Wiederaufbau und Wirtschaftswunder

1. Mai 2009 | Autor: Joachim Fildhaut

Vor der Landesausstellung in der Residenz

Im Implantat: Das Barockschloss enthält eine Zeitblase der 1950er Jahre und ihrer Vorgeschichte, ab ’33. Hunderte von Exponaten werden in den nächsten Monaten die Aufmerksamkeit des Besuchers von der halluzinatorischen Raumstruktur in der Residenz ablenken. Schade! Bewusstsein für die gigantische Zeitkapsel schuf hingegen eine Vor-Führung drei Wochen vor der Eröffnung.

Lokal prominent scharrte es auf dem Parkett. Rund 50 mehr oder weniger wichtige Leute vom Residenzhausherrn Gerhard Weiler bis zum universitären Alumni-Beauftragten kamen zur Besichtigung, die in zwei Gruppen aufgeteilt wurde. Bei soviel Zulauf wäre der protestierende Ruf verständlich gewesen: »Aber wo sind denn hier die Ausstellungsstücke?«

Doch nein, geduldig marschierten Kameramänner, Journalisten u. v. m. mit dem Kurator Josef Kirmeier, der zur Hebung der Stimmung bzw. als Ersatz für die fehlenden Vitrinen jeder Besuchergruppe immerhin zwei junge Frauen in historischer Tracht der Isetta-Epoche beigegeben hatte. Die wurden denn auch eifrig fotografiert.

Kritik an »völlig leeren Räumen« wäre aber nicht nur dank der bunt lebendigen Deko fehlformuliert gewesen. Zu besichtigen und anzuerkennen war die unverstellte Rauminszenierung. Das komplette Saalkarree der M.-v.-Wagner-Gemäldesammlung wurde bis zu den Decken hinauf mit weißen Laminatplatten ausgeschlagen, teils vom Fußboden stumpfwinklig aufsteigend. Als die Räume wirklich noch leer waren, lohnte sich schon ein Bummel hindurch – »minimalistische Installation« Hilfsausdruck! Schwer Eindruck macht auch die Abhängung einer Decke, aus der Waagerechte gewinkelt und bedrohlich niedrig montiert. 

Zweck der Verkleidung: Sie trägt Folien mit riesenhaft aufgezogenen Fotos, Parolen, Displays. Die Ausstellungsarchitektur kann selbst als Ausstellungsstück hergezeigt werden, weswegen die exponatfreie Vor-Führung mit viel Recht anberaumt wurde. Allerdings und zum Glück geht die Einrichtung zugleich so sehr im Dienst der Sache auf, dass drei Wochen vor Startschuss nur den wenigsten Besuchern bewusst wurde, dass man ihnen lediglich die Hülle der baldigen Landesausstellung vor Augen führte. Der Designer Fritz Armbruster hat mit seiner – über den Daumen gepeilt – hundertsten Ausstellung in seinem 26. Berufsjahr ein Meisterwerk geschaffen.

Das starke, suggestive Wirken der Ausstellungsgestaltung wird an manchen Stellen eine andere Aura ersetzen: die des Originals. Plakate beispielsweise hängen nicht hinter Glas und bleiben damit in ihrer historischen Substanz beschützt. Stattdessen kleben Abdrucke an Litfasssäulen oder Bretterzäunen, weil sie auf diese Weise mehr vom Wesen ihrer Entstehungszeit erfahrbar machen. Im Zweifelsfall entschied sich das Haus der Bayerischen Geschichte eher für die sinnliche Präsenz einer Kopie als für das Original. Dieser Politik entspricht auch der Hohe Stellenwert von Video, Audio und Co.: Die Epoche der Trümmerfrauen und der Petticoatträgerinnen wird an 50 verschiedenen Medienstationen lebendig.

Neben Auge und Ohr, den notorischen Museumssinnesorganen, spricht ein fliegenpilzförmiger Kiosk, der Milchpilz, auch Geruch und Geschmack an. Was den Ausstellungsmachern obendrein gelang: Anlässlich des 60. Grundgesetzgeburtstags balancierten sie ein gutes Gleichgewicht aus zwischen bayerischen und mainfränkischen Exponaten. So strömen Einheimische und internationale Schlosstouristen sicher mit gleicher Berechtigung in diese phänomenale Schau, in der sich der Freistaat zwar auch selbst feiert, dabei aber gar nicht einmal so laut und keinesfalls ausschließlich jubelt.

Eröffnungsfest mit breitem Rahmenprogramm am 7. und 8. Mai. Bis 4. Oktober tgl. 9-18 Uhr.

www.hdbg.de


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1 Kommentar zu „Wiederaufbau und Wirtschaftswunder“

  1. Jochen Kleinhenz sagt:

    Begleitend zur Landesausstellung dokumentiert die evangelisch-lutherische Kirchengemeinde in zwei Ausstellungen, in den Kirchen St. Stephan und St. Johannis, die Zerstörung der Kirchen im Zuge des Bombardements von Würzburg, den Wiederaufbau sowie das (kirchliche) Leben in den ersten Jahren nach dem Krieg. Die Ausstellungen laufen ebenfalls bis Oktober und sind zu den üblichen Kirchenöffnungszeiten zu besichtigen.