Design im Alltag (3)

15. Juli 2008 | Autor: Jochen Kleinhenz

Diesmal: Fraktur – die gebrochene Schrift. Und: der Kiliansbrunnen (mal wieder).

Vermutlich ist die Zahl derer, die schon einmal eine Fraktur hatten, inzwischen größer als die derjenigen, die Fraktur noch lesen können. Wobei: Die eine oder andere Zeitung schmückt sich mit dieser Schriftvariante noch im Kopf (aber wer liest schon noch Zeitungen?), und an Wirtshausschildern sieht man sie auch immer wieder dann, wenn Zünftigkeit und Tradition vermittelt werden sollen (auch hier die Frage: Liest man überhaupt noch »Krone«, »Anker« oder sonstiges, oder wird man nur des Schriftbildes gewahr, das irgendwie »Essen und Trinken« verheißt?). Daß die Fraktur wegen des teilweise groben Unfugs, der mit ihr auch heute immer wieder mal getrieben wird, »gebrochene« Schrift heißt, wäre weit hergeholt. Aber betrachtet man die aktuellen Beispiele für Ihren Einsatz genauer, dann muß man schon schlucken – und die eine oder andere Träne wegwischen.

So soll wohl auch auf dem Bittbrief, mit dem der Freundeskreis Geschichtswerkstatt Würzburg um eine Spende für den Kiliansbrunnen wirbt, im Flur des Würzburger Rathauses links an der Wand, die Fraktur Tradition, Geschichtlichkeit, Wert und sonstwas kommunizieren.

Nur eine Zeile, »für den Kiliansbrunnen«, ist da in Fraktur gesetzt. Im Bestreben, mit der Platzierung des etwas aus der Mode gekommenen Lang- oder Binnen-»s« alles ja ganz richtig zu machen, wird leider das wenige, was man falsch machen kann, auch konsequent vergeigt: das Lang-»s«, das sich heute nur noch als linke Hälfte des »scharfen s« oder »ess-zett« zeigt (welches ja nun auch ständig im Gerede ist, sei es, dass es abgeschafft werden soll, sei es, dass es endlich auch Großbuchstabe werden soll), gilt wohl innerhalb eines Wortes bzw. an dessen Anfang – weshalb das uns geläufigere »s« ja auch gerne als Schluß-»s« bezeichnet wird.

Aber bei der Kombination zweier eigenständiger Hauptwörter, wie »Kilian« und »Brunnen«, hat das Lang-»s« in deren Mitte nichts verloren, hier müsste ein Schluss-»s« seinen Dienst verrichten, da es am Schluss von »Kilian« steht. Kompliziert? Aber hallo!

Vielleicht ist das alles Erbsenzählerei. Aber: die anderen haben doch damit angefangen, mit ihrem Lang-»s«, ihrer bemühten Richtig- und Wichtigmacherei. Die Geschichtswerkstatt sollte hier doch ein wenig die geltenden Regeln beachten. Sonst könnten böse Zungen noch behaupten, das Lang-»s« sei auf dem Zettel hier so richtig und wichtig wie der Kiliansbrunnen am Bahnhofsvorplatz. Nämlich: gar nicht.


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