen Vielmehr sind diese Farbtupfer Überlebenskünstler: sie bestehen aus speziell präpariertem Pergament, wirken durch begrenzende zarte Farbe, als wären sie in Metall gefaßt, und feine Drähten verbinden sie miteinander. Ein Reigen aus Farbtupfern, eher eine Wolke als etwas Dinghaftes, zugleich zweidimensional, da aus so ungreifbarem Material gefertigt, und doch dreidimensional, da diese Plättchen in ihrer Eigenart widerborstig sind und nicht auf einer Ebene liegen.

Georges Gedicht spricht vom Ende des Herbstes, von den abgestuften Übergängen des Verfalls, davon kann hier gerade nicht die Rede sein: es ist kein Übergang ins Verschwinden, sondern es sind selbstbewußte Tupfer in allen Farbtönen, also so recht etwas für den Übergang vom Frühling zum Sommer, von ansteckender Heiterkeit und Gelöstheit.

Dabei lassen die Formen dieser Plättchen durchaus an Jugendstil denken. Aber was dort aus körperlichem Glas war, ist hier noch nicht einmal Kunststoff, sondern bearbeitetes Naturmaterial, mit einem Wort das, was man mit einem Verweis auf den Beginn des Artikels gerne so bezeichnet: ein Gedicht. Und es lechzt geradezu danach, einen schlanken Hals zu schmücken und seine Eleganz zu unterstreichen.

Pergamentschmuck von Hilde Janich

Die Arbeiten von Hilde Janich machen am intensivsten greifbar, was das Thema dieser verlockenden Ausstellung ist: »Leichtes« zu präsentieren. Eva Maisch hat in den vergangenen Jahren immer wieder einen Oberbegriff benutzt, um den ausgestellten Objekten einen inneren Zusammenhalt zu geben, zumindest anzudeuten. Im letzten Jahr waren das »Falten«. Dabei konnte es nicht ausbleiben, daß dafür ein intellektueller Über- oder Unterbau sich einstellte. Schließlich hatte einer der französischen »Meisterdenker« ein ganzes Buch geschrieben, um die Falte philosophisch zu verankern: Gilles Deleuze entwickelte eine Philosophie der Falte, mit Leibniz und dem Denken des Barock als Paten, und mit vielfältigen Facetten. 

Eine so griffige Idee bietet sich für diese Ausstellung nicht an. Und doch gibt es einen Bildbegriff, der sich auf diese Formenvielfalt und Spielerei durchaus anwenden läßt und zumindest seit dem späten 18. Jahrhundert die Gemüter bewegt: der Begriff der Arabeske. Er hatte Hochkonjunktur in der Romantik und im frühen 19. Jahrhundert und umfaßte das, was man in all diesen Arbeiten mehr oder weniger ausgeprägt finden kann: die ungezügelte Formenvielfalt, das Chaotische, das Verschlungene, was sich keiner Theorie der Ornamente fügen wollte, die dann später auch mathematisch immer feiner ausformuliert wurde. 

Diese Arabesken schlugen sich nieder etwa in den »Randzeichnungen« zu den literarischen Klassikern und haben wohl Nachwirkungen bis zu den Mobiles von Juan Miró und Alexander Calder.

So sehen denn auch manche dieser Ketten aus wie Mobiles im Kleinen, filigran und schwebend grazil.

Von all diesem Schmuck heben sich Gegenstände ab, die man als Behältnisse bezeichnen muß, weil sie einen Hohlraum haben, den sie aber geflissentlich zu verbergen suchen, oder Gebrauchsgegenstände sind, die man als Schmuckstücke wahrnimmt. Christoph Leuner arbeitet mit Holz – das ist in diesem Rahmen schon ein Sonderfall, wo es fast immer um Metall, mehr oder weniger kostbare Steine und delikaten Kunststoff geht. Freilich ist die Konstruktion dekorativ wie es auch die Oberflächen dieses Holzes auf wunderbare Weise sind, rauh oder geschliffen strahlen sie einen Reiz aus, daß man dem Impuls, darüberzustreichen kaum widerstehen kann. Worum handelt es sich? Da sind zum einen kleine Bänke, die aus kompliziert verleimten und verfugten Brettern zusammengefügt sind, aus unterschiedlichen Holzarten, mit unterschiedlichen Oberflächen. Auf den ersten Blick wirken sie wie massiv gefügt, bei näherem Hinblicken erkennt man, daß es nur dünne Bretter sind, die ihre Stabilität durch die Konstruktion erhalten: sie sind leicht nicht nur vom Material her, sondern auch vom Aussehen – echte nützliche Schmuckstücke.

Couchtisch

So ist auch ein Couchtisch konzipiert, der in drei unterschiedliche geometrische Teile aufgelöst, die, richtig aneinandergefügt, ein Quadrat ergeben, aber wieder mit einer wunderbar aufgerauhten Oberfläche, und so stabil, daß man sie einzeln auch als Hocker benutzen kann. Tatsächlich sind  diese Objekte innen hohl, was sie leichter macht, als sie auf den ersten Blick scheinen.

Sitzbänke

Und dann sind da noch Gebilde mit richtig umbauten Hohlräumen, deren Funktion man zunächst nicht versteht, zusammengefügte Kuben, die sich als Vasen oder als bloß schöne Holzelemente verwenden lassen. Bei der Eröffnung waren noch weitere, die im kleinen an marokkanische Kasben erinnerten, fremdartig, ohne offenkundigen Verwendungszweck, aber von mehr als nur spielerisch-dekorativer Wirkung.

Kleinere Hohlkörper-Objekte

Es ist hier nicht der Raum, all diese kleinen Preziosen gesondert hervorzuheben. Aber wenigstens die Kunstgebilde aus leichtestem Kunststoff von Ines Arndt verdienen noch hervorgehoben zu werden. Sie bestehen aus ganz zarten, ornamental geschnittenen Plättchen, die zu Armreifen und Halsketten zusammengefügt sind und wie schwerelos und je nach Verbindung lockerster Räumlichkeit evozieren. Das ›künstliche‹ Gegenstück zu den Pergamentblättchen der Hilde Janich, aber großflächiger, ausladender: man kann sie noch besser als diese Ketten geradezu aufstellen.

Armreif

Und ein letztes Beispiel: die Arbeiten der Alexandra Bahlmann. Ihre besondere Spezialität sind Ketten aus mobilen geometrischen Teilen, die ineinandergehängt werden können, aus festem Draht sind und eine ganz zarte Strukturierung ihrer Umgebung bewirken. 

Kette

Die anderen Goldschmiede und  Schmuckdesigner seien wenigstens noch erwähnt: Annette Ehinger, Susanne Elstner, Sophia EppKathrin Sättele, die auf ihre je besondere Art zum Gelingen der Ausstellung und zur Verführung der Interessenten beitragen, auch wenn sie hier nicht alle einzeln ausführlicher erwähnt werden können. Sie verdienen jedenfalls alle unsere Bewunderung. Und was sie verbindet, außer ihrer graphisch-ästhetischen Wirkung, ist dieser feine Kunstcharakter, der so gar nichts mit dem Zurschaustellen von Reichtum (und damit einhergehender Macht) zu tun hat, sondern nur Oberflächen, also Haut, ziseliert und verschönert.

Erhellende Informationen zur Arabeske:
»Arabeske«. In: Ästhetische Grundbegriffe in 7 Bden. Bd. 1. Stuttgart/Weimar: Metzler (Artikel von Günter Oesterle)


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