Vielleicht auch träumen

4. August 2008 | Autor: Rigobert Dittmann

Mein zweiter Versuch, dem Drang des Irdischen auf den Stufen hinter dem Heizkraftwerk eine Auszeit zu gönnen, führte mich am 2. August zu Staubgold (Berlin) meets Normoton (Karlstadt). 

Zur Begrüßung wurde ich mit Leonard Cohen und Velvet Underground beschallt, so laut, dass man sich nur brüllend verständigen konnte. An Unterhaltung war da nicht zu denken. Für die Unterhaltung waren schließlich auch Pupkulies & Rebecca zuständig, das Ex-Würzburger Pärchen Janosch Blaul & Rebecca Gropp, mit seiner von Klaus Burkard in der unterfränkischen Zementstadt publizierten »charmanten« Minimal-Chanson-Electronica. Bei allem Lokalpatriotismus fiel es mir nicht so leicht wie den meisten, Rebeccas wonniges Lächeln zu spiegeln. Zunehmend beneidete ich einen Treppennachbarn, der sich was zu Lesen mitgebracht hatte. Der Elektropop »für Herz & Gefühl« mit seinem »Could not be better«-Feeling und ausdauernd wiederholten Phrasen in Simple English oder sporadischem Französisch, durchwegs in gemütlichem Midtempo, ist Soundtrack der Affirmation und Ausdruck einer Animationsphilosophie wie aus dem Bilderbuch: Each step you take brings you one step forward.

Recht so, weiter so: Der Spatz in der Hand als Faustpfand des kleinen Sommerabendglücks aus freundlichen Pünktchenmustern. Der Schmus gipfelte in Hits wie »Save me«, dem schmachtenden »Pepper«, das allerdings auch keinen Pfeffer, sondern Zimt auf die wunde Seele streut, und dem als Zugabe geforderten »Some gin«. Nichts, was ein Erwachsener nicht mit einem weiteren Bier leicht ertragen könnte, aber doch auch kein Fokus für Aufmerksamkeit oberhalb eines vegetativen Cocoonings.

Marcus Detmer brachte als wiederum viel zu lauter Pausenfüller mit »Route Nationale 7« von Tueurs De La Lune De Miel dann doch auch die »etwas andere« Popfraktion zum Lächeln, bevor das Kammerflimmer Kollektief aus Karlsruhe, direkt vom Klangbad, dem »Faust«-Festival, angereist, diesen Abend hätte vergolden können. Doch die dröhnminimalistischen Schallwellen, die Thomas Weber mit Gitarre & Elektronik, Heike Aumüller mit Harmonium und einer Art indianisch-schamanischen Vokalisation und der virtuose Kontrabassist Johannes Frisch von der schwimmenden Bühne aussandten, blieben diesmal, obwohl natürlich im Kontrast zum ersten Teil des Abends eine Wohltat, unvermutet wirkungsarm. Relativ (zu) leise und ohne offensive Ausstrahlung ins Publikum, blieb diese Psychedelik unter ihren Möglichkeiten.

Kammerflimmer Kollektief

Foto: Christian Walter

Das Konzept an sich, minimales Gitarrenriffing, dezente Elektronik, der schimmernde Harmoniumschwebklang, Frischs Schwirreffekte und oft gestrichenen Linien, die dabei vom Sonoren immer wieder auch ins Diskante kippten, ist in sich schlüssig und hat seine Reize, wenn das Ganze etwas weniger geistesabwesend und lustlos wirken würde, die vielleicht nur konzentrierten Akteure nicht derart unterkühlt und introvertiert. So blieb der »Gammler, Zen und Hohe Berge«-Trip ohne Druck, esoterisch vage, wie implodiert, lediglich eine ambiente Präsenz, die im Widerspruch stand zur zentralperspektivischen Theatralik des Rahmens. Mir jedenfalls sind dabei keine Traumflügel gewachsen, der Beifall blieb insgesamt so lau wie dieser Sommerabend. Als Überschrift hatte ich kurz sogar »Im Main Baden gegangen« im Sinn.


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