»Vergiß das Beste nicht«

8. Mai 2009 | Autor: Berthold Kremmler

Notiz zur Eröffnungsveranstaltung zu Wiederaufbau und Wirtschaftswunder am 6. Mai 2009

Jeder Märchenleser kennt aus seiner Kinderzeit das Märchen von »Ali Baba und den 40 Räubern«. Die Märchentradition des Mittelmeerraumes bietet davon verschiedene Varianten; in einer Version haben die Eltern ihr Kind dabei, als sie die Räuberhöhle entdecken und die Räuber beklauen. Es spielt etwas abseits mit den Schmuckstücken, bei denen die Eltern sich bedienen und immer mehr hinausschleppen. Bei jedem Verlassen der Höhle ertönt eine mahnende Stimme: »Vergiß das Beste nicht!« Die Gier läßt sie nicht darauf achten. Während sie einmal gerade draußen sind, schließt sich plötzlich der Berg, will sich nicht mehr öffnen, und die Räuber nähern sich. Das Kind ist gefangen, es ist nicht mehr zu retten. Alles Weinen und Jammern hilft nicht mehr.

Zum letzten Mal habe ich dieses Märchen in den 1950er Jahren von der Kanzel gehört, und es ging, wie könnte es anders sein, um die Rettung der Seele. Die drei munteren Anekdoten-seligen Eröffnungsreden haben mir diese Geschichte in Erinnerung gerufen: was  ging es uns doch damals gut. Es ging uns zuerst ganz grauenhaft schlecht, aber wir haben uns nicht unterkriegen lassen – und zum Schluß strahlt jetzt sogar die Residenz in altem Glanz. Tauchen wir doch lustvoll in diese inzwischen so weit entfernte Zeit, wo die Hoffnung groß und die Moral unverwüstlich war. Und da dürfen wir uns sogar den Ministerpräsidenten in der ökologisch sparsamen Familienbadewanne planschend vorstellen – wie skurril.

Möchte man meinen und nicht miesepetrig abseits stehen. 

Doch schweig ich noch von dem was ärger als der todt.
Was grimmer den die pest/ vnd glutt vnd hungers noth
Das nun der Selen schatz/ so vielen abgezwungen.  
Anno 1636

Das war am Mittwoch Abend. Am Donnerstag Abend aber könnte die alte Verzweiflung schon wieder die Oberhand bekommen. In Kulturzeit in 3-Sat sahen wir einen Bericht über die Restitution von im Dritten Reich enteigneten Kunstgütern, die staatliche Museen bis heute nicht zurückgeben wollen. Und wir denken über die 1950er Jahre nochmals nach: als es uns gutzugehen begann – wie haben wir uns den Wiedergutmachungswünschen von Zwangsarbeitern, Kriegsgefangenen, politischen Häftlingen gegenüber verhalten?! Mit der Wiedergutmachung an Juden glaubten wir uns ein für allemal salviert zu haben. Nur ja sonst keine Präzedenzfälle schaffen.

Erinnert sich noch jemand an das geflügelte Wort: »Die Wehrmacht war sauber«, nämlich nicht in Kriegsgreuel verstrickt. Bis heute hat man gebraucht, um das Ausmaß dieses Betrugs zu durchschauen. Bis in die 1980er Jahre gab es in Marktheidenfeld Kameradschaftstreffen der Waffen-SS, schon allein, weil es für die Geschäfte so lukrativ war. Mit der Sammlung und Durchleuchtung der KZ-Greuel des Dritten Reiches hat man sich bis 1958 Zeit gelassen, bis die Zentralstelle in Ludwigsburg zu arbeiten begann, volle 10 Jahre nach den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen. 

Zwei, ganze zwei Professoren durften nach der Entnazifizierung nicht wieder ihre alten Lehrstellen bekleiden, Martin Heidegger und Carl Schmitt. Alle anderen wurden nicht weiter oder kaum behelligt, sie wurden als harmlose Mitläufer unterschiedlicher Grade eingestuft. Und doch waren nicht wenige auf ihre Professorenstellen nur gekommen, weil die besser qualifizierten Vorgänger nicht aus dem Exil zurückkehrten – in der Regel, weil sie gar nicht dazu aufgefordert wurden. Besonders signifikant: Die deutsche Kunstwissenschaft hat sich bis heute von diesem Aderlaß nicht erholt. Die Emigrierten, internationale Koryphäen, wollten nicht mehr nach Deutschland zurück. In den späten 1950ern entstand eine Dokumentation, »Braune Universität«, in der Lehrstuhlinhaber zu ihrem Verhalten im Dritten Reich befragt wurden. Bei wie vielen waren zwischen 33 und 45 einfach keine Publikationen verzeichnet! Da konnten schon die Titel entlarvend sein. Und ein wie gutes Gewissen die Mehrzahl hatte!

Wer erinnert sich noch an den renommiertesten Grundgesetz-Kommentator Theodor Maunz, den Lehrer des späteren Bundespräsidenten Roman Herzog? Wie tief überfiel den und die ganze Republik der Schrecken, als sie nach dessen Tod erkennen mußten, daß der verehrliche Universitätslehrer während seiner ganzen Lehrzeit in der Bundesrepublik anonym für rechtsradikale Blätter publiziert hat, und Herzog hat als sein Assistent gearbeitet und nichts bemerkt.

Das sind nur ein paar Beispiele, die zur Farbe der 1950er Jahre wesentlich beitragen. 

Wir wollen die Binnenstruktur der Familien nicht vergessen. Erst heute widmet man sich der Frage, welche Auswirkungen auf die Psyche der heute 65- bis 70jährigen es hatte, daß sie in unvollständigen Familien aufwuchsen. Was weiß man über die Familien, in die die Kriegsgefangenen nach Jahren der Trennung zurückkamen (bis 1955, als Adenauer in Moskau eine Regelung erwirkte)? Was von den Frauen, denen der Schmerz über den Tod der Männer die Lippen für unendlich lange Zeit verschlossen hat?

Bewundern kann, muß man den Wiederaufbau selbstverständlich. Aber man sollte auch nicht vergessen – vor allem nicht in den Eröffnungsreden, die sonst nur schmückend-hohl bleiben –, welchen Preis er gekostet hat, und mit welcher Bitternis zugleich dieser Erfolg bezahlt worden ist. Gerade dann wird dem Betrachter auch bewußt, wie ungeeignet die glanzvoll restaurierte Residenz für diese ganze Veranstaltung ist.

Das Geschehen und die Erinnerung daran muß vielseitig, widerspruchsvoll, schmerzhaft sein. Die bloßen Festivitäten werden ihr nicht gerecht.


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