Keine halben Sachen

23. September 2008 | Autor: Rigobert Dittmann

Peter Brötzmann, Toshinori Kondo, Massimo Pupillo und Paal Nilssen-Love live im club W 71 am 13. September.

Bei Peter Brötzmann gibt es vielleicht halbe Hunde, aber keine halben Sachen. Wenn er sich die »stumpfste Rhythmusgruppe der Welt« antut, wie einer halb scherz-, halb boshaft meinte, dann hat er sich was dabei gedacht. Gerade mit Massimo Pupillo (Zu, Black Engine, 7Oaks), der mit seinem E-Bass ein Garant für knüppelhartes Riffing ist, und dem stahlgewittrigen PNL (The Thing, Scorch Trio, Brötzmann Chicago Tentet), einem in OffOnOff und Original Silence bereits erprobten Gespann von unbedingter Durchschlagskraft, sucht Brötzmann offenbar nach der ultimativen Fusion von Schönheit und Intensität. Als ob er mit allen Mitteln das verlorene Paradies wiedergewinnen wollte, das er mit Machine Gun (1968) im ersten blinden Ansturm erobert hatte. Die Versuche tragen Namen wie Last Exit, No Material, Die Like A Dog (mit Kondo), Sprawl, The Wild Mans Band, Nothung, Full Blast und Chicago Tentet und wechseln ständig zwischen Kontra- und E-Bass, zwischen »jazzigen« Drummern wie Hamid Drake und immer »rockig«-ruppigeren wie Jackson, Baker, Jørgensen, Werthmüller und eben PNL. Die Reihe dieser Versuche wurde dabei nicht zunehmend panisch, vielmehr zunehmend souverän.

Als ob sich Brötzmann längst gewiss wäre, dass die beständige Annäherung größere Erleuchtung bringt, als jedes »Ankommen«, strahlt der silberbärtige 67-jährige die Gelassenheit eines Mönchs im Zengarten aus, wenn er da rechts auf der Bühne im vollgepackten W 71 in drei Anläufen seinen Feuerzauber entfaltet. Der erste Einstieg erfolgt schlagartig und errichtet in Zeitraffer aus frenetischem Drumming, Bassriffing und dichten Klangschichten von Altosax & Tarogato eine massive Wall of Sound, an der sich Kondo anfangs Beulen holt. Der zierliche Japaner, der verblüffend einer älteren Ausgabe von Michael Jackson ähnelt, hat Probleme mit seiner zu großen Hose und mit den Monitoren. Sein Beitrag ist zuerst nur ein forciertes Quieken, während Brötzmann in aller Seelenruhe die Schallmauer mit melodiösen Wellen verziert. Noiser wie Borbetomagus generieren vielleicht die massiveren Klangexzesse, aber Brötzmann ist gar nicht daran interessiert, die Raumzeit maximal zu verdichten, er will sie ganz eindeutig in Schwingung versetzen. 

Das Quartett beschwört das Unmögliche so lange, bis selbst Elefanten im Head Spin rasende Pirouetten drehen. Dann implodiert die Mauer, Brötzmann summt eines seiner Liebesgedichte mit innigem Tarogatoton, bis PNL mit einsteigt und ein erneutes All-together ins Rollen kommt. Den Mittelteil beginnt Brötzmann auf dem Tenorsax mit herzzerreißender Albert-Ayler-Hymnik, ihr Duett unterlegt PNL mit  Han-Bennink-typischen volkstümlichen Snare Rolls. Es kommt, wie es kommen muss, PNL & Pupillo bringen einen Bo-Diddley-Groove ins Rollen, aus Fire Music wird Rock‘n‘Roll! ROCK‘N‘ROLL! Und PNL, dem der Spaß ins Gesicht geschrieben steht, hat Lust auf Mehr und beginnt einen dritten Teil solo. Statt exzessivem Powerplay ist der Verlauf nun transparenter, es wechselt ein Rapport der Drum‘n‘Bass-Section mit einem wunderbaren Zwiegespräch der beiden Bläser. Kondo ist längst selbstsicher und offensiver geworden, er triggert per Pedalen WahWah-Effekte und orchestrale Klangschlieren, mutiert zur Zwitschermaschine und zum Über-Miles, bläst, dass ihm die Augen aus dem Kopf glupschen und fleht Brötzmann an, doch mit einzusteigen. Aber der sorgt jetzt für einen der denkwürdigen Momente dieses Abends, indem er verschmitzt lächelnd Kondo zappeln lässt und ihn so zwingt, das Allerletzte aus sich raus zu holen. Bis dann sein Einsatz auch das Publikum erlöst und aufjauchzen lässt.

Andere haben ihre Parteitage und Triumphmärsche, wir haben die wahrhaft seligmachende Blasmusik. Eine Zugabe erübrigt sich, alle sind satt und erschöpft. Brötzmann dankt für dieses Heimspiel, wehrt »Peter, wir lieben dich«-Rufe huldvoll ab, schüttelt seinen jüngsten Fans die Hand. Wer könnte jetzt sagen, ob er ein T-Rex ist, der träumt, ein kleiner Vogel zu sein, oder ein kleiner Vogel, der träumt, der König der Echsen zu sein?

 


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