CHEER-ACCIDENT

5. Mai 2009 | Autor: Rigobert Dittmann

3. Mai 2009, CHEER-ACCIDENT legt beim Sprung von Frankreich nach Polen zum zweiten Mal in Freakburg einen Zwischenstop ein – diesmal im B-Hof. Wer erwartete, dass die Gang aus Chicago irgendwie die Songs ihrer neuen Cuneiform-CD auf dem Programm hätte, sieht sich getäuscht, doch nicht enttäuscht. Oh nein. Verstärkt mit einem Laptopper (der auch Gitarrensounds beisteuert), stellen Thymme Jones, der zauselige Drummer und Cheerleader, Jeff Libersher an der Gitarre und Alex Perkolup als zartbesaiteter Rübezahl am Bass, nach einem ausgiebigen Soundcheck und entsprechend einstündiger Verzögerung, die Zeichen abrupt auf Sturm. 

Mit dynamisch vertracktem Mathrock, gefolgt von einer minimal-repetitiven Passage, zeigen sich die Accidents von ihrer – vermeintlich – typischen Seite. Doch dann verdunstet dieses Gerocke zu dreistimmigem Melodicagebläse, nur unterlegt von Laptopbeats und ambienten Dröhnklangwolken und stechenden Noisestrahlen. Zwei Trompeten mischen sich ein, schaffen eine irrlichternde Atmosphäre. Mit einer MONSTERATTACKE setzt aber wieder kantiges Kniebrechriffing ein, wie Grand Funk Railroad auf Hardcore getrimmt. Was wiederum nach einigen Minuten ausfasert in zarten Laptopnoise und Beinahestillstand. Jones jammert kopfüber in sein Drumset, verschwindet ganz und beginnt hinter einem Vorhang Pianonoten zu plinken. Die Gelegenheit, Klavier, statt Keyboard zu spielen, war für ihn ein unverhofftes und für’s Publikum ein poetisches Surplus. Zum Pianoriffing verfällt er in Beach-Boys-Gesang, von Libershers Trompete lyrisch begleitet. Der Song fasst Tritt, zuerst mit wortlosen Silben, dann entfaltet als zartes Lied im Brian-Wilson/Robert-Wyatt-Ton. Ein magischer Moment, aus dem dunkle Basstupfer und Laptopsampling sich wie mit Blindenstock heraustasten. Mit heftig klackendem Getrommel wird jetzt Schwung genommen für einen neuen Steilflug in den Donnergötterhimmel, erst langsam, dann mit verdoppelter und verdreifachter Schlagzahl. Und wieder flaut die Musik ab bis zu Beinahestillstand und Beinahestille, nur um urplötzlich erneut zu einer HIMMELFAHRT sich aufzuschwingen und in einen pulsierenden Schamanentanz mit Trompete zu verfallen. Mit einer weiteren Modulation geht es weiter und weiter. Jones bläst gestopfte Trompete und erschafft eine melodische Spannung, die im Laptop zerschrotet wird, sich aber rechtzeitig frei spielt mit wieder einsetzendem Drumgedonner. Ein Luftloch reißt auf, in das erneut Blitz und Donner einschlagen, zuckendes Riffing im halsbrecherischen Stop & Go, Chaos & Stillstand. Aus dem einen eine jetzt und so nicht mehr vermutete Robert-Wyatt-Elegie erlöst. Mehr Kontrast und Spannung gibt es nicht. Nach einer Stunde – einer Stunde?! –, in der unser kleiner Kreis wie gebannt gelauscht hatte, brechen endlich alle Beifallsdämme.

WAAAAHNSINNNNN!!!!!!!

Doch die Cheers haben ihr Füllhorn noch nicht geleert. »The Birth of Scratch Rock« wird angesagt und als kniebrechgetakteter Kaputtrock, gleichzeitig Hyperperfektrock, zur Welt gebracht. Das dünnt wieder aus zu Grummel- und Trötnoise, zu Schab- und Kratzanarchie, zu Search & Destroy-Klingklang mit spontaner Publikumsbeteiligung!!! Jones macht sich erneut unsichtbar, Libersher legt sich faunisch auf den Rücken mit der Gitarre auf dem Bauch, Perkolup lehnt sein feedbackbrummendes Instrument an die Box und taucht selbst in die Basstrommel, die Zeit kaut selbstvergessen einen Grashalm. Bis nach langem Spintisieren Pegasus, der wackere Mustang, letztmalig die Sporen bekommt für den finalen Sprung. UNGLAUBLICH! 

Eine so gewagte Inszenierung hat man lange nicht erlebt. Die Band strahlt mit uns um die Wette und der unbekannte Vierte verrät mir seinen Namen – Dan Burke. Ha! Illusion Of Safety! Das nenne ich eine Überraschung. Dass Cheer-Accident sich mit diesem untergründigen Vertreter der Noise Culture verstärkt hat (dabei freilich nur uralte Bande aus den 1980ern neu knüpfte), ist die perfekte Krönung dieses so abenteuerlustig ausgeuferten Nachmittags.


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