Party Intellectuals – Ceramic Dog live

24. Juli 2008 | Autor: Rigobert Dittmann

Manchmal macht Würzburg tatsächlich Spaß. So wenn Marc Ribot mit seinem Powertrio Ceramic Dog, dank Freakshow-Charly Heidenreich, am 14. Juli auf halber Strecke zwischen Berlin und München einen Zwischenstop im Würzburger Omnibus einlegt. Dessen Gewölbe wurde seit 1970 wohl nicht oft mit Klängen von derart großstädtischem Zuschnitt und derartiger Vehemenz beschallt wie an diesem Montagabend. 

Über 80 Interessierte waren bis zu 200 km angereist, um den Mann live zu erleben, der mit Shrek und Y Los Cubanos Postizos, von den Lounge Lizards und immer wieder John Zorn bis zu Brewed By Noon so Gitarre spielt, dass Arte & SWR2 seine Soloeinspielung Saints (2001) unter die 50 Jahrhundertaufnahmen des Jazz zählen. Selten habe ich eine solche Mischung gesehen aus Jungvolk, Altrockern und Senioren beiderlei Geschlechts, denen ich eher ein Faible für süffigen Gruftijazz unterstellt hätte. 

Als es gleich nach einem zarten Intro um 21:26 Uhr laut wurde, machte ich mir Sorgen um zartbesaitete Seelen auf der völlig falschen Hochzeit. Aber weit gefehlt, mit einer durchgeknallten Version von »Break on Through« war klar, alle »Party Intellectuals« – Ribot bescheinigt speziell dem deutschen Publikum ja überdurchschnittliche Sophistication – waren auf der richtigen, auf einer spannenden Party. Der »Philosoph des Nihilismus im Gitarrenladen«, wie ihn Radio-DJ Harry Lachner nannte, ist ein grausträhniger Zausel mit Lesebrille und Sandalen, der Drummerein junger Lackel namens Ches Smith, der sich in Good For Cows, Theory of Ruins oder Trevor Dunn‘s Trio Convulsant profilierte. Mit Shahzad Ismaily am Bass und, mit wahrer Inbrunst, an einem Minimoog als Preacher in der Church of Sun Ra, gaben immer wieder mitreißende Lektionen in »listiger Dekonstruktion«. 

Allein die Stücke, die von der neuen CD Party Intellectuals (Pi Recordings, PI27) stammten, wechseln von den Doors über das surreal-elegische »When We Were Young and We Were Freaks« – wobei »Freaks« jedesmal als Blitz einschlägt –, das Latin-Flavour von »For Malena«, den Holterdiepolter-Drive von »Never Better« bis zum beastie-boy-launigen Titelstück und dem Moogwurm »Digital Handshake« mit seiner Sturmwindgitarre als Zugabe. Smith und Ismaily, die ansonsten in Secret Chiefs 3 »a loud hybridization of Persian classical music and death metal« spielen und als The Night Porter an der Seite von Carla Bozulich (ja, ja ja, die wahre Welt ist klein), harmonieren mit innigem Blickkontakt wie ein Herz mit seinem Schrittmacher. 

Ismaily, ein 36-jähriger Cosmopolit mit pakistanischen Roots, Lorbeeren in Carla Kihlstedts Two Foot Yard und einer Körpersprache zwische Yogaguru und Fips der Affe, ist das Herz. Er switcht zwischen pulsierenden Basslinien und extremem Mooggespotze und -gefiepe, das er einem genüsslich um die Ohren splattert. Smith verdreht vor Konzentration die Augen, pitcht das hoch angebrachte Cymbal bis es zischt, rumpelt komplexe Taktfolgen, triggert elektronischen Rhythm & Noise. Ribot signalisiert: Macht weiter, weiter. Und zwirbelt selbst die Saiten mit variablen Tunings und Pedaleffekten, zappt von easy auf heavy, ist Blueser und Singer-Songwriter, reimt »I have X-ray-eyes« auf »You can stop your lies«, twangt wie The Shadows und hat wieder den Blues. Und probiert schon mal den neuen Song »Order and Protection«. Zusammenhalt stiftet dabei eine »sarkastische Phantasie, die eine neue, unverbrauchte Sprache für die Melancholie« sucht (wie Lachner es formulierte) und dabei keine Tradition unversucht lässt, die einem »Change your life« ins Ohr träufelt. 

Ribots Spiel ist stupend, aber nicht auf geleckte Perfektion bedacht. Wichtiger scheinen Reibungen, die die Neugier schüren, Wendungen, die staunen machen, die Ungeniertheit, mit der Ironie, Kitsch, Spielerisches und Intensives, Sich-Vorantasten und zwingendes Riffing zusammenklingen. Es war ein Montag, der viele mit frisch gefüllten Memoryspeichern in die Nacht und den Alltag entließ. Manchmal leuchtet eben Würzburg vor München.


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