Lauer Würzburger Theatersommer …

1. September 2008 | Autor: Manfred Kunz

… allein der 2. Hafensommer hielt Kurs Richtung Niveau. Ein überarbeiteter* Beitrag zu einer nicht geführten Qualitäts-Debatte.

Heiß und aufregend sollte er werden, der meteorologische Sommer 2008. Lau und reichlich altbacken war dagegen der Würzburger Theatersommer 2008. Auch wenn im chronologischen Fortschreiten der Premierentermine zumindest eine graduelle Verbesserung sicht- und spürbar war.

Den Start in die Theater-Open-Air-Saison hatte am 13. Juni »Der verkaufte Großvater« im Efeuhof des Würzburger Rathauses bestritten. Dieses grobschlächtige Bauerntheaterstück war die erste von zwei Produktionen, die das Theater Ensemble in diesem Jahr im Stadtzentrum zeigte, nachdem die Werkstattbühne aus Kostengründen auf eine eigene Freilicht-Produktion verzichtet hatte. Als hätte es die fortschrittliche Neubelebung der Volkstheatertraditionen in den 1970er Jahren nie gegeben, ist ausgerechnet dieses volkstümliche Machwerk, das sinnigerweise 1942 (!) verfilmt wurde, auf den Spielplan geraten, und war in der Inszenierung von Andreas Büettner, der sich offensichtlich auch für keinen Quatsch zu schade ist, bis zum 20. Juli zu sehen.

Ein alter Hut ist auch, um in der Premierenchronologie zu bleiben, »Die Geschichte vom braven Soldaten Schwejk«, die das Theater Chambinzky vom 3. Juli bis zum 16. August im »Theatergarten am Stein« neben dem ehemaligen Tenniscenter am Stein gezeigt hat. Aus Anlass seines 25-jährigen Jubiläums hat das Chambinzky diesen durchaus humanistischen und pointenreichen Klassiker nach dem Roman von Jaroslav Hasek wieder in den Spielplan genommen – und zum wiederholten Mal spielt Kurt Egreder, der langjährige Vorsitzende des Chambinzky-Vereins, in der Titelfigur die Rolle seines Lebens. Martina Esser hat die Geschichte um das wundersame Charakter-Chamäleon in einer üppigen, menschlich-warmen Inszenierung auf die Bühne gebracht – auf dass die Kassen des scheinbar finanziell gebeutelten Chambinzky mal wieder ordentlich klingeln.

Überhaupt scheint das liebe Geld – zumindest bei der diesjährigen Stückauswahl auf den Würzburger Bühnen – der einzig ausschlaggebende Beweggrund gewesen zu sein. Denn wie sonst ließe sich erklären, dass auch »Ingeborg«, die zweite Produktion des Theater Ensemble im Efeuhof allenfalls das Remake einer bereits vor 10 Jahren im August 1998 gezeigten Klamotte von Curt Goetz ist. Premiere war am 24. Juli, gespielt wird bis zum 7. Sept. Und auch das Theater am Schützenhof  vertraute ab dem  17. Juli nochmals auf die schon im letzten Sommer nicht gerade prickelnde Comedy-»Attacke aufs Zwerchfell« (MP) »McBad – Der Tyrann vom Dallenberg«. Dass damit die Hausgemeinschaft jener legendären »Villa Dalla« am Mittleren Dallenbergweg gemeint ist, deren 20-jähriges Jubiläum am Tag der fußballerischen Hinrichtung der Niederlande durch den St. Petersburger Andrej Arshawin bis in die Mittagsstunden des nächsten Tages mehr als gebührend gefeiert wurde, wollen wir an dieser Stelle wohl mit Recht bezweifeln; warum sich aber das Komödianten-Quartett für seine Musical-Comedy mangels eigener Ideen ausgerechnet bei einem der tragischsten (und besten) Shakespeare-Texte schamlos bedient hat, darf man trotz der Geldnöte aller Klein-Künstler wohl auch mal nachfragen.

Und auch die Frage danach, warum mit öffentlichen und privaten Sponsoren-Geldern die ewige Wiederkehr des Immergleichen subventioniert wird und belanglose Unterhaltungs-Dutzendware und abgedroschene Schmonzetten gefördert werden, darf an dieser Stelle wohl einmal laut in den öffentlichen Raum gestellt werden. Denn – und das verdeutlicht der Blick auf die Spielpläne in der näheren und weiteren Würzburger Umgebung, etwa in Röttingen, Gemünden, Hammelburg und Langenprozelten, bzw. Feuchtwangen, Schwäbisch-Hall, Bad Hersfeld und Wunsiedel – Open-Air-Theater und Niveau müssen sich nicht zwangsläufig ausschließen. Denn auch an jenen Spielstätten bedienen die gespielten Stücke natürlich in erster Linie das sommerliche Unterhaltungsbedürfnis – im Gegensatz zu Würzburg allerdings ohne dabei auf einen klassischen Bildungsauftrag zu verzichten oder ein ästhetischen und intellektuellen Mindeststandard zu unterschreiten.

Wohin also sollte man gehen, als neugieriger, einigermaßen aufgeschlossener, sich ungern intellektuell unterfordern lassender oder gar kulturell gebildeter Würzburger in diesem Sommer 2008? Auch wenn das Theater-Angebot eher marginal war, die Sparte Kabarett trotz der nähe zum Bockshorn komplett fehlte, war das international konkurrenzfähige Gesamt-Programm des 2. Würzburger Hafensommers ein qualitativ überzeugendes Angebot. Insbesondere das Konzert mit Accordion Tribe, der famose Bigband-Jazz-Abend »Woodstock Dilemma« mit einem der renommiertesten musikalischen Kulturbotschafter Würzburgs, dem Würzburg Jazz Orchestra (WJO), einmal mehr die herausragende Schweizer Musik-Internationalistin Erika Stucky und ihr Alphorntrio Roots of Communication, und meine beiden persönlichen Highlights, die leider, leider nur mäßig besucht waren: das exzeptionelle, aus Wettergründen ins Ausweichquartier Bockshorn verlegte und dort (selbst im Sitzen) schweißtreibende Club-Konzert mit dem Jazz-Quintett Christian Prommer’s Drumlesson, dessen zweiter Frontmann, der Pianist und Multiinstrumentalist Roberto di Gioia die furiose materielle Schnittstelle zwischen Techno-Tracks und Jazz-Arrangements bildete und dessen Performance allein das Eintrittsgeld wert war, sowie das zukunftsträchtige Double-Feature mit Wrongkong und der völlig unprätentiösen Wiener Musik- und Politik-Skeptikerin Eva Jantschitsch, deren Projekt Gustav beim Überschreiten aller Genregrenzen nie ins Postmodern-Beliebige ausuferte, sondern hinter jedem Song eine geradlinige Haltung vorscheinen ließ, die sich mit den Widersprüchen der Welt und den geplatzten Verheißungen der Kulturindustrie nicht abfinden mag.

Endlich einmal durften sich also auch die Würzburger »Stars« im Publikumsvergleich mit denen messen, die künstlerische Stars sind, ohne sich das anmerken zu lassen. Die auch beim Hafensommer-Rückblick bilanzierte alte Fußballer-Weisheit, dass die Besucherzahlen bei Heimspielen höher als bei (Auswärts-) Gastspielen sind, beantwortet noch lange nicht die Frage nach künstlerischer Qualität. So zeigte sich das Programmteam in der Festivalbilanz bei aller berechtigten Zufriedenheit auch durchaus selbstkritisch und sprach von vielen »gesammelten Erfahrungen« und weiterhin nötigen »Verbesserungen« im Konzept. Das meint hoffentlich nicht nur die Reaktion auf die Beschwerden von tatsächlich oder vermeintlich Lärm-geplagten Nachbarn, die – wie es sich für Würzburg gehört – pünktlich zum Festival-Finale ihren großen Auftritt auf den Lokal- und Leserbriefseiten der örtlichen Tagespresse bekamen. Symptomatisch für Würzburg auch, dass gerade über diesen, doch eher marginalen Aspekt eines gelungen Festivals, im öffentlichen Raum mehr diskutiert wurde als über den qualitativen oder gar ästhetischen.

* Eine kürzere Fassung dieses Textes ist im Kessener 03/2008 erschienen.


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6 Kommentare zu „Lauer Würzburger Theatersommer …“

  1. Wulf-Dieter Lipinski sagt:

    Aber, aber, lieber Herr Kunz ….

    Die Komödie „Ingeborg“ von Curt Goetz als Klamotte zu bezeichnen, erscheint mir angesichts der unten aufgeführten Definition des Begriffs* denn doch etwas „non chalant“.

    Dennoch bleibe ich Ihr Sie stets sehr schätzender
    Leser!

    * Nichtmateriell, im Singular, bezeichnet Klamotte auch einen derben Schwank ohne besonderes geistiges Niveau, zunächst im Theater, später auch in Film und Fernsehen.[1]

    [1]↑ a b c d nach Duden «Etymologie» – Herkunftswörterbuch der deutschen Sprache, 2. Auflage, Dudenverlag, 1989

  2. Joachim Fildhaut sagt:

    Tatsächlich: Auf den Duden-Begriff der Klamotte passt „Ingeborg“ nicht. Aber, um kurz in die Qualitätsdiskussion einzusteigen: Ein genaueres Hingucken auf „Ingeborg“ zeigt die vollständige Hilflosigkeit des ausführenden Theater Ensemble gegenüber dem Werk.
    Das Motiv von „Ingeborg“, nämlich „Freund rettet Freund / Frau dazwischen liebt die ideale Tat“, wurzelt tief in der Moralität der Klassik, zwinkert aber beim (geschickten, analytischen) Durchführen der Heldenhandlung in Richtung auf die zur Entstehungszeit gängigen Inhalte der Trivialliteratur. Da sich letztere in den dazwischenliegenden 90 Jahren extrem gewandelt hat, steht die Goetzsche Persiflage darauf, also „Ingeborg“, im Hemd. Ihr fehlt der Bezugsrahmen. Das Theater Ensemble hat keinen neuen Rahmen gesucht. Es gab kein dramaturgisches Bemühen, und dieses Manko ging schneidend zu Lasten der Qualität.
    Außerdem habt ihr – Anwesende und den Mimen des Gatten ausgenommen – schlecht gespielt.

  3. Birgit sagt:

    Dennis Schütze hat mich indirekt auf den Blog gebracht –
    und was ich da lesen darf, bringt mich doch um meine gute samstägliche Laune:

    „Und auch die Frage danach, warum mit öffentlichen und privaten Sponsoren-Geldern die ewige Wiederkehr des Immergleichen subventioniert wird und belanglose Unterhaltungs-Dutzendware und abgedroschene Schmonzetten gefördert werden, darf an dieser Stelle wohl einmal laut in den öffentlichen Raum gestellt werden“ – und kann auch beantwortet werden:
    Nämlich: Sowohl von öffentlichen als auch von privaten Sponsorengeldern wird das „Theater am Schützenhof“ ( und mit Sicherheit nicht nur das ) in keinster Weise behelligt. WIr erarbeiten alles selbst und finanzieren das Ganze aus privater Kasse vor.
    Und – Nö….. statt dass man uns zugute halten könnte, dass wir wenigstens was vom alten Shakespeare Inspiriertes auf die Bühne bringen, eben WEIL der spannenden Stoff liefert – war auch das wieder nix….
    „Belanglos“ und “ abgedroschen“ – da wird doch der Wein im Bocksbeutel sauer.
    Ich kann Ihnen gleich versprechen, dass es auch 2009 noch viel schlimmer werden wird! Noch mehr Klamauk! Und mehr doofe Scherze! Und lustige Lieder!
    Und das Allerschlimmste: Wir werden dabei auch noch einen Höllenspaß haben!
    Und zwar jeden Abend!

  4. Birgit sagt:

    … Ach so … ganz vergessen:
    Nicht nur wir werden Spaß haben, sondern auch die zahlreichen Zuschauer, die sich das tatsächlich doch immer wieder antun….

  5. Joachim Beck sagt:

    Mein lieber Herr Gesangsverein!

    Herr Kunz, Sie müssten es doch eigentlich etwas besser wissen! Es ist tatsächlich so, dass die freien Theater sich „Kunst“ garnicht mehr leisten können. Es gilt eine große Menge Zuschauer zu gewinnen, um die Theater wenigstens halbwegs übers Jahr kommen zu lassen. Mit Zuschüssen zwischen 19 und 30.000 Euro pro Jahr (ja, Jahr, nicht Monat) versuchen die freien Theater irgendwie zu überleben. Der Ruf nach „Kunst“ und „Neuem“ ist im Zusammenhang mit Sommertheater in Würzburg völlig verfehlt. Ich schätze Sie ja sonst wirklich als Kritiker, aber diesmal: glatte Themaverfehlung!
    Ab und an gibt es noch Inszenierungen, die etwas wagen, aber das Publikum (und für das wird gespielt, nicht für die heren Ansprüche der Theaterideologien verschiedener Couleur) verzeiht das immer weniger. Kein freies Theater in Bayern kann es sich leisten Zuschauer oder Stammpublikum zu verprellen. Häuser wie das Mainfrankentheater könnten dies noch eher ausgleichen, und dort kostet alleine Ausstattung und ein Bühnenbild für eine Inszenierung mehr als alle freien Theater im ganzen Jahr zusammen an Zuschüssen bekommen.
    Ich kann nur über Ingeborg sprechen: den Zuschauern hat es zu einem großen Teil gefallen. Wenn Theater nur noch „Kunst für den Elfenbeinturm“ produziert, für wen wird dann noch gespielt bitteschön? Sicher nicht für ein breites Publikum. Und wenn Zuschussgelder dafür ausgegeben wird, einer größeren Anzahl von Menschen Freude und Abwechslung von ihrem immer belastender werdenden Alltag zu verschaffen, ist das Geld gut angelegt – abgesehen davon, dass außer beim Hafensommer Sponsorengelder oder Zuschüsse eher die absolute Ausnahme denn die Regel sind.

    Joachim Beck

  6. Wolfgang Jung sagt:

    Ich stimme ganz und gar mit Manfred Kunz überein. In der freien Theaterszene herrschen seit Jahren Belanglosigkeit, Langeweile und Anspruchslosigkeit. Keine Wagnisse, keine aufregenden Ideen, keine Klasse. Es geht nur noch ums Überleben. Mir macht es auch keinen Spaß, Zeuge der Agonie zu sein. Ausnahmen wie Markus Grimm bestätigen die Regel.

    Vor 25, 20, 15 Jahren meinte ich noch, Qualität dürfe bei der Kulturförderung keine Rolle spielen, aus Sorge, der Stadtrat könnte ein politisches Instrument draus machen und AKW und Werkstattbühne den Hahn zudrehen. Heute wünschte ich, eine Jury vergäbe den Großteil des Geldes für ein paar wenige Produktionen im Jahr. Öffentliche Gelder sollen zum Nutzen des Publikums eingesetzt werden, nicht zur Alimentierung von mehr oder weniger engagierten und talentieren Theatermachern.

    Sonst, fürchte ich, bleibt’s langweilig.