Folk Tales

28. Oktober 2008 | Autor: Rigobert Dittmann

Am Samstag, den 25. Oktober, lockten mich gleich zwei Gründe auf das 24. Jazzfestival der Jazzinitiative Würzburg e. V. ins Felix Fechenbach Haus, nämlich Aki Takase & Silke Eberhard – eingerahmt von Jazz Ohne Strazz (deren Spyro-Gyra-Verschnitt ich mir schenkte) und Jasper Van’t Hof & Hotlips (die ich nicht ungern beim vierten Bierchen verbabbelte). 

Dazwischen wurde mir Dieter Ilg mit seinem Kontrabasssoloprogramm quasi als »Vorgruppe« beschert. Wäre die Welt nach dem Realitätsprinzip organisiert, also nur auf die Vermeidung von Unlust ausgerichtet, dann böte sich der im Quintett mit Dauner & Mangelsdorff oder im Trio von Nguyên Lê zu Renommee gelangte Freiburger als idealer Alleinunterhalter an. Er zupft mit der nonchalantesten Virtuosität »Der Mond ist aufgegangen«, »I Fall In Love Too Easily«, eine Arie aus »Rigoletto«, etwas Schmusiges von Coltrane, dem der Rosarote Panther in die Quere kommt, dazu »Tsuyu« von seinem Duopartner Charlie Mariano und eine koreanisches Volksweise. Lieder im Volkston scheinen Ilg zu liegen, er zaubert dafür richtig schöne Lyrismen aus den Saiten und eine erstaunliche Klangfülle, beschleunigt zwischendurch aber auch zu regelrecht technoiden Grooves. Höhepunkte sind »Savannah Samurai« (das einen Titel von T. C. Boyle verballhornt), mit monotonen Repetitionen, und vor allem »Animal Farm« mit – im wahrsten Sinn des Wortes – allerhand lautmalerischen Quietsch- und Maunzlauten. Als Zugabe gibt es »Es Es & Es«, ein selbergestricktes »Volkslied« (mit »Smoke on the Water«-Bassriff als eingestreutem Gag). Voilà, ein Minimalprogramm des Menschlichen, bei dem Reich-Ranicki garantiert nichts zu Meckern hätte.

Wir jedoch gieren nach dem Lustprinzip und nach Damenkraft und die liefern ein 60-jähriges japanisches Rrriot Girl, das im kurzen Fähnchen das Klavier traktiert, und ein zierlicher, burschikoser Schwarzstrumpf an Altosax und Klarinette, der, wenn‘s zur Sache geht, so engagiert mit den Hufen scharrt, wie ich es bisher nur bei Rudi Mahall gesehen habe. Das Auge isst bekanntlich mit, aber noch größere Lust wird den Ohren bereitet. Aki & Silke, die nach ihrer Japantour passend in unserer Siebold-Stadt auftauchen, demonstrieren, warum Ornette Coleman ein genialer Volksmusikant des 20. Jhdts. ist, ein Erfinder von ohrwurmigen Melodien, wie sie Spatzen – zumindest die sprichwörtlichen – von den Dächern pfeifen (sollten), gut aufgemischt mit urbaner Vitalität und Rasanz. Es gibt in dieser Musik nichts, das dir nicht sagt: The Time is Now! 

Coleman verbessern zu wollen, wäre gefrevelt, aber ihn so aufzumischen, dass durch gewisse Übertreibungen und gepfefferte Paraphrasen die Essenzen umso »populärer« einleuchten, das ist das Kunststück, das die beiden Wahlberlinerinnen ganz umwerfend vorführen anhand von »Congeniality«, »Eventually«, »Face of the Bass«, »Broadway Blues«, »Cross Breeding«, »Broken Shadow« etc., allesamt Ornette-Stücke der Jahre 1958–68. Dazu liefert Takase Solos, so scharf, dass ich sie anstandshalber nur mit »Ohne Worte« beschreibe. Zwischendurch werfen die beiden sich merkwürdige Handzeichen zu, wer weiß, für was das gut ist. Eberhard sprudelt Ornettes rasende Bebopnoten, als wär das das Leichteste von der Welt, immer aufs Engste verzahnt mit Takases brutalem Gehämmer und schrägem Gepinge. Aber Ornette kann einen mit »Peace« und »Lonely Woman« auch ganz zart berühren. Mir gefiel besonders gut das »Folk Tale«-Potpourri als Mischmasch aus Prokofjew und Ives, das bizarre »Focus on Sanity«, bei dem Takase einen Blechdeckel im Innenklavier scheppern lässt, und natürlich »The Sphinx«, in dem alle Essenzen kulminieren. 

Vielleicht ist das ja beim ersten Mal tatsächlich wie die Jungfernfahrt in einem Ferrari: harte Polsterung, aber Hallo! So versuchte es ein Kenner anschließend seiner primeligen Partnerin zu erklären, die, überfordert, raus gegangen war. Aber die Mehrheit votierte mit Begeisterung für das Lustprinzip. Als Zugabe spielten die wilden Señoritas übrigens den Calypso »Angel Voice«. Ja dann!


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