Auf Flügeln des Gesangs: Kilian schwebt ein

14. Mai 2009 | Autor: Berthold Kremmler

Pinocchio ist an allem schuld!

Der Provinzposse von Weltniveau anderer Teil

Würzburg hat einen neuen Aufschwung genommen. Der »Würzburger Orchestergrabenkrieg« (wie die FAZ titelte) ist fast ganz beerdigt, man kann die Nase wieder in die Luft strecken und sie sich um diese streichen lassen – wir befinden uns wieder in höheren, um nicht zu sagen ins Transzendente abdriftenden Gefilden: Kilian ist im Anflug – man bedenke seine künftige Höhenposition. 

Am Montag vor einer Woche hat der Oberbürgermeister seine gestalterische Sachkenntnis unter Beweis gestellt, ist fast tollkühn und ohne Sicherung durch einen Helm aufs Brunnengerüst geklettert und hat mit souveränem Kennerblick festgestellt, wo noch was verschliffen werden muß. Für kommenden Freitag ist der letzte Handgriff geplant, insbesondere die Implantierung der Spendernamen, und Würzburg hat sein allerhöchstes Symbol wieder in voller quasi unversehrter Gestalt an der ihm gebührenden Stelle: vor dem Bahnhof, wo man ankommen, von wo man aber auch wieder entfleuchen kann.

*

Wie es um die Antriebskräfte für das eine oder bestellt sein könnte, wollen wir noch einmal Revue passieren lassen.

Vor gut 110 Jahren ist der Brunnen errichtet worden, ein Geschenk des Prinzregenten Luitpold, eines aus Würzburg gebürtigen Sproß’ des Hauses Wittelsbach. Die Brunnenfigur ist zwar der städtische Kultheilige Kilian, aber wir wollen die alte Warnung schon einmal als merkenswert in Erinnerung behalten: »Quidquid id est, timeo (…) et dona ferentes«, wie das der alte Lateiner Vergil unvergleichlich knapp ausdrückte, »fürchte sie, auch wenn sie dir ein Geschenk verehren«.

Schon seit einigen Jährchen zeigte sich der Brunnen lidschäftig, es wurde an ihm nach allen Regeln der Kunst herumgedoktert bis -gepfuscht, bis Anfang dieses Jahrtausends die Bamberger Denkmalschutzbehörde amtlich bekundete, dieses Objekt sei nicht mehr zu retten. Es wurde sozusagen zur weiteren allfälligen Verwendung freigegeben.

*

Nun standen zwei gewichtige Lager einander gegenüber. Das eine orientierte sich an der ersten Strophe des in südlichen Gefilden verbreiteten kunstvollen Liedes vom alten Reisbrei: »den du’mer b’halten«, während der Gegenchor  mit die folgenden ankämpfte: »der kommt in Guß nei«. 

Dem war nur mit einem Kostenplan zu begegnen, und es stellte sich heraus, daß die Restaurierung nicht aus der Portokasse zu begleichen, sondern daß dafür mit einigem über einer Million zu rechnen sei. Gleichzeitig sagten die Kenner der Materie, nämlich des Carrara-Marmors, daß dieser für unsere klimatischen Breiten einfach nicht geeignet sei und Flickschusterei dem Brunnen nicht wirklich aufzuhelfen vermöge. Es brauche viel Chemie und Kunst, um den Brunnen in einem halbwegs ähnlichen Zustand wiederherzustellen.

Dem hielten die Liebhaber des alten Brunnens entgegen, er sei ein Wahrzeichen der Stadt, an Altem könne man sowieso nie genug haben, und nirgendwo lasse sich so überzeugend symbolhaft darstellen, daß der Wiederaufbauwille der Würzburger von jeher ungebrochen gewesen sei. Es sei geradezu als schicksalhaftes Zeichen zu verstehen, daß die Brunnenfigur gleich nach dem Krieg von einem Hamburger Schrottplatz habe gerettet werden können, wo der metallene Heilige bereits zum Umschmelzen für den Endsieg bereitgelegen habe. Welch wundersame Fügung!

Die Fraktion der Retter war so stark, daß man das Geld Geld sein ließ und auf die Spendenbereitschaft der Würzburger vertraute – gegen manchen Unkenruf. In einer denkwürdigen Stadtratssitzung stellte nicht etwa einer der notorischen Bewahrer den entscheidenden Antrag, vielmehr ließ sich der Fraktionsvorsitzende der SPD nicht lumpen und warf sich für die eins Komma drei Mio in die Bresche. Der Kämmerer machte gute Miene zum abgekarteten Spiel (die Gegenstimmen ließen sich an einer Hand abzählen) und spulte im Schnelldurchgang alle die unabsehbar vielen Möglichkeiten ab, mit denen man die Kasse aufbessern könne, Sonderbocksbeutel, Schokoladenplätzchen mit Aufdruck, Backwerk, Druckwerk, Sonderstempel, touristische Extraleistungen – der läppischen Dinge sind Legion. 

Es klang damals wie verhaltene Ironie – aber nach und nach werden die Einfälle alle umgesetzt. Leider sind zur Stunde die Ergebnisse noch nicht bekannt. Man bekommt aber eine Ahnung davon, wenn man in die Presse verfolgt: ab jedem höheren zweistelligen Betrag, wie man heute zu sagen pflegt, darf man mit einem Übergabephoto rechnen. 

Trotz aller Bemühungen fehlen freilich immer noch über 200 000 Euro.

*

Auf besonders bemerkenswerte Weise hat sich der Verschönerungsverein hervorgetan. Er war sofort mit einem niedrigen sechsstelligen Betrag auf der Matte. Und er hatte neben vielem anderen eine besonders exquisite Idee: ein Puzzle mit einem bunten gemalten Bild des Brunnens. Das ist deswegen besonders hervorzuheben, weil sich der Verschönerungsverein, wie sein Name schon sagt, ebendiese auf seine Fahnen geschrieben hat. Dieses Bild weckt lebhafte Erinnerungen an die legendäre »Gartenlaube« – es erstrahlt als ausgesucht unbeholfener Kitsch im Stil der vorletzten Jahrhundertwende. Und das von einer ersten Künstlerin der Stadt! Da ist das i-Tüpfelchen auf einer Reihe von gloriosen (Fehl-)Leistungen dieses Vereins in letzter Zeit gelungen, man denke nur an den Kampf gegen die Fachhochschule am vorgeblichen Alandsgrund und den geforderten Rückbau des Hochhauses in der Sanderstraße – aber in welche fiktive Vergangenheit? Wo immer Änderungen am Horizont erscheinen, schleudert er mutig sein: »so nicht« entgegen, am schönsten ist immer der Zustand quo ante: das historisch vorletzte Stadium. So als käme man durchs abgelegte ausgedachte Alte das alte heile Wahre wieder – eine Art Rückwärtslifting. Wie soll da etwas anderes als Aufgetakeltes zustande kommen? Man kennt das aus dem Historismus des 19. Jahrhunderts.

Da das Puzzle sieben Euro kostet, von denen zwei der Brunnenfinanzierung zufließen, kann man sich die zu erwartende gewaltige Summe vorstellen, sie dürfte sich im mittleren dreistelligen Bereich bewegen. Die Aktion muß die Verkaufsstellen wegen ihrer Effektivität geradezu zu Jubelarien getrieben haben. Sie erinnert sehr an eine ähnliche zugunsten des Theaters vor einigen Jahren, als die Markenkleberei merkwürdige Blüten trieb und man sich wegen des kostenlosen Drucks durch die Bundesdruckerei wahre Geldorgien erhoffte. Die Sparkassen waren besonders engagiert, wenn meine Erinnerung nicht trügt. Den einzigen nennenswerten Betrag, von dem dann zu lesen war, spendete die Bank selbst; deren Angestellten konnten die Marken allerdings schon nach kurzer Zeit überhaupt nicht mehr auffinden. Der Umweg über den angestrebten Verkauf der  Marken erwies sich als überflüssig. 

In den letzten Tagen durften die Schulkinder zugunsten des Brunnens tolle Rennen hinlegen – was für ein Mißbrauch kindlicher Begeisterungsfähigkeit zur Förderung der Regression Älterer!

*

Merkwürdigerweise spielte ein Gesichtspunkt in der ganzen Diskussion überhaupt keine Rolle: die künstlerische Qualität des Brunnens. Das erste Gutachten der Denkmalschutzbehörde in Bamberg war darin eindeutig: er lohnt den Aufwand nicht. Ein Scharmützel in der Zeitschrift nummer (Nr. 34 und 35) zwischen dem Vorstand des Verschönerungsvereins, seines Zeichens Professor der Kunstgeschichte, und einem Architekten endete überraschend: der Kunsthistoriker sah kein Land. Er taumelte mit abwegigen assoziativen Vergleichen zwischen Richard Wagner und Conrad Ferdinand Meyer einem eindeutigen KO entgegen – mehr an ästhetischer Diskussion gab es nicht. Mehr war wohl auch nicht zu sagen: die Erinnerung dient als Garant von allem. Im übrigen kann man guten Gewissens für die übrigen Kombattanten sagen: je kunstferner, desto ungebrochen positiver das Urteil, wie man nicht nur am antragstellenden Stadtrat sehen konnte.

*

Nach dem ersten abwertenden Gutachten von 2001 gab die Denkmalbehörde in Bamberg 2004 ein zweites Urteil ab, das zum entgegengesetzten Schluß kam. Wie das und aus welchen Gründen es möglich war, entzieht sich meiner Kenntnis.

*

Bleiben zwei Fragen ungeklärt: Was hat den Umschwung der Landesdenkmalbehörde von der Ablehnung zur Zustimmung bewirkt? Und was macht das Denkmal den Würzburgern so schätzenswert?

Die erste Frage mündet in ein Lehrstück moderner Demokratie. Die hat sich, man weiß das aus vielen markanten Beispielen der letzten Zeit, Transparenz aufs Panier geschrieben. Man sollte meinen, der Prozeß im Stadtrat, mitsamt dessen für die Entscheidung wichtigen Informationen, müßte sich leicht rekonstruieren lassen: Man geht auf die Baubehörde und läßt sich die Unterlagen vorlegen. Es gibt ja schließlich seit einigen Jahren ein »Informationsfreiheitsgesetz«.

Pustekuchen. 

Die vom Verfasser befragten Stadträte kannten die Basis ihrer Entscheidung nicht – und konnten sie auch nicht beschaffen, weil sie nur den Spezialisten vorbehalten blieb und nicht herausgerückt wurde. Mein Versuch, vom zuständigen Amt eine Auskunft zu erhalten, führte schon nach einem halben Jahr zu einer Privataudienz. Da lag der Aktenordner zwar unter meiner Nase, wurde aber nicht zur Einsicht freigegeben. 

Man könnte erwarten, juristische Gesichtspunkte seien geltend gemacht worden.

Aber nein. Der zuständige Beamte erklärte vielmehr, er wisse ja nicht, was ich mit den Unterlagen anstelle, ich könnte sie gegen den Stadtrat verwenden, und er, der Herr K., habe nicht unter Kontrolle, wie ich, der Verfasser, sie interpretiere. Er aber trage die Verantwortung.

Aha. Manchem hätte sich da ein Begriff wie Zensur aufgedrängt.

Der Oberbürgermeister selbst aber zog sich ohne juristische Fisimatenten auf das zurück, was er für den Rechtsstandpunkt hielt: alles bleibt unter Verschluß.

Vielleicht hat er ja tatsächlich formal recht, weil, wie mir die zu Rate gezogenen Juristen erklärten, das Informationsfreiheitsgesetz, ein Bundesgesetz, in allen Bundesländern gültig ist – nur in Bayern ist es nicht ratifiziert. 

Ein Schelm, der Böses dabei denkt.

*

Zum Abschluß die zweite Frage, warum man in Würzburg den Kiliansbrunnen in seiner alten Gestalt und und in seiner kostspieligsten Variante wiederhaben wollte? Er ist ein Geschenk des Hauses Wittelsbach.

Und Franken hin, Bayern her, auch hierzulande möchte man halt doch am liebsten wohl seinen altn Kini wiederham. Ob das Geschenk ein Danaergeschenk war, der Stein wegen des Klimas in hundert Jahren wieder genauso kaputt ist – wen schert’s.

Es gibt schließlich Größeres als unser kleines Leben und unseren Geldbeutel.

*

Wir können den Shakespeare ändern, wenn wir den Shakespeare ändern können – sagte einst Brecht. Der Kilian auf seinem Brunnen aber bleibet immerdar.


Diesen Artikel als PDF drucken



1 Kommentar zu „Auf Flügeln des Gesangs: Kilian schwebt ein“

  1. Würzburg Silverlight Travel » Auf Flügeln des Gesangs: Kilian schwebt ein sagt:

    […] Würzburg hat einen neuen Aufschwung genommen. Der »Würzburger Orchestergrabenkrieg« (wie die FAZ titelte) ist fast ganz beerdigt, man kann die Nase wieder in die Luft strecken und sie sich um diese streichen lassen – wir befinden uns wieder in höheren, um nicht zu sagen ins Transzendente abdriftenden Gefilden: Kilian ist im Anflug – man bedenke seine künftige Höhenposition. Mehr finden Sie unter zunderderblog.de […]