Tod, wo ist Dein Stachel?

9. Oktober 2008 | Autor: Rigobert Dittmann

Der 7. Oktober 2008 war die Gelegenheit, mir mein O‘Death-Live-Erlebnis abzuholen im Cairo, zuverlässig eine gute Adresse in Würzburg, vor allem wenn das X-yeah-X-Team fürs Booking zuständig ist. Die vielgehypten Hillbilly-Boys aus Brooklyn legten dort kurzfristig einen Zwischenstop ein und boten so überfallartig, dass der Drummer gleich beim ersten Schlag einen Stick halbierte, tatsächlich das, was man sich unter einem »Highspeed-Bluegrass-Gewitter« in etwa vorstellt.

Gabe Darling, ein bebrillter Redneck mit Stirnband, traktiert anfangs eine Ukulele, die unter seiner Pranke fast verschwindet, so dass es aussieht, als würde er sich frenetisch am Wanst kratzen. Bob Pycior fiddelt dazu wie elektrisiert, Jesse Newman am E-Bass, oben ohne, aber mit Yakuzatatoos, entpuppt sich als pausbäckiger Lackel, der seine blonde Mähne mit Metalverve schüttelt und Bluegrass ein Veilchen ums andere verpasst. David R-B kann an den Drums sein Temperament kaum zügeln, springt auf seinen Hocker, trommelt und gestikuliert unter der Decke.

Bei O‘death geht es von den ersten Takten an ab wie sonst nur bei Speedmetal, Gabber oder dem überdrehten Balkanbrass von Fanfare Ciocarlia. Daher rührt vielleicht das Etikett »Gypsy Punk«, das aber nun wirklich daneben ist. Denn sie machen Appalachian Mountain Music, zumindest einen urbanen Verschnitt davon. Zentral für ihren Sound ist der eindringliche, oft kollektiv unterstützte Gesang von Greg Jamie, einem schwarzbärtigen Apostel, dessen Gospels allerdings bocksfüßige Floppy Boot Stomps und verbotene Hoedowns anheizen. Dabei gönnt er sich zwischendurch manchen Schluck aus dem Wiskeyglas, während der Drummer Bierfontänen spuckt wie ein Nöck.

Ich fühle mich von Song zu Song, ob dem hymnischen »(Lay Me) Down to Rest«, den wie aufgedrehten 4/4-Stompern »Adelita« und »All the World« oder dem mit gefühligen Neil-Young-Timbre genäselten »Only Daughter«, mehr darin bestätigt, dass es nicht verkehrt war, O‘death anlässlich ihrer CD »Head Home« (in Bad Alchemy 56) als Bankerte von Dock Boggs oder Neil Young zu beschreiben, die mit der Punk- & Whiskeyenergie der Pogues und Mekons zügellose Musik, Outlaw-Musik, Herzschmerzmusik, Todesmusik machen, sprich Bluegrass between Heaven & Hell.

Darling hat längst zum Banjo gewechselt, um mit Jamies Gitarre und Pyciors furiosen Geigenstrichen dem Geist der Schwere Beine zu machen. Aber was ist das denn? Obwohl Jamie, etwas konsterniert, sogar extra noch dazu animiert, ungeniert die Hufe zu schwingen, steht das Jungvolk rum wie Komparsen bei The Night of the Living Dead. Abgestandener Kräutertee hat mehr Temperament wie dieser Shoegazer-Querschnitt aus Gymnasiasten und FH-Student(inn)en. Einer oder zwei machen Volksgymnastik, aber die Mehrheit tut cool, ist  überfordert oder schlichtweg resistent gegen den Kraft-durch-Freude-Kick, das Himmelhoch-Jauchzende des Brooklyner Freak Folks, die cholerisch-sanguinischen Intensitäten von Weird Old America mit seinen bäurisch-hinterwäldlerischen Wurzeln.

Von deutschen, meist durch Earplugs geschützten Ohren gehört, triff O‘death einfach keinen Nerv. Verflucht schade. Wäre ich Kulturpessimist, müsste ich diesen sozialliberalen Eiapopeia-Phlegmatismus solcher Köpfe ohne Zunder, solcher Leiber ohne Fürze beseufzen. Doch dafür stimmt mich der Gedanke, dass die(se) Deutschen aussterben, viel zu heiter.


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1 Kommentar zu „Tod, wo ist Dein Stachel?“

  1. JUGENDKULTURHAUS* CAIRO* » RÜCKBLICKE sagt:

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