Brewed By Noon

8. März 2009 | Autor: Rigobert Dittmann

am 1. März im Würzburger Omnibus

In seiner XL-Version hat das ›Irish Griot‹-Ensemble des Drummers Sean Noonan absolut süffige Alben eingespielt – Stories To Tell (2007) und Boxing Dreams (2008), heißer Stoff mit Gesang von Susan McKeown und Abdoulaye Diabate und illustren Gästen wie Mat Maneri und Marc Ribot. Aber das Grundmolekül besteht aus Noonan und dem Gitarristen Aram Bajakian, an das sich weitere Atome binden können. 

Anfangs – 2005 – waren das der senegalesische Bassist und Sänger Thierno Camara und Jon Madof als weiterer Gitarrist. Auf der Europatournee im Frühjahr 2009 ist es der ›Boss of the Bass‹, Jamaaladeen Tacuma, als der dritte Mann in einem Powertrio, das sich am 1. März im Würzburger Omnibus dem direkten Vergleich mit Marc Ribots Ceramic Dog stellte, die am gleichen Ort schon ihre Freakshow abgeliefert hatten.

Tacuma, zuerst nur eine einschüchternde Gestalt in Wintermantel und Thelonius-Monk-Mütze – der Mann hat immerhin Klassiker von Ornette Coleman, James Blood Ulmer, Kip Hanrahan und The Golden Palominos beblubbert – entpuppt sich auf der Bühne als messerscharf gedresster Gentleman in blaugrünen Lackschuhen. Und statt sich cool auf seinen Lorbeeren auszuruhen, legt er sich, nachdem endlich auch der Bassverstärker funktioniert, ins Zeug, als könnte er sich nichts Schöneres vorstellen. So ein toughes Trio – wie ja auch schon mit Freddy Studer & Christy Doran, Calvin Weston & Derek Bailey und Free Form Funky Freqs – das ist ganz offenbar genau sein Ding. Seine Singlenotetechnik ist atemberaubend, nur einmal lässt er mit Slapdaumen die Funken fliegen (»Pat Cat«?). In der Pause gibt er freigiebig Autogramme, verrät, dass er eigentlich Rudy heißt und ist der umgänglichste Typ, der nicht zufällig über den Schatten falscher Erwartungen und Ghettoisierungen springt, der weltbürgerlich mit Wolfgang Puschnig, alpinen Blasmusikern, koreanischen Trommlern oder Erika Stucky gespielt und sogar mit Orcas sich ein Tunasandwich geteilt hat.

Am linken Flügel hat sich Bajakian mit sieben Effektpedalen umringt und spielt, als hätte er an der berüchtigten Crossroad einen Deal gemacht. Genuin ein Blueser, sprengt er das Schema ins Offene, mit Noten, so blau wie Veilchen, die man im Boxring pflückt. Den Auftakt macht auch gleich Noonans Hommage an Rocky Marciano, den unbesiegten Champion, der wie er aus Brockton, MA, stammte (»Courage«), gefolgt von weiteren Brewed By Noon-Hits wie »Morpheus«, das quirlige »Look« mit seiner total schmusigen Melodie und »Story of Jones«, die Geschichte vom Lokführer Casey Jones, die der Champ, wie immer in Schwarz-Gold und barfuß, so schön in Szene setzt wie später seine eindringliche Empfehlung, abzuwarten, bis die Ananas so richtig reif ist (»Pineapple«). Das ist schon ziemlich skurril, setzt aber nur Tüpfelchen aufs i, i wie irrwitzig, i wie intensiv.

Im handverlesenen Publikum wird mit selig geschlossenen Augen in den rasanten Gitarren- und Bassläufen geschwelgt, den aufsteigenden Accelerandos, bei denen man die Lider ganz fest zupressen muss, den Ritornellen und endlich den Reprisen, die Noonan mit der erhobenen Linken signalisiert. Fast möchten sich die Drei gar nicht bremsen, so gut sind sie immer wieder im Schwung. Wie der Champ die Felle und das Blech traktiert, wie er von Stöcken zu Besen wechselt und wühlend in den Infight geht, das ist allemal weltmeisterlich.

Einige wundern sich, wie ausgerechnet der Drummer, der mit The Hub oder Brooklyn Lager auch schon ganz anders, blitzgewittrig und kickboxend nämlich, Würzburger Kalkschädel malträtiert hat, auf so melodische Einfälle kommen und so groovig rocken kann. Ich wundere mich über den Gitarristen, ein jungenhafter Indietyp in Turnschuhen, der nur durch die schicke Brille, die er offstage trägt, seine Sophistication andeutet, und der die Saiten sprechen lässt, dass man sich fragt, wieso sein Name nicht in aller Munde ist. Er kann alles und gibt alles und das Meiste davon steht garantiert nicht auf den Notenblättern zu seinen Füßen. Es gab Zeiten, da hat sowas als Teufelswerk oder Gottesbeweis gegolten. Im perfekten Rapport mit Tacuma zupft er einen an beiden Ohren mit so flinken und geschmeidigen ›Urban Mbalax‹-Statements, dass das Pulsierende und Melodische, Tänzeln und Punchen, ununterscheidbar werden. Immer wieder Zwischenbeifall und »Rock’n’Roll!«-Jubel bestätigen, wie gut diese Sparringsrunden für das Dancing in Your Head ankommen.

Warum aber nur so an die 20 Fans selig beschwipst heimgondeln konnten, statt 200, das wissen nicht einmal die verrücktesten Götter, aber die ganz normalen Würzburger, die wissen’s bestimmt.


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