Zen oder Zenon?

1. Juni 2009 | Autor: Rigobert Dittmann

RUPP – PLIAKAS – WERTMÜLLER im Club W71.

Phänomenal. Auf den Höhepunkten übersteigt Michael Wertmüllers Raserei im Weikersheimer w 71 das Auflösungsvermögen des Auges, die Arme verwischen zu einem wie von Giacomo Balla futuristisch gemalten »Dinamismo di un batterista«, er wird ganz zum entfesselten »Schlachtzeuger«. Aber alle Finger, auch die von Olaf Rupp, Turbogitarrist in Gestalt Meister Propers, sitzend zur Rechten, und die des Overdrivebassisten Marino Pliakas am linken Flügel, flirren an diesem Dienstagabend – es ist der 26. Mai 2009 – so schnell wie die Beine von Zenons denksportlichem Achill – denn zwischen den schnellsten Schritt passt immer noch ein kleiner Schildkrötenschritt, zwischen jeden Sekundenbruchteil passt noch eine kleinere Bruchteilsekunde.

Wertmüller kickt das Rennen und die Zwischenspurts mit Startschüssen an, die schockhaft die Luft zerreißen. Die lossprintende Jetzt!-Musik besteht fast durchwegs aus 16tel, wenn nicht 32stel-Noten, arpeggiando. Pliakas rifft den E-Bass wie eine Gitarre. Zwar triggert er mit seinen Sonntagsschuhen auch Pedaleffekte, aber das irrwitzige Tempo ist Handarbeit, nur gelegentlich lässt er zudem noch einen Loop tickern. Oder er bratzelt über den geschmeidigen Notenfluss elektrische Entladungen als Störfeuer. Statt Fluss sollte ich besser Gewebe sagen oder Kunststoff, mikrofaserdicht und engmaschig gewirkt. Wertmüller webt daran zuerst mit filzig dunklem Getrommel, donnernd zwar, aber ohne martialischen Grimm, sein modernistischer Furor trägt Zivil. Im zweiten Abschnitt konzentriert er sich auf metalloides Geschmetter und massiven Hagelschlag – prompt wurde für ganz Deutschland Sturmwarnung gegeben. In der dritten, einer gedämpften Passage schleift und schabt er mit Besen und Holz.

Das Klangkontinuum wird durch zwei ausgedehnte Rupp-Solos gegliedert, bei denen Pliakas erst noch mitfiebert, dann Wache steht und Wertmüller einmal sogar seinen Arbeitsplatz verlässt. Mich irritiert sowas bei einem Trio sehr. Andererseits sind Verdichten, Ausdünnen und Gewichtsverlagerung bewusst eingesetzte Steuerungselemente, um das Gebrodel des Trios noch weiter zu verlebendigen, dem ansonsten nur die Flucht nach vorne bleibt, das Accelerando von Speed zu Hyperspeed. Rupps Klangpartikelstürme, ganz sein Element, verdeutlichen das Webmuster und stehen als Teil schon für das Ganze. Seine Finger krabbeln und pluckern so schnell wie ein Zahnrädchen, sie zerpflücken, zerhacken, zermörsern das Notenspektrum, bis die Raserei der Ruhe selbst zu ähneln beginnt. Ein Illusionstrick, der durch Rupps statisch-aufrechtes Sitzen unterstrichen wird. Als sei das eine Art Zenübung. Nur manche Grimasse verrät den Luftwiderstand.

Aber man grinst ja unwillkürlich selbst, wenn Drums und Bass, miteinander verkoppelt wie Black & Decker oder Lombardo & Dunn, mit einem Ruck wieder einsteigen. Futuristisch, neusachlich, ultradynamisch, 1000 Plateaus zum Kraftriegel komprimiert. In einem Zug wird durchgespielt. Und auf den endlich losbrechenden Beifall gleich eine Zugabe draufgepackt – motorisch kantiger, aber ungebremst rasant. Der Rausch der Geschwindigkeit und der Überfülle als Mindfuck. Wir müssen uns Achilles im Fotofinnish mit dem Phantom der Schildkröte als glücklichen Menschen vorstellen.


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