Das Röcheln der Mona Lisa

6. Mai 2009 | Autor: Manfred Kunz

Furios eröffnete Michael Lentz am 5. Mai die Woche der Lautpoesie in der Würzburger Werkstattbühne. In einer außergewöhnlich perfekten Kombination aus literaturhistorischem Vortrag und Darbietung eigener lautpoetischer Texte steckte der in Berlin lebende und in Leipzig lehrende Schriftsteller, Lautpoet, Literaturwissenschaftler und Musiker den historischen und ästhetischen Rahmen der Lautpoesie als »ein Genre der akustischen Kunst im intermedialen Grenzbereich von Poesie und Musik« ab.

Sein gleichermaßen informativer wie kurzweiliger und mit klug ausgewählten, seltenen Tondokumenten bereicherter Vortrag schlug den historischen Bogen von den Vorläufern der Lautpoesie wie Paul Scheerbart und Christian Morgenstern über Hugo Ball, den »Erfinder« des Begriffes »Lautpoesie« und den experimentellen Kosmos des Dadaismus bis hin zu den Ausdifferenzierungen in der Nachkriegszeit. Die wurde in den 1960er/70er Jahren vor allem durch das Aufkommen neuer Medien und Sprachverarbeitungstechniken befördert und hat sich in der Gegenwart erweitert bis hin zur stimmlichen Performance und Multimedia-Kunstform. Auch Entwicklungen im Nicht-Deutschen Sprachraum, etwa aus dem russischen und italienischen Futurismus, oder aus Frankreich und den Niederlanden waren in den profunden Überblick einbezogen. 

Selten wurde Literaturgeschichte anschaulicher und lebendiger vermittelt als in diesem hoch konzentrierten Vortrag, der durch die sich nahtlos anschließende Lesung und Live-Performance eigener Texte, überwiegend aus dem Band »Neue Anagramme«, noch um eine »praktische« Dimension erweitert wurde. Im sprachlich souveränen Umgang zeigte Lentz hier auch die Bandbreite  seines lautpoetischen Werkes auf: sie reicht von gelungenen Anagrammen über sprecherische Glanzleistungen wie seine »Rache an den vier zugfahrenden Dortmund-Fans« bis zu den fast gänzlich lautmalerischen Erinnerungen an Früher. Und trotz fortgeschrittener Uhrzeit stand er dem aufmerksamen und neugierigen Publikum unermüdlich Rede und Antwort auf, wie er mehrfach lobend feststellte »interessante Fragen«. Ein durchaus denkwürdiger Abend also, der einmal mehr den Ruf der Werkstattbühne als der Ort der anspruchsvolleren Seite des literarischen Betriebes bestätigte.

Die Woche der Lautpoesie endet am 10. Mai (ab 15 Uhr) mit einem Fest der Lautpoesie. Vorher kann man noch den leidenschaftlichen Anagrammisten Stephan Krass (am 7. Mai) und die beiden »Altmeister« Franz Mon (am 8. Mai) und Gerhard Rühm (am 9. Mai) mit ihren lautpoetischen Darbietungen eigener Texte erleben.

Weitere Informationen und Karten: www.werkstattbuehne.com


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