LES YEUX DE LA TÊTE – FREAKSHOW abnormal

28. April 2009 | Autor: Rigobert Dittmann

Ein Pleonasmus? Ja und Nein. Charlys Freakshow ist bekanntlich ein obdachloser Wanderzirkus, der – stillschweigend geduldet, sprich: ignoriert – mal im Cairo (Indie querbeet), mal im Immerhin (das leider den nächsten Winter wohl nicht mehr erleben wird), mal im B-Hof (Punk & dergl.) oder Omnibus (Senioren-Folk/Blues etc.) versucht, Provinz anders zu definieren.

Diesmal war die Terminnot groß und für das aus der Normandie angereiste Trio von Luc »Genau« – Bass, Ivan »Raiman« – Batterie &  Samuel »Masterplan« Frin – Saxophon fand sich am 22. April 2009 nur der Tiepolokeller als Ausweichort. Dort war die Deplaziertheit der »Rock Jazz, not Jazz Rock«-Attacken inmitten der für Würzburger Kuscheljazz polstermöblierten Nische von Anfang an mit Händen zu greifen. Und gipfelte nach einer Dreiviertelstunde in der erbosten Intervention des Wirtes: Das sei ein normaler Jazzkeller und nichts für »das da«! Womit er irgendwie nur allzu recht hatte.

Bis zum Veto gegen die »bad vibrations« auf die »Provinz mit Weltniveau« hatten uns die drei Normannen gottseidank schon ausgiebig mit schönster »Weltniveau«-Losigkeit beschallt, nämlich mit heftigen, aber wohl strukturierten und, wenn man nicht Mozart oder Miriam Makeba als einzigen Maßstab gelten lässt, sogar melodiösen Midtempoinstrumentals – schönes Beispiel: »Belgharv hal«. Opulente Saxophonfiguren und bratzige, oft mit Fuzzeffekt aufgeraute E-Bass-Riffs werden von Ivan mit allerdings tatsächlich knüppelhartem Getrommel zusammengeschweißt. Trotz seines Arsenals von sechs Cymbals klopft er den Beat markant knackig und holzig. Aber soll er sich deswegen einen Arm auf den Buckel binden? Sam Frin, der auch bei Rictus ins Horn stößt, strebt, selbst wenn er für das getragene »Le Grand Martin Quequoi« und das schmissig gutturale »Maitre Moulard« zum Bariton wechselt, nie die Finsternis von Luca Mai mit ZU an. Mit seinem vollmundigen Altoton ist er das Sprachrohr kernig-vitaler JetztMusik, die desto mehr Staub aufwirbelt, je mehr Staub als Gemütlichkeitsindiz gilt. Das toughe Element steuert hauptsächlich der Bass bei mit schnarrendem Grollen und knurrigen Stakkatos. Wie heißt es so schön – rau, aber herzlich.

Wer zuvor von The Hub und The Molecules eine Wendeltreppe hinab gerempelt oder von Anthurus d‘Archer beknattert wurde, für den war das pure Erholung und neue Kraftnahrung, um weiterhin kleine Zeichen zu setzen gegen eine Borniertheit, der der eigene Mief und der größte Haufen nicht groß genug sein können.

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