The bed of roses – the crown of thorns

1. Februar 2009 | Autor: Rigobert Dittmann

Van Der Graaf Generator im Colos-Saal, Aschaffenburg, 23. Jan. 2009 

»All that we see illusory / every assumption based on blind faith alone…« Mit diesem Introitus begann meine zweite Messe in der Church of Peter Hammill. Es sind Zeilen aus Interference Patterns, einem von fünf Songs aus Trisector, der letzten Van Der Graaf Generator-CD, die diesen Abend prägten – Lifetime, All that Before, Over the Hill und (We Are) Not Here waren die anderen. Es war ein Abend, der dem Spruch »vom Regen in die Traufe« total widersprach. Im strömenden Regen gekommen, sorgte das Wiedersehn mit weiteren Hammill-Motten gleich schon für Hallo. Und als dann der 60-jährige Schlacks in Weiß ins Mikrophon zu krähen beginnt, dass »It takes a lifetime to unravel all the threads / that have tied us in our webs of tourniquet. It takes a lifetime to unlearn all that you know / to return the things you burrowed for a day«, dann klingt das nicht nur, als wüsste er, wovon er singt, es ist der erste Tropfen eines Euphorisiakums von ganz besonderem Reiz.

Den Auftakt und das Finale bestreitet Hammill am Piano – ich sehe nur seine Finger –, alles dazwischen mit der Gitarre – voll in meinem Blickfeld. VdGG inszeniert einen durchgehenden Flow, der nur alle Viertelstunden Luft lässt, durch Beifall Amen zu dieser Predigt zu sagen. Hammill, der Orgler Hugh Banton und Drummer Guy Evans, wühlen und mahlen, sie riffen und kneten den musikalischen Stoff so inständig, dass es leicht fällt, ach was, dass es gar nicht anders möglich ist, als mit langem Atem gebannt zu folgen bis zu den Reprisen. Und dabei nach den Momenten zu gieren, an denen Hammill weitere Strophen croont, die Strophen von Scorched Earth, Lemmings und La Rossa, Klassiker des VdGG-Kanons aus den 1970ern, und entsprechend von der Gemeinde begrüßt, die sich zwar nicht wie Lemminge, aber doch wie Heringe im Colos-Saal drängt. Die alten Lieder sind umarrangiert für das Rocktrio, das als amputierte VdGG-Version anfangs beargwöhnt wurde, weil es Progpathos fast so rotzig wie Postpunk performt, aber gerade dadurch sich treu bleibt (im Biermannschen Sinn).

Die jazzig geschmeidige Dynamik von Evans liefert, durchsetzt mit seinen markanten Kuhglockenschlägen, ständig vexierende Muster aus grob und fein und erntet nur verwunderte Blicke, als er einen Backbeat trommelt, bis Kenner das als das reggaeeske Meurglys III erkennen. Banton ist der »Diener«, den sich jeder »Herr« nur wünschen kann, er ist immer da und denkt immer mit, mit hörbarer Lust an einem vollen Sound, der einen Bass erst gar nicht vermissen lässt.

Hammill selbst dient dem, was er zu sagen versucht, mit  einer Stimme, die mit dem Alter, ohne Edelschmelz, nur intensiver und noch »wahrer« geworden ist. Hager wie Peter O‘Toole, existenzialistisch wie einer von Joseph Conrads Helden, aufs nackte Trotzdem reduziert. Es gibt bei ihm kein performatives oder deklamatorisches Beiwerk, nur dieses Trotz-alledem, das er wie gegen den Wind ins Mikrophon diktiert. Mit dem dann wieder aktuellen Over the Hill, Hammills tale of boom and bust, ist man weiterhin mitten im Zentrum seines Lebenswerkes. Wenige geben so glaubwürdig den vom Leben Gebeutelten, der am Steuer seiner Nussschale, im Ausguck seines Narrenschiffs, Haltung bewahrt. »Head on into the wind, on a heavenly mission, / try to play with the spin while we burn in our hearts; / although we know we’ll never win we’re still learning our lessons in the dark.« Wem sonst nimmt man (We Are) Not Here ab, das bei Licht betrachtet ein Gebet ist? »We are not here again. / (No way to know that when) / We are not here again. / (there is no now in then).« 

Danach sind dann die Herzen weich geknetet für Hammills ultimative Wahrheit, für Man Erg, das Lied vom Killer und den Engeln in uns, ein Geniestreich, ein De profundis, bei dem selbst notorische Raucher und Bierholer an Hammills Lippen hängen und vor Gloom und Doom die ansonsten freche Stirn neigen. Denn an Narren herrscht kein Mangel und drum gibt es als Rausschmeißer den Nutter Alert.

Mann Mann Mann, ich versteh von Kunst nur einen Dreck, aber wenn ich einem begegne, der einst freien Eintritt ins Paradies haben wird, dann merk ich das.


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1 Kommentar zu „The bed of roses – the crown of thorns“

  1. Joachim Fildhaut sagt:

    Na, das freut mich aber, dass es gut war. Als ich vor ein paar Wochen dem Büchergilde-Katalog entnahm, dass die Helden meiner Jugend noch oder wieder aktiv sind, reagierte ich mit einer ans Entsetzen grenzenden Skepsis. Einmal, weil Hammill in der Zwischenzeit nicht nur Leistungsbeweise brachte. Zwotens, weil ich selbst nicht mehr unter WeltSinnSchmerz leide und also kein entsprechendes TrösterFutter mehr benötige (um die weltanschauliche Distanz hier einmal arg zu verknappen). Vor allem aber, weil mein schlimmstes Konzert von VdGG gespielt wurde. Das ist zwar längst verjährt, aber hinterließ doch den Eindruck: Die Typen können richtig Scheiße bauen. Seinerzeit hatte Hammill seinen Saxer Jackson einfach durch einen Geiger ersetzt, was aus den aufbäumenden Glissandi ein heiteres „Jauchzet die Fidel“ machte und zeigte: Bei dieser Instrumentierung hatte Hammill null Ahnung von Arrangements oder aber er ließ totale Wurschtigkeit walten.
    Umso lieber höre ich, dass dann alles gut war, dankt
    !- j