My little cicada

12. November 2008 | Autor: Rigobert Dittmann

Fast  wäre Mike Sary auch noch zoologisch auf Unverständnis gestoßen, nachdem sein Namedropping von Peter Sellers und Noam Chomsky schon ins Leere gegangen war. Aber dann konnten wir seine »buzzing ›saikeida‹« doch noch als Zikade bestimmen und mit Moskitos hatte er dann schon leichteres Spiel. Aber wer kann schon in einem freakgelockten Bierfässchen, wie es sich Gilbert Shelton oder Robert Crumb nicht treffender hätten ausdenken können, auf Anhieb ein zirpendes Insekt erkennen? Nun, der Kopf von FRENCH TV ist es gewohnt, verkannt und missverstanden zu werden. Seit ca. 1981 aktiv im heimischen Kentucky, war er, zusammen mit dem Gitarristen & Geiger Chris Smith, erstmals in Germany und gab am 9. November, einem für die deutsche Geschichte nicht ganz unwesentlichen Datum, seine Deutschlandpremiere im Würzburger Omnibus.

Der Abend zuvor in Reims muss echt schlimm gewesen sein – erst rumgeirrt, dann beim Publikum abgeblitzt und zuletzt noch um die Gage beschissen (es hat nur noch gefehlt, dass sie die Polizei riefen, frotzelte Sary) –, denn das bisschen Beifall von uns vier Handvoll Freaks, die an diesem späten Sonntagnachmittag gekommen waren, reichte als Labsal aus, um die Musikerseele wieder aufzubauen.

Sary ist ein Bild für die Götter, wie er da seinen E-Bass auf das vorquellende Ränzchen stützt, mit funkelnden Äuglein Nummern mit ulkigen Titeln ansagt und mit flinken Wurstfingern loslegt. Bestens unterstützt von Michael Hazera, einst Drummer bei Zaar, einer französischen Band mit Cuneiform-Meriten, und vom Yugen-Keyboarder Paolo Botta, der seit längerem schon ein Freund der Band ist.

Der macht mit seiner Phalanx von Korg, Oberheim, Moog etc. den launig quietschenden und jaulenden Entertainer und könnte mit seiner Mimik, die jeden Ton als Grimasse spiegelt, selbst Gehörlose begeistern. Nicht die beiden angelernten Gäste hatten Sand im Getriebe, sondern bei Smith war lange der Wurm drin, er haderte als bloßer Gitarrenpantomime mit einem Wackelkontakt. Mit blauer Geige konnte er sich dann besser sich in Szene setzen, verpasste aber, einen Loopeffekt abzustellen, und musste sich daraufhin als Retortenvirtuose verspotten lassen. Insgesamt ging es nämlich leger, fast familiär zu. Dass Musik – gerade solch vertrackte, die selbst von den kompetenten Babyblauen Seiten nur mit Mühe als »Canterbury, Jazzrock/Fusion, RetroProg, RIO/Avant, Zappaeskes« eingekreist wird – erst gemacht werden muss, das ist Kennern etwas bewusster als bornierten Konsumenten, bei denen alles wie auf der CD klingen muss. Ich liebe es, hautnah zu erleben, wie Musik »gemacht« wird und wie dabei Funken und Sägemehl umher fliegen. Zudem muss ich zu meiner Schande gestehen, dass ich unbeleckt angerückt war und meinen ersten Crashkurs in French TV verpasst bekam. Sie spielten Zeug von der letzten, ihrer 9. CD, programmatisch »This is what we do« betitelt, schmutzige, italienisch-französisch eingefärbte Versionen von »Colorless Green Ideas Sleep Furiously« (sic!), »Look at the Bears Look at the Bears Look at the Bears« mit seinem Bärentrottbeat und eben »My Little Cicada«, und schon etwas Bewährteres wie »That Thing On the Wall«, aber auch Neues noch ohne festen Namen. Sarys Kopf entspringt offenbar nur Musik von launiger Virtuosität, mit Spaß an krummen Takten und Kontrarhythmen. Botta  nutzte weidlich jede Gelegenheit, um mit schrägen Klangfarben wie ein steppender Tausendfüßler durch diesen schickanösen Parcours zu tänzeln und ließ dabei typische Progtastengötter altbacken aussehen. Smith setzte immer wieder zu  blauen David-Cross-Flügen an, und seine Gitarreneffekte, teils per Pedal, teils auch slide, meist aber einfach von salopp-gekonnter Fingerfertigkeit, waren, wenn man sie gut hören konnte, Leckerbissen. 

Mit dem Vorwurf »zu intellektuell« kann man Sary & Co. nicht beleidigen. Ihr musikalischer Humor und ihre Selbstironie als Strangers in a Strange Land, die sich, geradezu abartig, von europäischem Rock in Opposition inspirieren ließen, führen ganz »natürlich« zu widerborstiger Musik. »Zappaesk« wäre dafür nur eine, wohl gut gemeinte, aber blöde Schublade. French TV ist French TV und gerade in dieser Singularität, die mit diebischer Freude ausgeübte Plunderphonie nicht ausschließt, verwandt mit ähnlich komischen Vögeln wie Birdsongs Of The Mesozoic, Cheer-Accident, Hamster Theatre, dem Microscopic Septet, den Muffins und dergleichen. Sary ist ein blitzgescheites, knuddelsympathisches Original und eine Werbung für das Amerika, das wir lieben.


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