Chöre der Wurschtigkeit
27. Mai 2009 | Autor: Joachim Fildhaut»Die Kleinbürger« am Mainfranken Theater Würzburg
Träumen, Gerechtigkeit, die Dinge verändern – Wörter wie diese hatten im zaristischen Russland um 1900 revolutionäre Sprengkraft. Sie bewegen die junge Generation in Maxim Gorkis Drama »Die Kleinbürger«, das sich in einer vielfach aufgebürstelten Inszenierung am Mainfranken-Theater interessant machen will. Dabei könnten die Figuren mit ihren Konflikten ohne alle Mätzchen auch vor einem heutigen Publikum bestehen – aber schlicht den Text zu spielen wagt ja heute keiner mehr. Dafür werden RegisseurInnen nicht bezahlt. Also fügte Franziska-Theresa Schütz ihrer Vorlage einen Sprechchor hinzu, der unter anderem faire Milchpreise und ein besseres Stadtmarketing fordert. Die von Philipp Reinheimer sauber geführten Laiensprecher behaupten mit jeder ihrer Parolen, das 107 Jahre alte Stück gehe uns alle an. Damit haben sie im Prinzip sogar recht (siehe unten), allerdings sind es gerade Gags wie dieser »Chor der Utopisten«, die die Durchschlagskraft der »Kleinbürger« stark einschränken. Dafür darf über Aktualisierungen gelacht werden, und tatsächlich goutierte das Premierenpublikum die »Utopisten« mit gelegentlichem Kichern. Das beweist allerdings keinen gelungenen Humor. Wer das Würzburger Publikum kennt, weiß, wie wilde Entschlossenheit zum Amusement klingt.
Zumindest eine Funktion hat das chorische Politisieren. Es weist den historisch nicht ganz so trainierten Zuschauer darauf hin, dass er das Geschehen nicht als privatistische Familienklamotte angucken sollte. Die Gefahr besteht, weil die Konfrontation von Vater und Kindern heute nicht mehr selbstverständlich als Modell für gesellschaftliche Strukturen und historischen Wandel gesehen wird. Der durchschnittliche Theatergänger liest nicht unbedingt Symbole. Daher muss ein Ansatz zu deren Deutung in die Inszenierung rein.
Allerdings versucht Schütz gar nicht erst, den einfachen, direkten Weg zu gehen und beispielsweise den Druck der überkommenen Verhältnisse in der Vaterfigur sichtbar zu machen. Rainer Appel spielt den am Ende scheiternden Patriarchen gleich von Anbeginn in hilfloser Zerrissenheit. So kann man keinen Repräsentanten einer gigantischen Monarchie darstellen, auch nicht einer untergehenden. Stattdessen: nervöses Hemd bei letzten autoritären Zuckungen. Das macht Appel zwar sehr gut, aber das Regiekonzept macht’s kompliziert. Ein historischer aufgefasster, kräftigerer, klassischerer Vater hätte die Macht des Vergangenen bzw. Vergehenden besser veranschaulicht – und gerade damit die Aktualisierungen erspart.
Vor allem hätte sein Fall erschüttern können. Wo der Zuschauer von seinem sicheren Sesselplatz aus erfährt, dass es nichts nützt, am Alten festzuhalten, wenn die Zeit für Neues heraufkommt; wo er hört, sieht, mitleidet, wie ein Mensch durch seine eigene Haltung zugrundegeht; wo Theater aufwühlt, da braucht es keine praktischen Anwendungsbeispiele auf das Jahr 2009. Da packt und wirkt es aus eigener Kraft. Da heißt es nicht zu Unrecht ›Klassiker der Moderne‹, eben weil einige Funktionsweisen der Klassiker hierin leben.
Was nicht heißt, dass ein 107 Jahre altes Stück partout 157 Jahre alte Möbel als Kulisse braucht. Nur hätte vor allem Kostümbildnerin Hella Bünte auf viele modernisierende Details, die bloß das Auge erfreuen, verzichten können. All die Mätzchen wirken dem absurden, außerzeitlichen Bühnenbild Gregor Wickerts nämlich eigentlich entgegen – ein weiterer innerer Widerspruch in dieser dialektisch höchst lehrreichen Schau, die keine Extreme wagt, auf dem sicheren Weg geht und damit genau das Mittelmaß bringt, das den Kleinbürger ziert.
Stadttheaterniveau, nun gut, warum sollte das Mainfranken-Theater seine Klasse verleugnen?
Spannend wäre, versuchte es es. Und gelänge es ein wenig öfter.
Aus den Konjunktiven kommt der Text hier anscheinend nicht mehr raus. Also gut: Es bedürfte doch gar nicht so großer Anstrengungen, die Träger der Geschichtsbewegungen klarer als solche zu profilieren, nämlich die Utopistin, den Tatmenschen sowie die melancholische Nihilistin nebst ihrem leiblichen Bruder, den sanguinischen Nihilisten. Den vier Darstellern dieser Figuren werden solche Prinzipien allerdings kaum aufgebürdet. Sie sind eher in ihre Liebes- und Eifersuchtsgeschichte verwickelt und machen das immerhin mit einer erfreulichen Plausibilität, die beim Sprechtheater im Großen Haus nicht zu den Selbstverständlichkeiten zählt. Dass die Regie hier das Privatleben betont und das Politische zurücknimmt, während sie mit ihrer Chorbeifügung so eifrig betont, das alles sei gerade umgekehrt wahnsinnig politisch – klar: Schon wieder Widerspruch bzw. Neutralisierung der Inszenierungsrichtung.
Jetzt aber Indikativ: Die Schauspieler arbeiten fast alle so, wie man es von ihnen gewohnt ist, und das heißt: ja, ganz gut. Richtig neue Facetten seines Schaffens zeigt in erster Linie Klaus Müller-Beck mit seinem Trunkenbold Teterew – eine große Studie zur Wurstigkeit des desillusionierten Künstlers. Das wird doch kein Selbstporträt von Franziska-Theresa Schütz sein?!
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