Rosige Zeiten

30. Juli 2009 | Autor: Jochen Kleinhenz

Am letzten Wochenende war es wieder so weit: die Fakultät Gestaltung präsentierte am Freitag und Samstag (24./25. Juli 2009) die Projekt- und Diplomarbeiten des vergangenen Semesters einer interessierten Öffentlichkeit. Es ist mühsam, hier Highlights herausstreichen zu wollen – kommen die Arbeiten doch aus so unterschiedlichen Bereichen wie Typografie, Illustration, Fotografie, Film/Video und Interface Design. Allerdings gab es diesmal eine Arbeit zu sehen, deren eindeutige Verortung zwischen schlitzohrigem Gimmick und Branchenkiller erst noch zu erfolgen hat. Zwei Studenten haben die freie Software Processing, die die Programmierung von Interfaces und die Verknüpfung von realen Objekten mit Computerdaten auch (programmierenden) Laien ermöglicht, dazu genutzt, eine Applikation zu schreiben, die automatisch und nach dem Zufallsprinzip Layouts generiert; im Falle der zu sehenden Präsentation 4000 Plakatentwürfe, alle basierend auf den gleichen inhaltlichen Vorgaben.

Die Präsentation haben die beiden recht provokant aufgezogen: Auf dem Tisch ein Schuber mit acht (!) Büchern, der alle 4000 Entwürfe erhält – schon das bloße Durchblättern nimmt also einiges an Zeit in Anspruch. Krasser noch der kleine »Making Of«-Film, der ebenfalls zu sehen ist: ein aufgeklappter Laptop im Biergarten, daneben ein Glas Bier – und als einziges Zeichen menschlicher Interaktion mit der Software, die in eben diesem Biergarten munter die 4000 Entwürfe über sieben Stunden hin ausspuckt, eine Hand, die sich ab und an das Bier greift, um das Glas peu à peu zu leeren.

Besonderheit Nummer 1: Aus berufenem Professorenmunde war vor Ort zu vernehmen, dass ein guter Teil der Entwürfe durchaus beim jährlich stattfindenden Wettbewerb um die »100 besten Plakate« eingereicht werden könnte, mit Aussicht auf Platzierung.

Besonderheit Nummer 2: Die Arbeit verdeutlicht, wie sehr Kommunikationsdesign, wahlweise auch »Visuelle Kommunikation« oder »Grafikdesign«, mittlerweile zur Beliebigkeit tendiert. Denn in Ermangelung einer aktuellen Designströmung einerseits und im Rückgriff auf gut 100 Jahre Designgeschichte und -stile andererseits bewegt sich vermittels massivem Einsatz digitaler Technologie ein ganzer Berufsstand auf einem langen Moebiusband: Es gibt jede Menge Einflüsse, die man verarbeiten kann, jede Menge Parameter, die man verändern kann – und doch kommt die resultierende Gestaltung nach einer bestimmten Zeit wieder an einem Punkt an, wo andere schon früher waren.

Nur konsequent also, diese Einflüsse und Parameter in eine Applikation zu überführen, die dann nur noch mit Texten und Bildern gefüttert werden muss, um einen Entwurf nach dem anderen auszuspucken. Der Designer wird wieder zum Art Director, der nicht selbst entwirft, sondern die Güte der Entwürfe anderer beurteilt und auswählt. Rosige Zeiten also für einen Berufsstand, der sich seit Jahren in einer Identitätskrise befindet und von aussen oft nur noch als eine (meist für billiges Geld verfügbare) Herde von Dienstleistern oder Aufhübschern wahrgenommen wird, die eben eine paar Computerprogramme besitzen oder ein paar Tricks in diesen beherrschen, die dem Rest der Welt nicht zugänglich sind.

Für praktisches Design jedenfalls ist die präsentierte Software durchaus geeignet, ebenso für die intellektuelle Nabelschau und als Diskursbeschleuniger: Wann hat eine einzige Arbeit das zuletzt zu leisten vermocht?


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