St. Bruno deckt die Blößen zu

23. März 2009 | Autor: Berthold Kremmler

Viele deutlich sichtbare Lücken gibt es in der Innenstadt nicht mehr zu schließen. Eher ist man geneigt, nicht bis zum äußersten geschlossene Hausfluchten als Raum zum Atmen zu empfinden. 

In der Spiegelstraße gibt es eine solche Stelle, die bisher noch offen und einsehbar ist und wunderbarer Freiraum zum Luftholen und Entspannen: das italienische Café mit seinem kleinen Plätzchen. Es grenzt an die zweigeschossige Fassade eines barocken Pavillons, der einmal den Garten eines Domherrn zierte. Er ist nach der Kriegszerstörung wieder aufgebaut worden, wie so viel in der Innenstadt – in der Ausstellung im Rathaus konnte man sich dessen gerade wieder versichern. Aber auch wenn er vielleicht nicht wirklich alt ist, er erinnert an das untergegangene Würzburg.

Nun soll dieser Raum einer »angemessenen« ökonomischen Verwertung, besser Ausbeutung zugeführt werden. Bauträger ist dieselbe Einrichtung, die schon im hinteren Teil dieser noch offenen Fläche ein Gebäude errichtet hat, das mit seinen sechs (!) Geschossen ganz ungewöhnlich intensiv bewirtschaftet wird. Es handelt sich, wie ja bei mindestens zwei Dritteln der Innenstadt, um ein Derivat der katholischen Kirche, das St. Bruno-Werk, das in letzter Zeit schon so manches sehr diskussionswürdige Gebäude hat errichten lassen – man denke nur an das gläserne Obergeschoß am Schmalzmarkt.

Es gibt nicht so viele Profanbauten in der Innenstadt, die es wert sind, daß der Flaneur seinen Blick darauf richte. Dieser Pavillon gehört gewiß dazu. Man könnte sich also erhoffen, daß bei der baulichen Gestaltung der Umgebung darauf geachtet würde, diese Fassade in ein würdiges Licht zu rücken, es also nicht von den Neubauten bedrängen und verstecken zu lassen. Das St. Bruno-Werk hat nun von fünf Architekturbüros untersuchen lassen, wie man ein sehr opulentes Programm auf dem Grundstück unterbringen kann. Manche Entwürfe zeigen die gebotene Rücksicht auf die Umgebung. Es gibt sogar einen Entwurf, der, die Biegung der Spiegelstraße aufnehmend und verlängernd, den Pavillon geradezu zum Schmuckstück eines kleinen Platzes inszeniert und damit dem Geist des Barock Reverenz erweist. Die rücksichtsvollen, phantasievollen Entwürfe fanden jedoch keine Gnade.

Wen wundert’s: der ausgewählte Entwurf versteckt diese Fassade des Pavillons, schirmt sie mit einer Glaswand vor der Straße ab und zwängt sie in ein Gastronomie-Konzept. Zu allem Überfluß kommt auf das sowieso schon überhöhte Gebäude ein Flachdach, und auf dieses wird ein Kasten, nach rückwärts versetzt, draufgeklatscht, der an vorkragende Aufbauten von Legosteinen erinnert und den man als hingehauenen Sack apostrophieren möchte, wäre er dazu nicht zu eckig. Die Eleganz der Bauidee ist mit dieser Beschreibung allerdings zutreffend charakterisiert. 

Man mag es nur ungern anfügen, es läßt sich aber nicht vermeiden: es stammt aus demselben Architektenbüro, das auch die Bauleitung über den Neubau der VR-Bank am Markt zu verantworten hatte.

Zuständig dafür ist letztlich die Kirche. Und zu deren Glaubensbekenntnis gehört bekanntlich, daß man das Ökonomische immer in den Vordergrund zu stellen habe.

Da kann einem Stephen Green, der Verwaltungsratsvorsitzende der größten europäischen Bank HBSC, durchaus ein Licht aufstecken. Er, der zugleich ordinierter Pfarrer der Church of England ist, wurde neulich in der FAZ zitiert: »Interessant ist, daß Green in seiner Auseinandersetzung mit Gott, City und Verantwortung auch sehr kritisch mit der Kirche umgeht. Diese nämlich verdamme die Welt des Kapitalismus und der Banken, ohne zugleich eine Anleitung zu geben, wie sich Christen gerade in dieser Welt zu verhalten hätten, sagt er [Anm.: Green. Er] … scheint damit anzudeuten, daß sich auch die Kirche zu leicht aus ihrer Verantwortung stiehlt. So verurteilen Kirchenvertreter zum Beispiel das Short-Selling lautstark und äußern sich auch sonst abfällig über die Finanzkrise, ohne dabei laut zu sagen, daß gerade die Kirchen unter den Fondsmanagern als besonders harte Kapitaleigentümer bekannt sind.« (FAZ vom 3.3.2009, S. 16 – hier online nachzulesen)

Dem muß man nur noch die hübsche Feststellung der Mainpost jüngst anfügen, daß in Würzburg die Mietpreise der Innenstadt mit jeder richtigen Großstadt konkurrieren können – wie die Besitzverhältnisse hier sind: siehe oben. Ist es da nicht pikant, daß der Finanzdirektor des Bistums gleichzeitig Bürgermeister der Stadt ist, man aber noch nie von Loyalitätskonflikten gehört hat?!


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1 Kommentar zu „St. Bruno deckt die Blößen zu“

  1. Heinrich von Kleist sagt:

    Mein lieber Berthold Kremmler,
    ich grüße Dich herzlich und erlaube mir aus dem Brief an meine Braut Wilhelmine von Zenge zu zitieren, den ich ihr am 11. September 1800 aus Würzburg gesandt habe: „Das Ganze hat ein echt katholisches Ansehn. Neun und dreißig Türme zeigen an, daß hier ein Bischof wohne, wie ehemals die ägyptischen Pyramiden, daß hier ein König begraben sei.
    Der Lauf der Straßen hat der regelloseste Zufall gebildet. In dieser Hinsicht unterscheidet sich Würzburg durch nichts von der Anlage des gemeinsten Dorfes. Da hat sich jeder angebaut, wo (und wie) ihm grade gefiel, ohne eben auf den Nachbar viele Rücksicht zu nehmen. Daher findet man nichts als eine Zusammenstellung vieler einzelnen Häuser, und vermißt die Idee eines Ganzen, die Existenz eines allgemeinen Interesses (außer vielleicht dem einer hohen Rendite mittels hoher Mieteinnahmen!) Oft ehe man es sich versieht ist man in ein Labyrinth von Gebäuden geraten, wo man sich den Faden der Ariadne wünschen muß, um sich heraus zu finden. Das alles könnte man der grauen Vorzeit verzeihen; aber wenn heutzutage ganz an der Stelle der alten Häuser neue gebaut werden, so daß also auch die Idee, die Stadt zu ordnen, nicht vorhanden ist, so heißt das ein Versehen verewigen.“
    Nun, wie gefällt Dir das!? Darf ich noch anfügen, was ich über Euren ganzen Stolz, die Residenz, geschrieben habe? Wohlan: „Das bischöfliche Residenzschloß zeichnet sich unter den Häusern aus. Es ist lang und hoch. Schön kann man es wohl nicht nennen. Der Platz vor demselben ist heiter und angenehm.“ Warum lachst Du, stimmt das mit dem Platz nicht mehr!? Dann entschuldige bitte!
    Es grüßt Dich nochmals ganz herzlich und mit einer Portion preußischer Ironie
    Dein Heinrich von Kleist