Tofu doesn’t bleed

6. Oktober 2008 | Autor: Rigobert Dittmann

Als Aficionado von »totaler« Musik oder, wem dieser Ausdruck nicht gefällt, von grenzgängerischer Musik war ich am 2. Oktober 2008 im Cairo zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Denn Gutbucket aus Brooklyn gaben nach 2001 ihr zweites Gastspiel in Würzburg, eingeladen von der Initiative Freakshow/Galerie 03. Darüber, dass außer mir nur etwa weitere gefühlte 19 Hanseln Interesse an einem der fetzigsten Acts des aktuellen Rock-Jazz bekundeten, brauch ich kein Wort zu verlieren – es ist in Würzburg so üblich. Die handverlesenen Ohrenzeugen werden mir aber hoffentlich bestätigen, dass Neugierde und Vertrauen in die Veranstalter sich auszahlt in der sublimen Münze von Synapsen-, ach was, von Ganzkörperkitzel, verursacht durch die – meist – quicken Interaktionen von Drummer Adam Gold, Eric Rockwin am Bass, Gitarrero Ty Cyderman am rechten Flügel und Ken Thomson mit seinem Altosax als Temperamentsbolzen, der die großstädtische Verve des Quartetts auch dann von der Bühne kippt wie einen Eimer voller Kutteln, wenn auch nur ein einziger Enthusiasmierter »GUT‘N‘ROLL« schreit, freilich stellvertretend für die ganze beglückte Truppe, die grinsend und groovend mit den krummtaktigen Attacken der Vier mitfiebert.

Thompson wirbt zwischendurch für eine vegetarische Lebensweise, aber was da von der Bühne spritzt, ist kein Vogelfutter, sondern roh und blutig. Allein das ständige Crisscross der Rhythmsection und ebenso die ständigen Reibungen von Saxophon UND Gitarre verursachen mir Gänsehaut. 

Ein schnittig arrangiertes Holterdipolter – der Titel »Punkass Rumbledink« steht dabei treffend für den Gesamteindruck – folgt dem nächsten, bei aller mathematischen Präzision geht der Brainiacfaktor mit jeder Menge melodiöser Einfälle Hand in Hand. Mehr angedeutete als ausgespielte Latin- und Klezmermotive mischen sich unter R‘n‘B oder Neo-Bebop à la Masada.

Cyderman ist, ähnlich wie Jim B von La STPO, kein Poser, aber seine Solos ließen die Luftgitarristen im Cairo vor Wonne erbeben und schärften einem die Ohren für seine allgegenwärtige Feinarbeit. Gold pitcht und klackt keinen Schlag zuviel, um dennoch so punktgenau zu rocken, wie man es so manchem Jazzdrummer anraten möchte. Thomson bläst furioses oder auch so hymnisch mitreißendes Zeug wie »Throsp%« und ist dabei auch in seiner kernigen Körpersprache ein überzeugender Anwalt von Gutbuckets impliziter Vision, die letztlich auf nichts weniger abzielt als »a better life«. Der Wuschelkopf am Bass, der, wie ich nachträglich feststelle, die kompositorische Hauptarbeit leistet, lässt ebenfalls nichts anbrennen und hat seinen großen Moment mit einem Solo, bei dem er seinem Gerät mit dem Bogen absolut schräge Daxophonklänge entlockt. Dass selbst ein Tonausfall weggesteckt wird, zeigt die entkrampfte Spielfreude der New Yorker, die, weil‘s so schön war, als Zugabe noch »Circadian Mindfuck« boten, eines ihrer entschleunigten und getragenen Stücke (enthalten auf ihrer 3. CD »Sludge Test«, 2006). Gutbuckets Füllhorn enthält, bei allem blutigen Make-Believe, eben doch hauptsächlich Grün- und Blumenkraft.

 


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