Das Leben ist kein Wunschkonzert

6. August 2008 | Autor: Rigobert Dittmann

Dienstag, 5. August – mein dritter HAFENSOMMER-Abend war ein kontrastreicher: Zuerst Wrongkong, The Strike Boys aus Nürnberg als Quintett mit der Sänger- & Tänzerin Cyrena Dunbar als Frontfrau. Die präsentiert sich, verdoppelt im eigenen Videodesign, als kleiner Soldat des Glamour in hochhakigen Stiefelchen und Babydoll. Viel, viel Bein in zackig-strammen Bewegungen, ein Hochglanzmannequin mit audiovisuellem Pop-Appeal, das Alphamädchenpower verkörpert. 

Style over content, plastikverpackt. Die 80er revisited, pure Videoclip-Ästhetik mit Assoziationen von Annie Lennox bis Roisin Murphy, angetrieben von einer stilgerechten Rave-Mixtur aus Yamaha-& Gitarrensound. Letztlich aber ein 10“-Act mit Klappalbum-Längen. Mit einem Video, das durch Röntgenaugen Körper transparent macht, und Bildern spielender Hunde, die vom Cyrena-kultigen Fokus abweichen, stiehlt sich die Blondine aus Calgary (wohl unfreiwillig) selbst die Show. Pause – 

Auftritt Gustav. Fast unbemerkt fängt sie an, die Wiener Laptopperin & Sängerin Eva Jantschitsch. Nach dem vorausgegangenen Blitzlichtgewitter die Unscheinbarkeit in Person vor der scheinbar unlösbaren Aufgabe als Alleinunterhalterin eines nach Attraktionen schielenden Festivalpublikums. Statt »Wohlfühl-Hully-Gully« gibt es erstmal die Mahnung »Das Leben ist kein Wunschkonzert« und als Showeinlage strippt sie ihre Weste aus, um sich in Bluejeans und grauem T-Shirt einfach als »sie selbst« zu präsentieren. Natur statt paniert, Verstand statt Glamour, and the music turns minor. Aber sie macht ihre Nicht-Show so bravourös, triggert ihre Elektroarrangements zwischen sophisticated und poppig so nonchalant und singt vor allem so schön und überzeugend kluge Sachen, dass Widerstand, falls es je welchen gab, zwecklos ist. 

Doch Jantschitsch reflektiert sich (und ihresgleichen) gleich auch wieder ironisch als »Totally Quality Woman« und »cultural engineer«. Entertainment hin oder her, sie stimmt einen guten Song nach dem andern an und harft dabei direkt auf den Herz- & Hirnfasern. Schwing dich auf die Vespa, Schatz, lass uns Strand finden unter dem Pflaster der Revolution … Träumen vom Meer ist zu wenig. »One Hand Mona« vergleicht die Ehe mit der Amputation eines Arms, inszeniert eine Erkenntnis solcher Ehekrüppelei und wird zum Appell: Stop suffering with dignity … Rise and shine, Mona. Was sie sich wohl bei Cyrena gedacht hat? Ohne jedes Rollenspiel, ohne Alphamasche, aber auch ohne zu predigen, serviert Gustav Wirklichkeitshäppchen, Gendertopics, politischen Diskurs. Sie artikuliert ihr Unbehagen an der Lage der Dinge als Poesie mit Widerhaken und wagt, nachdem sie Rage Against The Machine gecovert hat – inklusive Mitklatsch- und Call & Response-Parodie -, mit ihrem Aufruf »Verlass die Stadt« sogar einen dystopischen, fast apokalyptischen Ton: Sie haben die Straßen auf Sprengstoff gebaut, die Kanäle geflutet, den Abfluss gestaut … Was für ein Vexierspiel zwischen Realismus und Romantik, zwischen Antitainment und Musik von finessenreicher Großartigkeit. Was für ein Schmäh. Sie braucht nur mit dem kleinen Finger zu winken und wir Würzburger fressen ihr aus der Hand. Mir fällt auf Anhieb niemand sonst ein, der so gekonnt mit Widersprüchen jongliert und eine so leichte Hand hat für das Schwere, aber viele gute Gründe, mit Gustav Wale zu retten, den Müll zu trennen und die Glut anzufachen, damit die Seele brennt.


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