Vermarktungseskapaden

6. August 2009 | Autor: Joachim Fildhaut

Herbert Mehlers Kavex-Skulptur „»Bella Donna II«“ lädt Touristen zu Erweckungserlebnissen ein. Offener Brief.

Hallo Herbert Mehler,

vor deinen Skulpturen der Reihe Kavex hatte ich seit meinem ersten Kontakt großen Respekt. Stellst du damit dreimeterhohe Pflanzensamen oder monolithische Stelen aus anderer Welt dar? Oder beides?

In welcher Größe auch immer die gefältelten Rostflächen mir unters Auge kamen, sprach mich schon ihre Makrostruktur an. Beeinträchtigt wurde meine Bewunderung nur ein ganz klein wenig, und zwar durch die „»Mehlers für Arme“«: dass du einige deiner Kavex-Formen, die so offensichtlich von ihrem unsichtbaren Hohlsein leben, als massiven Tischnippes gießen ließest.

Aber egal, diese kleine Enttäuschung wog der Eindruck meines Atelierbesuchs vollends auf. Das Wissen, wie viel und welches Handwerk in der Herstellung einer Plastik dieser Art steckt, lässt die Oberflächen erst richtig leben; beim Walzen, Schweißen und Flexen können die Dinge aus dem Ruder laufen, und das sieht man den fertigen Säulen und Rhomben denn auch in Feinheiten der Oberfläche an.

Kurz: Ich war Fan.

Schwer beeinträchtigt wird mein Blick auf deine zweckfreien Objekte, seit eins davon als Kerzenleuchter in der Neumünsterkirche steht. Für manchen mag diese Vereinigung von rostigem Stahl und geweihtem Wachs ja eine Kraft verströmen, die den Sinn gewisser Beuys-Installationen in unsere all- und sonntägliche Welt übersetzt. Wer weiß. Mein Vorverständnis von Kerzenhaltern prägten leider schulische Bastelstunden, in denen jedes Material so lange malträtiert wurde, bis ihm zumindest die eine Funktion zugesprochen werden konnte: Nimm’s als Kerzenhalter! Vielleicht verstehst du meinen Schock, dass ein erratisches, autonomes, jeden Zweck von sich weisendes Kavex-Werk plötzlich eine außerkünstlerische Funktion ausübt?

Nun könnte ein heilsamer Schock zum Denken anregen: Was macht eine Kirche mit Kavex? Kann das Bezugssystem Christentum die Bedeutung eines Kunstwerks einschränken? Und, einige Ebenen abstrakter: Wenn Kunst wieder in ihre Rolle als Dienerin der Liturgie zurückschreitet – mag das nicht ein Versuch sein, den paradoxen Zwang zum ästhetischen Fortschreiten zu durchbrechen?

Wie das mit den Denkanstößen so ist: Man muss sie ernst nehmen, man muss sie weiter verfolgen. Aber ich kam nicht dazu. Denn schon überschlugen sich die Mehler-Nachrichten: Ein besonders prächtiger Kavex thront nun auf der Landzunge des Alten Hafens und bildet den Auftakt zum künftigen Skulpturenweg in unserer Riemenschneiderstadt. Über diese Würdigung deines Werks hab ich mich so lange gefreut, bis ich erfuhr: Du nennst die Dinger gar nicht stereotyp „»Kavex«“ bzw. „»WV«“, Werkverzeichnis plus Nummer, wie es mir dein Katalog so sachlich vorspiegelte. Nein, die hüftig Geschwungenen heißen „»Bella Donna«“. Das ist eingängig, das ist sexy, da entfährt mir ein „»Donnawetta!«“

bella-donna-ii

Und mit dieser Namenkoketterie nicht genug: „»Bella Donna II«“ wurde bei der Eröffnung des Skulpturenufers auch noch umtanzt, so dass ein Kritiker stichelte: „»Mit den drei Damen ist der Kitsch bis zur Kenntlichkeit entstellt.«“ Das ist ein hartes Wort. Kitsch ist, wenn ein Nordseeleuchtturm sein Dasein als Salzstreuer fristen muss. Dank nächtlicher Ausleuchtung liegen die Verhältnisse an der Spitze des künftigen Skulpturenwegs genau umgekehrt: Ein Mehler fristet sein Dasein als Leuchtturm.

Ich wünsche vielen Touristen so große Neugier, dass sie das Ding einmal in nächster Nähe besuchen und von allem, wirklich allem abschalten, was hier über deine jüngsten Vermarktungseskapaden zu lesen steht. Dann spricht Kavex wieder stumm vom Unbegreiflichen. Alles andere begreife ich leider nur zu gut.


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