Frreeeakshoow: WALTER – EVANS – HALVORSON

12. Mai 2009 | Autor: Rigobert Dittmann

Ach, ich weiß gar nicht, wen ich mehr bestaunen soll von den Dreien, die da am 8. Mai 2009 im Immerhin die Würzburger Provinz wieder mal mit Weltniveau verschreckten. Peter Evans, mit Jahrgang ’81 der Jüngste, ein Oberlin-geschulter Virtuose in Biedermannbraun, dem man allenfalls zutraut, dass er sich als Bach-Trompeter von Spießern feiern lässt?  Doch nicht nur, dass er mit dem International Contempory Ensemble Neue Töne spuckt, er sucht offenbar jede Herausforderung durch Querköpfe der JetztMusik, egal ob schräge Plinkplonker oder Höllenlärmer, obwohl er tatsächlich so jung und brav aussieht wie auf den Fotos, die ich für veraltet hielt. Kaum zu glauben, dass er mit Mostly Other People Do The Killing!, Carnival Skin, Sparks, Beresford & Lee und sogar dem Wertmüller-Projekt die Szene aufmischt als Trompeter T-2000, der übrigens auch so schnell spricht, wie er die Finger flattern lässt. 

Oder die 29-jährige Mary Halvorson, ein Wesleyan-studiertes bebrilltes Vogelwesen, das den ersten Set im grünen Trenchcoat spielt, als müsste der ihr Leib und Seele zusammenhalten? Sie macht, seit sie von Brookline, MA, nach Brooklyn gekommen ist, Furore mit Anthony Braxton im Trio Convulsant, im Duo mit Jessica Pavone und und und. Allein wenn ich ihre Frühjahrsaktivitäten 2009 überfliege, klingeln mir die Ohren, denn da wimmelt es von genau den Namen, die Freakherzen höher schlagen lassen – Shahzad Ismaily, Marc Ribot, Matana Roberts, Ches Smith, Chad Taylor. Sie alle reißen sich um das Unerhörteste, was der Jazzgitarre seit Jahren zugestoßen ist. 

So zählt auch Weasel Walter zu ihren Bewunderern. Der Freakshow-, Lowlife- und ROCK’N’ROLL-erfahrene Flying Luttenbacher zielt mit seiner kreativen Wut auf den Kladderadatsch mit abenteuerlustigen freien Geistern. Bei ihm gibt es kein Etepetete, nur Dynamik, Schnelligkeit, krasse Attacken, er ist ein Pierrot le Fou, der statt mit Dynamitstangen mit seinen Schlagstöcken um sich wirft und als Narrenkappe sein Cymbal auf dem Scheitel balanciert. Aber Evans und Halvorson, auch wenn sie es schüchterner und ziemlich ernsthaft angehen, scheint es nicht heiß genug hergehen zu können. Weasel, der zu seinem Deathmetal-T-Shirt eine kurze Hose trägt, in der er steckt wie ein zu groß gewordener Bub, ist trotz der rasant bollernden Bassdrum als seinem Markenzeichen flexibel geworden und findet neben dem direkten Weg zu Kinnspitze und Magengrube auch ungebahnte Pfade und verwinkelte Treppen ins Hardcoreglück. 

Halvorson ist dafür eine so unwahrscheinliche wie ideale Partnerin. Ihre atonale Ruppigkeit, die paradoxen Stolperer und verzögerten Sprünge ihrer struppigen Notenfolgen sind wirklich eigenwillig. Das steht in keinem Lehrbuch. Lakonisch setzt sie mit langen Knochenfingern ihre »verkehrten« Griffe, die aber ebenso effektvoll und zielgenau sind wie ihre Pedaleffekte. Das ist die »Brundlefly«-Version einer Jazzgitarre, mit schweren Webfehlern im genetischen Code. Ein Faszinosum, über das man genauso staunt wie Weasel, der mehrmals den Kopf schütteln und grinsen muss über das, was Evans treibt. 

Während Halvorson dem rasenden Drummer Paroli bietet mit sparsamen, aber genau den richtigen Griffen ihres »Drunken Fist«-Stils, wird Walter von Evans tatsächlich noch über-Weaselt. Er schmettert Zickzackblitze, flatterzüngelt und schnattert 32stel-Tiraden, ZIRKULARBEATMET. Als hätte er eine Luftpumpe im Arsch, wie einer meinte. Da kann die Oberlippe noch so blutrot brennen und der Schweiß in den Augen kneifen, Evans gibt Zunder, dass man vor lauter Baffheit vergisst, die Kinnlade wieder einzuhängen. Die Tuttiraserei der Drei ist zum Schreien.

Aber das wahre Aber bei diesem kurzweiligen Aberwitz sind doch die spontan wechselnden Duette, die launigen Kurven, die schrägen Luftlöcher. Weasel zwirbelt und schabt das Cymbal, patscht und beselt, »flötet« mit einem Schlauch, haut zu, als würde er lästige Fliegen erschlagen und ersticht einzelne Schaben, bevor er wieder Gas gibt und mit dem Müllauto über Schlaglöcher scheppert. Evans dämpft den Trichter mit der Hand, er faucht und ploppt und braucht auch kein Mikrophon für diese delikaten Momente, denn die 18 Freaks, die ihm zu Füßen sitzen, halten den Atem an, um mitzufiebern bis zum nächsten Rösselsprung in die Nesseln. 

Natürlich kann man Denkanstöße allenfalls von Ziegenböcke erwarten (wie Peter Rühmkorf mal witzelte). Aber wenn einem so in die Rippen gestoßen, wenn so schön mit dem Herzen nach dem Hirn gekegelt wird, dann Adieu, schnöde Welt und Hallo, Ihr Ziegenböcke einer schöneren.

PS: Dank an Elke Sommer und Schlockmaster für die Gedächtnisstützen auf YouTube:


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