KOBAIA IS DE HUNDIN

7. November 2008 | Autor: Rigobert Dittmann

A Weekend of Some Expected and Some Unexpected Progressiveness – Freakparade Festival 2008

Auf nach »Charlytown« hieß es am 1. und 2. November 2008, und viele kamen nach Würzburg ins Bockshorn, um am, diesmal wieder von Freakshow und ProgParade gemeinsam getragenen, Parteitag der MAGMA-ianer teilzunehmen. Aber der Reihe nach. 

Den Auftakt machten die von der leichten Muse geküssten Art Zentral, ein Jazztett mit dem einnehmenden Goldkehlchen Peggy Herzog, die ihren Jazzgesang an der Musikhochschule Würzburg studiert hat. Die alkoholfreie Cocktailstunde voller Gitarrenarpeggios und geschmeidiger Sax- + Flötentönen zog sich, von Peggyfans animiert, gefühlte 2 1/2 Stunden lang dahin. Prog-Faktor Nullkommafünf.

Das änderte sich mit Aranis aus Belgien, die auch ganz besondere Saiten aufzogen mit einer Frauenquote von 50% (obwohl ihre Flötistin zuhause geblieben war). Mit Gitarre, Viola, Geige und dem Kontrabass des Bandkomponisten Joris Vanvinckenroye zelebrierten vier Saiteninstrumente Chamber Rock im Stil von Univers Zero, Penguin Cafe Orchestra, mit Astor Piazzolla-Einschlag. Dafür sorgte die 6 Fuß große Blondine Marjolein Cools, die mit  Kniebundhose und einem Blick wie Laura Dern Akkordeon spielte (wenn auch keinen Tango), sitzend vor Axelle Kennes am Grand Piano, die mit ihrem gegitterten Rückendekolleté nicht nur klanglich Wohlgefallen erregte, das sie mit Ansagen in charmantem »Un-Deutsch« noch steigern konnte. Eine attraktive Lightshow unterstützte den suggestiven Charakter dieser minimalistisch gemusterten Musik im belgischen Stil, wie ihn auch ihre Landsleute von Die Anarchistische Abendunterhaltung pflegen. Ein Perpetuum mobile aus Repetition und Variation in zahnradpräziser Motorik, gut geölt von den Streichern und wundersam durchpulst von Akkordeon oder Kontrabasspizzikati (obwohl der Bass sich oft auch den Streichern anschließt), setzte sich in immer neuen Patterns in Gang, Muster, die sich ihrer Abkunft von Glass – der in »Looking Glass« sich spiegelte –, Nyman oder Bryars nicht zu schämen brauchen. Keine Spur von laschem Kaffeekränzchen, dazu wurde zu energisch in die Tasten gehämmert, zu furios gegeigt, wenn auch immer wieder gespickt mit Melodienseligkeit wie beim großartigen »Moja« oder wie im Mittelteil des einfalls- und kontrastreichen »Turbulence«, wo sie der Motorik Paroli bietet, um sich letztlich mit ihr zu verbünden. Wenn ich nur an die angeschrägten Bassfiguren von »Troc« denke, könnte ich ins Schwärmen kommen.

Nach diesem Lichtblick mit Prog-Faktor 7 brachte einen die bodenlose Banalität von Thieves’ Kitchen unschön in die Realität zurück. Dabei wirft diese Rumpeltruppe aus Oxford mit Amy Darby, einer üppigen Rothaarigen in Highheels und mit Gothicflair, ebenfalls eine Sendbotin des Ewig Weiblichen, das uns hinan zieht, in die Waagschale, die freilich andererseits unter der Last eines plumpen Bassisten mit blaulichtverziertem Instrument, einer Karikatur von Schweinerockgitarrero, eines traditionsverstaubten Orglers und des Leaders selbst mit seiner überdimensionierten Schießbude ächzt. Wenn ich lästern wollte, würde ich dem den Prog-Faktor 8 nachsagen. Aber Prog soll unter uns ein auratisches 4-Letter-Word bleiben, und kein Synonym für scheuklappige Nostalgie oder dumpfbackige Kopien von Gemüffel aus genau jenen Jahren, die eigentlich den Muff von 1000 Jahren wegfegen wollten.

Das Freak-typische Laissez-faire hatte inzwischen den Uhrzeiger auf jenseits 22 Uhr vorrücken lassen. Man hatte sich die Beine in den Bauch gestanden oder den Arsch platt gesessen, das Bier war schon das dritte Mal ausgegangen, als endlich der imaginäre Vorhang aufging für den Grund, aus dem die meisten sich hier versammelt hatten – MAGMA. Die Kultformation aus Paris präsentierte sich im 39. Lebensjahr mit Bruno Ruder als neuem Keyboarder, Benoit Alziary an Vibraphon plus Keyboards und mit Hervé Aknin & Isabelle Feullebois als neuen Stimmen neben der ewig jungen Stella Vander. Dahinter trohnte, flankiert von James Mac Gaw  an der Gitarre und Philippe Bussonnet am Zeuhl-Bass und luftgekühlt von einem großen Ventilator, an der Batterie ein pelziger Golem – Christian Vander, Kopf, Herz und Motor des Ganzen. Mit einem Schrei des befrackten Sängers stürzte sich MAGMA in »Köhntarkösz«, ein poetisches Kernstück des Kobaia-Mythos von 1974. In den Gesangsteilen anfangs noch nicht zwingend, aber bei der ersten Instrumantalpassage dann schon mit Warpantrieb, mit einem Dauerbombardement des Basses und einem vor Dynamik fast aus den Nähten platzenden Vander. Der konzentriert seine ganze Energie in die Spitzen seiner Schlagstöcke, die als Blitze und Peitschenhiebe in die vier frontalen und zwei seitlichen Cymbals einschlagen, in einem verblüffenden Wechsel von kraftvoll und zart. Diese geballte und gebändigte Energie des 60-Jährigen ist mehr denn je ein Stupor Mundi. Wie er die Musik vorantreibt und damit auch die wogende Masse von MAGMA-Kultlern, viele durch die MAGMA-Kralle als Jünger & Adepten ausgewiesen, das mag in der kollektiven Euphorie einer Mischung aus Shaker-Gottesdienst und Himmelreichsparteitag ähneln, nur völlig gewendet ins Irdische und Unschuldige. Die »Höhere Macht« über oder hinter dieser Levitationsmusik ist dabei die, der schon John Coltrane als Prophet diente, der Strawinski opferte und für die Orff seine Carmina anstimmte. 

Nach 35 Minuten endet der erste Rausch, dem nun mit »Emehnteht-Re« eine ausgedehnte Suite folgt, die sich zusammensetzt aus »Rind-e« und weiteren Fragmenten aus Attahk (1977). Einer der Höhepunkte ist hier »Hhaï«, gesungen von Vander selbst, der dabei an den Drums steht und seinen deklamatorischen Vortrag mit perkussiven Schlägen unterstreicht (Mika Rättö von Circle müsste allein deswegen schon »Papa« zu Vander sagen). Die Gesänge an sich, abwechselnd solistisch und dreistimmig und mit Tambourin oder Gongs akzentuiert, sind nun meist lyrisch, statt stakkatohaft-agitatorisch, und ähneln an einer besonders schönen Stelle der schwebenden Vokalisation von Debussys Sirenen. Ein Neuankömmling mag manches an dieser Theatralik verwechseln mit einem in jeder Hinsicht pathetischen Beitrag, etwa von Malta, für den European Song Contest, auch würde Aknin stellenweise keine schlechte Figur in Sanremo machen.

Aber das Unvergleichliche von MAGMA, die Manier, wie Vander im Verbund mit der monströs starken Basslinie, dem Feuer der Gitarre und dem Gehämmer der Keyboards ständig den Groove schürt und dämpft, seine Tour de forme mit einer Technik und Hingabe, die er mit keinem anderen Schlagzeuger teilt, das kann einen unversehens auf die Seite der Infizierten reißen. Das Vibraphon ist in diesem Kontext – vom miesen Sound, der durchwegs den Hörgenuss erschwerte, mal abgesehen – keine Absurdität, vielmehr ein Indiz dafür, dass Vanders Klangvision nicht auf Bombast abzielt, sondern auf einen molekularen, federnden, brodelnden Zauber, auf ein Sursum Corda ins Sublime. Das deutsche »erhaben« hört sich dafür fast schon zu plump an. Als Zugaben singt er, nach der Strapaze dieser Klangorgie auf wackligen Beinen und anders als bei früheren A-capella-Versionen von der ganzen Band begleitet, sein typisches »Jiddisch Liedele« und noch ein zweites dazu. Beschwörend knetet er die Luft, selbst seine Quasimodo-Mimik wird lautmalerisch. Wer hier nicht gerührt ist, dem fehlt eine wertvolle Gemütsfaser. Aufgeklärte Zyniker und Euphoriescheue mögen sich mit Grausen wenden. Aber Hunderte Augenpaare leuchteten so, dass man weit nach Mitternacht bei Stromausfall hätte lesen können, was die Stunde geschlagen hat – magische M-A-G-M-A-Zeit. Prog-Faktor? Unermesslich, denn MAGMA sind der Maßstab.

Sonntag. Zum Auftakt One Shot, Magma-Ableger in Gestalt des Bassisten Bussonnet und des Gitarristen Mac Gaw, dazu der frühere Magma-Keyboarder Emmanuel Borghi und am Schlagzeug Daniel Jeand’heu, dem ich einen Vergleich mit Vander nicht zumuten will. Das Quartett spielte schon zum zweiten Mal in Würzburg seinen dynamischen Rockjazz, natürlich mit Zeuhlbassturbo und dominanter, mir zu dominanter Keyboardhyperaktivität. Mac Gaw war kaum zu hören und selbst bei den Soli relativ zu leise abgemischt. Dennoch bot das Quartett tadellosen Headbangerstoff zum Abrocken (wie die Fachleute das wohl nennen). Gar nicht Magma’esk, eher angelehnt an fetzigen Stoff von Mahavishnu oder King Crimson, ohne deren spezifisches Surplus. Technisch versiert, im engagierten Vortrag von Borghi und im unterkühlten von Mac Gaw ohne kultige Ambitionen, ergab sich der Prog-Faktor 6, wegen Verstoß gegen die Frauenquote letztlich nur 5.

Danach, ebenfalls als Wiederholungstäter, Sebkha-Chott. Ultralautes und gewohnt penetrantes Musiktheater – Klamauk von kleinen Franzosen, die sich als Pirat oder Offizier verkleidet haben, wobei eine mit Penissen gehörnte »Schlagzeuger-in« den Vogel abschießt. Das ist offenbar etwas für Zappa’esk gestählte Männer, die keinen Sch(m)erz kennen. Ich meinesteils liebe die Französchen, wie Küchenschaben den Kammerjäger lieben. Prog-Faktor: Unter jeder Sau.

Zum Ausklang dann die Deutschlandpremiere von Unexpect aus Montreal. Im Kontrast zum Pathos ihres Konzeptalbums In a Flesh Aquarium entpuppt sich das bis in die letzte Haarspitze auf Metal gestylte Septett als virtuose und äußerst launige Adams Family. Die Sängerin Leïlindel geriert sich als Fee Morgana, als zuckende Verführerin zu einem Hexensabbat, der Speed Metal mit rasendem Doublebassdrum-Geboller und wild geschüttelten Mähnen diabolisch durchkreuzt mit einem Anything Goes, das neben ständigen Rhythmus- und Tempowechseln ungeniert auch Zeug einstreut, das so gar nicht in die Metal-Welt gehört: Balkan-Beats, Irish Jig, Marsch- und Jazzfetzen. Das Chaos dieser Schwarzen Metal-Schafe wird organisiert vom Langhaargitarristen Syriak, dem Kurzhaargitarristen Artagoth und ChaotH an einem abartigen 9-String Bass. Dazu kommen die Keyboardeinwürfe von ExoD und teuflisches Gefiedel von Borboën. Das, im Verbund mit Leïlindel, könnte Sleepytime-Assoziationen wecken, ist aber dann doch ganz anders. Vielen waren das zu abartig viele Haare in der PROG-Suppe, für andere einfach zu viel des Guten.

Mit gefiel der schrille und sarkastische Bühnenzauber nicht nur, weil ich Headbangen zu krummen Takten für therapeutisch notwenig halte, sondern auch, weil UNEXPECT die einzig wirklich progressive Band dieser Freakparade war. WAS?!? Doch! Sie waren die Einzigen, die ihren Rahmen nicht ausfüllen, sondern sprengen wollten. Sie peitschten Metal weit über seine selbstgesteckten Grenzen hinaus. Und das mit einem Witz, der einem nicht mit dem Arsch voran ins Gesicht springt, wie Sebkha-Chot (mit denen sie trotzdem gemeinsam touren). Dass manche das überhaupt nicht lustig finden konnten, liegt definitiv nicht an der Humorlosigkeit der Kanadier. Prog-Faktor daher 8, plus Leïlindel-Bonus macht .

So oder so. Viele gingen auch diesmal wieder als Pink Panther: Wir komm’n wieder, keine Frage. Und überhaupt, es muss einmal gesagt werden, die Freaks & Progies sind eine grundsympathische Untermenge, sehen besser aus, als Spötter behaupten – und wo gibt es das sonst, dass Akademiker angeregt mit Proleten fachsimpeln?


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