Die Gnade des frühen Baubeginns

14. Juni 2009 | Autor: Berthold Kremmler

oder: Schweinfurt und seine »Gottbegnadeten«

Glücklich die Zeiten, in denen man ohne Hintergedanken sich auf seine »Alten Meister« beziehen, ihrer gedenken und sie feiern konnte. Kein Fettnäpfchen, in das die Nachgeborenen hätten tappen können. Glücklich solche Zeiten.

Schweinfurt hat jetzt das Ernst-Sachs-Bad, gebaut 1931 bis 33, gestiftet von einer der großen Mäzenatenfamilien der Stadt – daher der Name –, wieder herrichten lassen, um es einer neuen Bestimmung zuzuführen, einer Galerie für moderne Kunst. Ein solches Unterfangen ist, für eine so kleine Stadt wie Schweinfurt, lobenswert, ja vorbildlich. Ein kleines Bedauern allerdings  stellt sich ein.

Vermutlich hat man sich gedacht, daß das Bauwerk in der Zeit vor dem »Dritten Reich« begonnen worden, also unverdächtig sei und sich sowieso niemand mehr an die Namen von Architekt und Künstler erinnere. Wie leicht aber hätte man die gelungene Restaurierung auch zu einem historischen Modell machen können.

Sehen wir uns die beiden damals bekannten Künstler an, den Architekten Roderich Fick (1886–1955) und den Plastiker Joseph Wackerle (1880–1959), von dem der  Brunnen vor dem Eingang stammt. Beides Leute, die sich vor 1933 längst einen Namen gemacht, deren Karrieren nichts zu wünschen übrig gelassen hatten und  die im besten Alter waren, Roderich Fick (47) und Joseph Wackerle (53). So weit so unverdächtig.

Sehen wir uns nun die Personen und ihre Werke etwas näher an. Das Vorwort des Sammlungskataloges erwähnt den Namen des  Architekten, Roderich Fick, mit dem  Hinweis, das Gebäude sei »neusachlich«. Wer bei der Wahl  von Linz zu einer der Kulturhauptstädte für 2009 aufgepaßt hat, weiß, daß dort der Name eine Rolle spielt: dieser Baumeister ist mit anderen von Hitler beauftragt worden, aus Linz die kulturelle Zentrale des Dritten Reiches zu machen. Wer weitersucht – Wikipedia sei Dank – stellt fest, trotz wohlwollendem Bericht,  daß Roderich Fick einer der von Hitler am meisten geschätzten Architekten der 30er Jahre war und zum Beispiel auf dem Obersalzberg, aber nicht nur dort, kräftige Spuren hinterlassen hat. Man erfährt auch, daß er auf der Liste der »Gottbegnadeten« Hitlers stand, der Künstler, die der Diktator besonders wichtig fand und mit Privilegien ausgestattet hatte. Ein Blick in das nützliche Handbuch Ernst Klees »Das Kulturlexikon zum Dritten Reich« (Frankfurt 2007) bestätigt die Angaben.

Verblüfft stellt man fest, daß sich die Entnazifizierungsbehörden Roderich Ficks nach dem Krieg angenommen haben, er zunächst in Stufe II eingeordnet wurde (was bedeutet, dass die Hälfte seines Vermögens eingezogen werden sollte), er aber nach verschiedenen Einsprüchen auf Stufe IV, als Mitläufer, gelandet ist – wie übrigens die meisten Überprüften. Darüber gibt Auskunft ein aufschlussreiches Buch: »Architektur der Wunderkinder. Aufbruch und Verdrängung in Bayern 1945-1960«, herausgegeben vom Architekturmuseum TU  München, mit einem Bericht über das »Spruchkammerverfahren gegen Roderich Fick, Spruchkammer München X und Spruchkammer Starnberg« (S. 39–41).

Es wäre schön gewesen, wenn dem ahnungslosen Betrachter ein Licht entzündet worden wäre, wie sich Entwicklungen, Kontinuitäten zeigen, erklären und verstehen  lassen. Was hatte die Architektur Ficks an sich, daß er später zu einem Liebling Hitlers avancierte? Diese Wertschätzung hat doch weiter zurückreichende Wurzeln. Das Problem müßte sichtbar werden. Der heutige Betrachter kann nicht in dem Glauben verharren, als sei das ein x-beliebiges Gebäude von einem x-beliebigen Baumeister aus der Zeit vor der Barbarei. Sind etwa Spuren von »Brutalität in Stein« zu finden – so der bezeichnende Titel des Dokumentar-Kurzfilms (Ergänzung: »Die Ewigkeit von gestern«) von  Alexander Kluge und Peter Schamoni aus dem Jahr 1960, zugleich eine geläufige Charakterisierung der damaligen Architektursprache?

Wer einen weitergehenden Eindruck von Ficks Aktivitäten während des Dritten Reiches bekommen möchte, braucht nur einen Blick in ein solides Standard-Handbuch zu werfen: Helmut Weihsmanns »Bauen unterm Hakenkreuz. Architektur des Untergangs« (Wien 1998). Helmut Weihsmann faßt die Prinzipien des Bauens zur Zeit des Dritten Reiches zusammen: »So wenig der Nationalsozialismus auf einer einheitlichen Kunstdoktrin basierte, so unverkennbar sind seine Merkmale im Städtebau.«  (S. 13) Von den sechs Merkmalen und Funktionsbestimmungen seien die ersten drei und das sechste zitiert:
»1) NS-Klassizismus für Propaganda-, Staats- und Parteibauten
2) Heimatschutzstil für Siedlungsbauten und Ordensburgen
3) moderate Moderne für Wohn- und Verwaltungsbau

6) Neue Sachlichkeit für Technik-, Industrie- und Fabrikbauten« (ebd.)

Gewiss, das Ernst-Sachs-Bad in seiner restaurierten Form ist nicht einfach dasselbe alte Gebäude – obwohl die groben Fensterkreuze ebenso irritieren wie die Reliefs über den Ausgängen an der Ostseite (innen quasi Adam und Eva mit Fischschwanz, außen ein Neptun, die an präfaschistischer Ungehobeltheit nichts zu wünschen übrig lassen). Die Schlußsteine über den Fenstern sprechen ebenso wie bei den Arkaden rechts neben dem Eingang ein Anklang an das Findelkinderhaus aus dem Florenz der Frührenaissance vor allem für einen Stilbegriff: den Eklektizismus. Aber vielleicht fällt das uns erst heute auf. Jedenfalls ist der im Vorwort des Katalogs bemühte Begriff der »neuen Sachlichkeit« eher fehl am Platz.

Der Bildhauer Joseph Wackerle ist ein nicht minder schwieriger Fall. Für ihn gilt, was schon für Roderich Fick gesagt wurde: er reicht mit seinen früheren Arbeiten noch weit in die Zeit vor Hitler zurück. Insofern hat er ebenso eine quasi salvatorische Produktionszeit. Während Ficks Bau als »neusachlich« bezeichnet wird, bemüht man für Joseph Wackerles Plastik den Begriff Neubarock, wohl wegen der Rundungen und der Ansätze von Bewegung. Die Idee liegt scheinbar nahe wegen der Reisen des Plastikers ins barocke Rom und die Inspiration durch Brunnen etwa von Bernini. Dieser Anklang ans Barock wurde schon in Kunstübersichten kurz nach der Jahrhundertwende ins Spiel gebracht.

Aber man sollte doch die Kirche im Dorf lassen: Zwischen Wackerle und Bernini liegen fernere Welten als die, die sich durch die kleine Vorsilbe »neo-« überbrücken ließen. Gewiß hat Wackerle auch einen Neptunbrunnen geschaffen, der mit mehr und komplizierteren Bewegungen und intensiver ausgearbeiteten Körperproportionen aufwarten kann. (1937, für den Alten Botanischen Garten in München, Abb. 104–106 bei Beate Eckstein: »Im öffentlichen Raum: Architektur- und Denkmalsplastik der 1920er bis 1950er Jahre«, Hamburg 2005)

Beim Schweinfurter Rossebändiger kommen ganz andere als Assoziationen ans Barock ins Spiel: der Pferdekörper hat die Eleganz und Feingliedrigkeit eines Nilpferds oder eines Kaltblütler-Ackergauls. Von der Bewegung, die das aus dem Wasser auftauchende Pferd haben müßte, teilt sich dem Betrachter so gut wie nichts mit. Den jugendlichen gebückten Pferdeführer, mit dem Zaumzeug in der Hand, zeichnet vor allem sein in fernste Fernen gerichteter völlig leerer Blick aus, wie man ihn bei Soldaten auf banalen Kriegerdenkmälern finden kann. Daß die Bewegungen von Pferd – nach oben – und Führer – nach vorn – überhaupt nicht zusammenpassen, sei nur am Rande vermerkt.

Es geht nicht darum, das Ensemble des Ernst-Sachs-Bades unter die Kunstpolitik des Dritten Reiches zu subsumieren. Die Frage ist, was die Denkmäler dieser Zeit zu Entwicklungsstufen macht, die im Dritten Reich zu ihrer Blüte gekommen sind. Das macht sie nicht zu Dokumenten des Nationalsozialismus, sondern zu Bausteinen, die zum Ungeist beigetragen haben, denen das Verhängnis aber noch nicht, oder zumindest nicht offenkundig, eingeschrieben ist. Anders gefragt: Wo sind die Elemente in der bürgerlichen Kultur, die zum Ungeist späterer Zeiten haben weiterentwickelt werden können? Sie tragen den Faschismus nicht vor sich her, sind aber offenkundig voll gesogen mit Elementen, die zu seiner Konstituierung beigetragen haben.

Nach Abschluß dieses Textes hat ein Gespräch mit Frau Andrea Brandl, Konservatorin der Städtischen Galerie in Schweinfurt, ergeben, daß sie an einer derartigen Dokumentation arbeitet. Wir freuen uns darüber und sind außerordentlich neugierig auf das Ergebnis.

Frau Brandl hat einen Ausblick darauf gegeben in einem Beitrag in der Zeitschrift  »Frankenland«, Heft 2, April 2009, S. 114–118. Allerdings überzeugen mich die Entlastungsversuche für Roderich Fick nicht. Wenn man den auf Fick folgenden Entnazifizierungsbericht im Katalog »Architektur der Wunderkinder« liest, drängt sich einem die Frage auf, wie überzeugend diese Entnazifizierungsverfahren gearbeitet haben. Der Katalog dokumentiert einen Fall (S. 41), in dem der Einspruch des Verdächtigen nicht zurückgewiesen werden konnte, weil das belastende Material nicht rechtzeitig aufzufinden war. Als das Verfahren rechtskräftig abgeschlossen war, tauchten die belastenden Dokumente auf, und es zeigte sich, daß gelogen worden war, daß sich die Balken biegen.

Das präjudiziert den Fall von R. Fick keineswegs, aber es verschärft die Frage, wie glaubwürdig das Verfahren in seinem Fall war. Und dann braucht man nur noch ein weiteres Standardwerk heranzuziehen, das in Bayern nur zögerlich zur Kenntnis gekommen wurde: Lutz Niethammers »Die Mitläuferfabrik. Die Entnazifizierung am Beispiel Bayerns«, zuerst 1972, wiederaufgelegt 1982, heute selbst im Antiquariat verschollen. Die schiere Zahl der darin verarbeiteten Verfahren und ihre Ergebnisse könnten einem ein Licht aufstecken und den Schlaf rauben. Aber natürlich gilt auch hier das Prinzip der Einzelfallprüfung.


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