In dieser Gaudi ist der Wurm drin

23. Februar 2009 | Autor: Jochen Kleinhenz

Es gibt nicht allzu viele Momente, in denen ich mir wünsche, wieder in jenem Rhöndorf zu leben, in dem ich aufgewachsen bin. Der Würzburger Faschingsumzug aber gehört zu den jährlich wiederkehrenden Katalysatoren solcher Gedanken. Als Vater zweier Kinder muss ich nun einmal beim Bonbonsammeln assistieren – und damit ist schon so ziemlich alles gesagt über die Attraktion des »größten Faschingszugs der Region»«.

Was (nicht nur) ich jedes Jahr aufs neue konstatieren muss, ist die Einfalls- und Mutlosigkeit, mit der die Traktoren, Lastwagen oder Cabriolets die auf diversen Anhängern verteilten Vereinsmitglieder durch die Strassen ziehen. Denn ausser einem Überblick, was es an Vereinen gibt – darunter etliche, deren Daseinszweck sich in der einmaligen, jährlich wiederkehrenden Präsenz bei solchen Veranstaltungen erschöpft –, hat der Würzburger Faschingszug wenig zu bieten: ein einzelner Sarg wird auf der Sackkarre tapfer geschoben, darauf steht »Kommunalwahl«; ein menschenleerer Wagen zeigt immerhin eine Wildwest-Kulisse (»Wahllokal«); und sogar einen Kiliansbrunnen konnte entdecken, wer lange genug gute Miene zum öden Spiel machte.

Da muss ich an die Faschingsumzüge in der Rhön denken, das wochenlange winterliche Basteln an den Kulissen für die Anhänger, die gepfefferten Sprüche und bissigen Kommentare zum Geschehen im Dorf und dem Rest der Welt. Gerade mal zwei »normale« Wägen fuhren im Zug mit: der mit der Musikkapelle, und der mit den Würstchen und Getränken. Ansonsten: Spass bis zum Abwinken, abenteuerlichste Auf- und Umbauten (einem Kombi hatten sie mal das Dach abgeflext – die Karosserie hatte tatsächlich genau den Zug überstanden, und ist erst dann einfach zusammengebrochen) und das Gefühl aller Dorfbewohner, wenigstens dieses eine Mal im Jahr die souveräne Position einnehmen zu können, von der man sonst nur träumt, und ordentlich das Maul aufzureissen.

In Würzburg: Eine Kapelle nach der anderen, ein Faschingsverein nach dem anderen, ein Prinzenpaar nach dem anderen – und alle, die nicht selbst musizieren, haben die gleiche CD zum gleichen Zeitpunkt eingelegt, so dass an unserem Platz in der Augustinerstrasse dann ungelogen 4x hintereinander Donikkls »Fliegerlied« von unterschiedlichen Wägen in unterschiedlicher Klangqualität auf uns einhämmert.

Einmal im Jahr könnte es doch tatsächlich »so ein schöner Tag sein«, wo die kommunal- und regionalpolitischen Fettnäpfchen nochmal alle ans Licht gezerrt werden, wo im närrischen Treiben jeder seine eigene Bühne ins Schlepptau nehmen könnte, um die Narreteien der restlichen 364 Tage nochmal plastisch darzustellen. Denn bei aller Liebe zur Bütt: Erst beim Basteln zeigt sich doch wahre Größe und Potenz der närrischen Zeit.

Könnte, hätte, wäre – ich muss ja doch wieder hin im nächsten Jahr. Wegen der Kinder. Wegen der Bonbons. Sonst? Nichts.


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