Freakshow again: UNIVERS ZERO im Cairo

20. März 2009 | Autor: Rigobert Dittmann

Der unglaublichste Songschreiber, den ich je gehört habe, schwärmte kürzlich Grandmaster Flash, als er nach 95 Jahren Strawinskis »Le Sacre du Printemps« entdeckt hatte. Im Hip-Hop machen wir fröhliche, wütende, traurige oder verliebte Nummern. Er aber steckt das alles in einen einzigen Song. Genau so ein Karussell der Gefühle, Strawinski reloaded als Rockband, hat seit über 30 Jahren den Namen Univers Zero. Die belgische Rock-in-Opposition-Kultformation um den Schlagzeuger Daniel Denis legte am 17. März 2009 auf dem Weg nach Linz und Prag einen Zwischenstop im Würzburger Kulturhaus Cairo ein. Endlich mal, Dank der vielen Sternfahrer, vor einer Kulisse, die den Mann an der Kasse ins Schwitzen brachte, schon bevor die versammelte Hundertschaft zu tropfen anfing.

Grund dafür war kein Strohfeuer und auch sonst keine Feuerspuckerei. Denn eigentlich spielten Michel Berckmans, der zweite der ›Alten‹, die den Geist der frühen Jahre seit 1998 wiederbelebten, an Fagott, Oboe & Melodica, Kurt Budé an Klarinette & Bassklarinette und als Conférencier, Pierre Chevalier an Keyboards, Dimitri Evers am E-Bass und Martin Lauwers an der Geige nicht per se Musik zum Abrocken und Headbangen. Dafür sind »Civic Circus« und die andern Kompositionen von Denis, Budé und Berckmans zu getragen, zu ausgetüftelt. Ein Trio von Klarinette, Fagott und Geige bot sogar rein akustische Kammermusik. Aber die Minimal-Repetitionen, die UZ-typischen Stakkatos, die synkopierten Takte, klassisch bei »Présage« (von Uzed, 1984), »Toujours plus à l‘est« (von Live, 2006) oder »Dense« (von Ceux Du Dehors, 1981), das ich prompt als »Danse« missverstand, die hatten etwas derart Zwingendes, dass sich das konzentrierte Lauschen und Staunen in eine wogende Masse bewegter Glieder verwandelte, in dem Fusselmähnen und glänzende Glatzen in Aufruhr waren. Ich kann mir nicht helfen, für mich ist das die zu seltene Musik, die eigentlich als die wirklich zeitgenössische gelten sollte.

In den Spät-70er- & 80er-Jahren war Univers Zero Klang gewordener Zeitgeist gewesen, der Widerhall von Konflikten und Katastrophen, hinter denen ein neues Mittelalter, eine neue Barbarei sich abzeichneten (auch wenn Tschernobyl doch nicht »Wermut«, sondern bloß »Beifuß« bedeutet). Ich hörte diese Musik quasi als Soundtrack zu W. M. Millers Lobgesang auf Leibowitz und J. Brunners Schafe blicken auf. Das einstige »Tanz den Apokalypso« hat sich seitdem entspannt zu virtuosen Tänzen, die nun ohne dystopischen Beigeschmack Menschenwürde und Utopie feiern mit einem Optimum an rhythmischer Raffinesse und musikalischer Architektur.

Die einstigen Guerilleros der Finsternis haben ihre schwarze Symbolik der Trauer und des Widerstands und den Lovecraftschen Horror – die UZ-Vorläufer hatten noch Arkham und Necronomicon geheißen – entschärft zum bloßen Künstlerschwarz. Budé nannte eins seiner Stücke »Straight Edge«, aber frotzelt darüber als Realo-Sünder, der diese Fundi-Lebensweise nur vom Hörensagen kennt. Will sagen, UZ bleiben Strawinski treu, indem auch sie eine neoklassizistische, ironische Haltung zur unerträglichen Leichtigkeit des Seins an den Tag legen, wobei sie einen ständig vexieren lassen zwischen Passagen, die man bestaunt und einverständig benickt, und Strudel, in die man sich berauscht fallen lässt.

Der Zauber dieses Abends lag in der Balance zwischen dem starken rhythmischen Akzent, den Denis mit seinem Marschgetrommel und Springprozessionstakten setzt, unterstützt von Evers mit ständig wechselnden Basseffekten, und dem ebenso starken melodischen Element, das die Bläser und die Geige nuancenreich einfärbten, während die Keyboards mal hämmernd die eine, mal dröhnend die andere Seite stärkten. Wie allein »Dense« dieses volle UZ-Spektrum ausreizte mit seiner träumerischen Schwebe neben konzentrierten, rituellen Schrittfolgen, das war großartig. UZ ließ die Phantasie vagabundieren von den gezierten Tanzfiguren von Automaten aus der Zeit von Kempelens zu kubofuturistischen Balletten von bestechend komplex und elegant ineinander greifender Mechanik und wieder zurück zu flämischen Reigen, veredelt à la Petruschka und Pulcinella. War das»Kermesse Atomique« oder das der »Falling Rain Dance«? UZs Repertoire war in den 1 3/4 Stunden auf dem neuen und neuesten Stand, aber so stilsicher, dass auch Nostalgikeraugen leuchteten. Auch wenn Kondenswasser von der Decke tropfte, für Cairo-Verhältnisse war der Sound erfreulich transparent, so dass nicht einmal dieser Wermutstropfen die Begeisterung trübte, die selbst nach der Zugabe zur Zugabe alle Anzeichen von »Genug ist nicht genug« zeigte. Der Abschied der Sternfahrer war entsprechend rosarot: Heute ist nicht alle Tage, wir komm’n wieder, Würzburg, keine Frage.


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2 Kommentare zu „Freakshow again: UNIVERS ZERO im Cairo“

  1. steffen deeg sagt:

    vielen dank für die schöne kritik über das konzert im cairo!

    ich möchte nun, nachdem auch in einem newsletter vor dem besprochenen konzert das cairo als „akustisch kongenial“ bezeichnet wurde und nun hier ein satz wie „für Cairo-Verhältnisse war der Sound erfreulich transparent“ fällt, unsere tonanlage ein wenig in schutz nehmen!
    ich selbst habe zwar wenig ahnung von technik, zahlreiche fachleute haben mir aber bestätigt, dass im cairo zur zeit eine der besten fest-eingebauten tonanlagen würzburgs steht!
    bald komt noch das neue licht und die frischluftanlage dazu!

  2. Jochen Kleinhenz sagt:

    Über den Sound konnte ich bisher nie meckern, und auch das Licht hat eigentlich immer gut gepasst … aber auf die Frischluftanlage freu’ ich mich wirklich … ;-)