Ein Hafensommernachtstraum

2. August 2008 | Autor: Rigobert Dittmann

»Die Erfindung des Akkordeons war die Geburtstunde der populären Musik.« (C. Wagner)
Accordion Tribe live am 26. Juli beim Würzburger Hafensommer 

Accordions Go Crazy, Buirette, Matinier, Hassler, Reichman, Burger, Pohjonen, Altobelli, Fujii, Peltonen, Redfearn, Juhola und vor allem Guy Klucevsek gehören mit ihren Squeezeboxes zum Inventar des bad alchemystischen File under popular. Natürlich war ich dabei, als Bratko Bibic & The Madleys 2004 zur Filmcollage »In the Family Garden III« die Geschichte Sloweniens und die Rolle des Akkordeons in Frieden, Krieg und Revolution Revue passieren ließen, oder 2005, als er und Lars Hollmer Stefan Schwieterts Filmdoku »Accordion Tribe – Music Travels« auf dem Würzburger Internationalen Filmfestival live anheizten.

Im Accordion Tribe vereinen sich fünf Squeezeboxtraditionen – verkörpert in Bratko Bibic (Lubljana), Lars Hollmer (Uppsala), Maria Kalaniemi (Finland), Guy Klucevsek (New York) und Otto Lechner (Wien) – zu einer Hand. In diesen Namen schwingt Vieles mit – Begnagrad und Nimal, Zamla, NY Downtown und, da für den erkrankten Hollmer Amy Denio einsprang, auch noch EC Nudes, The Tiptons und Die Resonanz.

Der Hafensommer ist eine dieser Einrichtungen, mit der Nichturlaubsverreiste bei Laune gehalten werden sollen. Oft zeigt sich da das Menschenbild kommunaler Kulturamtsfunktionäre und wie sie ihm dienen. Mit etwas Knowhow kann das aber so reizvoll sein wie dieser Abend hinter dem Kulturspeicher auf den gut besetzten Stufen vor der schwimmenden Bühne, auf der der Tribe zuerst die folkloresk swingenden »Encore trois …« »… deux …« & »… un W« von Bibic anstimmte. Zugaben als Auftakt? Nicht das letzte Augenzwinkern dieses gewittrig umgrollten und in urbane Geräuschkulisse getauchten Konzerts.

Klucevsek steuert als Nächstes den kapriziösen »Waltz for Sandy« bei, ein weiteres – wie sagt man? – Schmankerl von Lunghorn Twist (2006). Denio fliegt mit »Raisa«, das auch zum Tiptons-Repertoire gehört, in den Orient, beschwingt mit wortloser Vokalisation. Kalaniemi geht mit, übersetzt, »Tribe« und uriger Vokalisation von Denio und Bibic zurück in die Bronzezeit. Lechner gibt zu seinem Drehwurm »Gras« die Sprachlektion, dass Österreicher »Gros« rauchen und sich im »Gras« (Kreis!) drehn. Seine Lakonie und sein Genie, alle Arrangements im Kopf zu haben, während die andern ihre vom Wind verwehten Partituren vermissen, zählt sowieso zu den Big Points des Tribes. Nicht zu vergessen, der verwegene »Tangocide« und am andern Ende der Stimmungsskala Kalaniemis herzbewegendes Lied an den Wind, der die Sorgen wegblasen soll. Ihr Volksliedton, ihre Stimme, dringen direkt ins Gemüt.

Die Pause und vor allem der einsetzende Regen waren zwar ein Stimmungsknick, aber für Klucevseks Erinnerungen an seine slovenische Ersatzmutter, »Spinning Jennie«, oder den Lovesong »Unikko« mit Beauty-Beast-Kontrast zwischen Kalaniemis blondem Ton und Lechners dunklen Kehllauten passte der Regenvorhang eigentlich wie bestellt. Lechner singt dann noch Scat für seine launige »3/4 Suite« und Klucevsek groovt durch sein Hollmer gewidmetes »The Return of Lasse«. Die unterschiedlichen Handschriften, der Wechsel zwischen schneller Balkanrhythmik, Lechners Geknurre und nordischer Elegie, pumpenden Bässen und silbrigem Flöten im Reigen von Duos, Trios oder Tutti sind ein Genuss, wie Folklore, das Tanzvergnügen »kleiner Leute« und Arrangierkunst vexieren und sich gegenseitig »verbessern«, erst recht. Mit »Boeves Psalm« erklingt als Nachschlag noch ein besonders schöner Hollmer-Ohrwurm zum Mitsummen und Mitfühlen. Pop und Mensch, mitternachtsblau versöhnt. Ach was?


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