Brooklyn Lager

14. Oktober 2008 | Autor: Rigobert Dittmann

Dass Norbert Bürger, der jahrelang im Orchester Bürger Kreitmeier neben der »bayrischen Rockschlampe« Conny Kreitmeier den Gitarrengott oder Pullundertyp mimte, seinen Humor mit dem Ende des OBK 2007 nicht verloren hat, bewies er am Sonntag, den 12. Oktober 2008 im Würzburger Immerhin als Sparringspartner von Sean Noonan, dem amtierenden Drumchampion von The Hub und Brewed By Noon.

Wie Noonan zwischen irischen und afrikanischen Klängen und Jazzcore rope-a-dopet, ist eine unschlagbare Show für sich. Blieb die Frage, wie er sich, durch bayrischen Humor herausgefordert, schlagen würde. Bürger schickt ihn mit einem Zwiefachen gleich in die harte bajuwarische Schule, der Wechsel zwischen 3/4- und 2/4-Takt geht dem Meister des Leberhakens leichter von der Hand, als das Wort über die Zunge, die es zum »Zipfefacher« verballhornt. Umgekehrt wird Bürger durch die zickzackig schickanösen The Hub-Fetzer »Thank U« und »Pumpkinhead« gejagt, bis der schreckliche Kürbiskopf ausgeknockt ist. »Purge« besingt »a man in my wall«, der Noonan nicht geheuer ist, Bürger setzt die Paranoia mit ungeheuren Prog-Riffs schaurig schön in Sound um. 

Brooklyn Lager live

Dass man, wenn Noonan Schlagzeug spielt, aus dem Staunen nicht heraus kommt, ist eigentlich überflüssig zu erwähnen. Dass er auch skurrilen Humor auf Lager hat, zeigt er mit einem bähenden Spielzeugschäfchen, einer sexy (?) »Putzecat, Putzecat!«-Tanzeinlage in seinen goldenen Boxershorts und der mit Märchenton vorgetragenen Geschichte von Günter, der, von Sonnenstrahlen gekitzelt, im Wald auf sprechende Pilze trifft, sich einen davon reinpfeift und auf einmal die Sprache der Vögel versteht. Seltsam, seltsam, diese Leihgabe von der aktuellen Brewed By Noon-CD. 

Bürger führt andererseits countryesk in die »Prarie«, nur dass er Lucky-Luke-mäßig den inneren Monolog des Gauls singt und pfeift, dessen Cowboy von Wind verweht wird, so dass er allein und endlich frei gen Sonnenuntergang trabt. »Stone in my Shoe« ist danach ein fußkranker Anti-Blues, doch so albern der Text, Bürgers Spielwitz ist zum Steinerweichen. Sogar alte Hasen gaben hinterher zu, dass sie derart vielseitige, ständig zwischen Zitat und Erfindung, zwischen Spaß und Virtuosität kippelnde Solos nicht alle Tage zu hören bekommen. Als dann noch Noonan das heimwehkranke »Wayfaring Stranger« flüstert und Bürger es auf einen dröhnenden Loop und Herzschmerztwangs  bettet, stellt sich sogar Rührung ein, die aber abrupt mit einem 1-2-3-Kracher abgeschnitten wird – keine Sentimentalitäten, dafür aber einen erstaunlich zart und finessenreich gezupften Trip durch »Lowlands«. 

Eine richtige Atempause gibt es zwischendurch erst, als Bürger eine Saite reißt, vorher und nachher sind seine Gitarrenlektionen die Höchststrafe für die Wichser und Poser der Zunft. Seine Effekte, wie er die Saiten mit einem Ventilator propellert, wie er zu Noonans Schlaghagel, Besenwischern, Pochen, Tschingeln oder auch nur noisigem Schaben über das Becken freiweg von einem Stil zum andern springt, von Hawaii an den Mississipi, wie ein Springteufel aus einer Brooklyner Mülltonne, das lässt Kenner- und Genießeraugen aufleuchten, treibt die Mundwinkel Richtung Ohrläppchen und heimst lauthals Zustimmung ein. Natürlich gibt es eine Zugabe, die erstmal nur aus einem heftigen boxerischen Schlagabtausch besteht. Wenn ich mit einem einzigen Wort beschreiben soll, wie man sich nach 12 Runden mit Brooklyn Lager fühlt, kann ich nur sagen – punchdrunk!


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