»Identitätsstiftung« vom Kiliansbrunnen herab

16. August 2009 | Autor: Berthold Kremmler

Während anderswo die Sommerlöcher vermessen und mit allem möglichen Müll gefüllt werden, sehen wir in Würzburg uns den großen, den bewegenden Themen gegenüber. Man weiß gar nicht, wo anfangen, wo aufhören. Ob das die »Bella Donna« als Beginn der Skulpturen-Promenade am Alten Hafen ist, ob die Einweihung des renovierten Neumünsters mit all seinen spektakulären Neuerungen (etwa der aus einem rotem Buntsandstein-Becken herauswachsende Cortenstahl-Kerzenhalter), ob die Wiedererrichtung des Kiliansbrunnens vor dem Bahnhof oder die heiße Diskussion eines Werbe-Slogans für die Stadt, ob das Fließen vieler Brunnen oder der Erfolg des Hafensommers  – überall gehen die Wogen hoch und die Kommentare von allen Seiten tief.

Wir wollen uns, sozusagen in einer Engführung, auf das Selbstverständnis der Stadt beschränken, wie es sich in dem geplanten Werbeslogan »Provinz auf Weltniveau« und der vom Oberbürgermeister so raunend beschworenen »Identitätsstiftung« durch den Kiliansbrunnen ausdrückt.

Gerne hätte ich die Worte unseres verehrten Oberbürgermeister vollständig hier einbezogen mitsamt den Äußerungen des Vertreters des Landesdenkmalamts. Leider konnte mir selbst das Pressebüro des OB nur einige Bruchstücke seiner Rede zur Verfügung stellen, und so muß ich mit dem wenigen vorlieb nehmen.

»Identität« hat seit einigen Jahren hohen Kurswert, ob es sich am einen Ende der Skala um Identitätsstiftung handelt oder am andern um Identitätskrise, immer wird man aufhorchen wegen der damit versprochenen hohen Bedeutung.

Der Brunnen soll also Identität stiften.

Wir lassen alle Deutungsversuche weg, denen man mit Hilfe philosophischer Lexika nähertreten könnte, ersparen uns auch die Erhellungen des Internets – obwohl, zugegeben, die Verlautbarungen des Tapetenforums (!) nicht ohne Charme sind – und überlegen einfach und selbständig, womit wir Normalbürger mittels dieses Brunnens uns identifizieren könnten.

Als Varianten fallen mir ein:
erstens: mit dem Heiligen Kilian als Märtyrer der Kirche;
zweitens: mit dem Repräsentanten der Christianisierung Mitteleuropas;
drittens: mit einem Repräsentant der Kirche, speziell in Würzburg;
viertens: mit einem Geschenk als Erinnerung an das bayerische Königtum;
fünftens: mit einem Symbol des Wiederaufbaus;
sechstens: einem Zeichen der Würzburger Kunstseligkeit.

Zugegeben, wie es sich für ein ordentliches Zeichen gehört, ist das ordentlich vieldeutig. Prüfen wir, welche dieser Bedeutungen der Oberbürgermeister wohl gemeint haben mag.

Als Vertreter der öffentlichen Hand werden ihn die ersten beiden Bedeutungen nicht umgetrieben haben – Märtyrer sind nicht mehr en vogue; die Christianisierung geht ja längst den Bach runter und ist weitgehend zum bloßen Mäntelchen für geschäftige Banken (Banco di Santo Spirito) und Parteien (CDU/CSU) verkommen.

Der dritte Faktor bringt den vorhergehenden geradezu zum Leuchten: der Kirche und ihren Abkömmlingen gehören ca. zwei Drittel vom Grund und Boden der Innenstadt – möchte der OB, daß die Identitätsstiftung von uns allen sich auf den größten und mächtigsten Großgrundbesitzer der Stadt bezieht? Das kann ja, gerade für einen Sozialdemokraten, nicht sein Ernst sein. Ein Großgrundbesitzer, auf den vermutlich nicht zuletzt die hohen Mietpreise der Innenstadt zurückzuführen sind – und damit zum Teil auch deren aktuelle Verödung. Nein, da möchte ich doch keine Identität gestiftet sehen, nicht einmal durch meinen geschätzten Oberbürgermeister und Parteigenossen.

Dasselbe gilt für die Person des ursprünglichen Stifters dieses Brunnens. Man sagt, einen Brunnen zu stiften, sei noch immer der billigste Teil der Spende: die wirklichen Kosten verursache die künftige Pflege – so wie jetzt die 1,2-3-4-5 Mio – die Zahlen changieren fast wöchentlich –, ein wahrhaftiges Danaergeschenk also. Wobei gerade jetzt besonders pikant ist, daß zwischen Franken und Bayern mal wieder ein alter Streit aufgebrochen ist um die Rückgabe von nach München entführten Kunstgegenständen der Vergangenheit: Restitution ist allenthalben angesagt. In dieser Hinsicht müßte im Gegenteil mal wieder eine Identitätskrise gerade frisch aufbrechen …

Schön ist die Erinnerung an den Wiederaufbau. Ja, das läßt unser Herz höher schlagen, grade jetzt, wo die Auferstehung der Nachkriegszeit ein so begeisterndes Thema ist.

Dumm nur, daß der Schutzpatron Kilian die Jahre des Krieges, metallen, wie er ist, auf einer Altmetall-Sammelstelle in Hamburg auf seine Umwandlung in kriegswichtiges Material gewartet hat. Seiner Schutzfunktion hat er sich damit, wie am Ergebnis ablesbar, entzogen. Zeichen des Wiederaufbauwillens? Einen so schweren Brunnen kann man schwerlich an den Haaren herbeiziehen.

Besonders bizarr ist die Einstufung des Brunnens als von »Fachleuten« anerkanntes bedeutendes Kunstwerk. Zum einen ist der Brunnen, wie er jetzt dasteht, eher eine Art Surrogat – wie freilich das ganze wiederaufgebaute Würzburg –, zum andern wüßte ich doch gerne, wer die so apostrophierten Fachleute sein sollen. Das Landesdenkmalamt jedenfalls hat 2002 in einem ausführlichen Gutachten den Brunnen zur völligen Neugestaltung freigegeben – weiß der Kilian, auf wessen Pressionen hin diese ausführliche Stellungnahme  durch eine von ein paar Sätzen einige Jahre später zurückgenommen wurde. Nicht einmal der Vorsitzende des Verschönerungsvereins, seines Zeichens Kunsthistoriker an der Universität, hat sich, soweit ich weiß, zu einer solchen Übertreibung hinreißen lassen, und er hat seinen Ruf als arbiter artium et elegantiarum, als Kunstexperte also, in einer Diskussion gerade aus Anlaß dieses Brunnens in der Zeitschrift ›nummer‹ arg lädiert.

Somit bleibt als Inhalt einer »Identitätsstiftung« am Ende – nichts. Es ist, angesichts der behaupteten Schönheit dieses Brunnens, sicher auch besser so.

Einem Ondit zufolge – ich selbst habe gleichzeitig  an einer richtigen Beerdigung teilgenommen, nicht an einem Versenken hohler Sprüche – wurde dieser Brunnen einer adäquaten Öffentlichkeit von, laut Presse, ca. 500 Personen übergeben. Deren Alter, sagten mir süffisante Vertreter des Rathauses heimlich ins Ohr, habe sich zwischen 75 und 110 Jahren bewegt. Ob auch ein paar physisch Jüngere darunter waren, entzieht sich meiner Kenntnis. Ebenso, wie es mit deren reservatio mentalis bestellt war, dem inneren Vorbehalt – manche mußten ja wohl hin, nicht wahr, Herr Oberbürgermeister?

Wir sind damit aber ganz leicht zu unserem zweiten Thema gekommen: dem Werbeslogan für Würzburg, »Provinzstadt auf Weltniveau«. Selbsternannte Werbebranchenkenner haben sich mit Mehrheit zu ihm bekannt, wie vor wenigen Tagen durch die Presse ging und mit entsprechender Sympathie kommentiert wurde. Ergebnis vieler Kommentare: Würzburg hat es nicht besser verdient.

Unvorstellbar, was das für Kenner sein wollen.

In jedem Rhetorik- und Psychologie-Handbuch kann man lesen, wie töricht es ist, mit den größten Schwachstellen seine Selbstdarstellung, gar Selbstanpreisung zu beginnen. Daß Provinzialität als Schwachstelle empfunden wird, ist unverkennbar, sonst wäre nicht ständig die Rede davon. Man muß ein gehöriges Maß an Chuzpe haben, um zu glauben, man könne sozusagen den Stier bei den Hörnern packen und mit einem solchen Manko die Leute – für sich einnehmen. Es erinnert eher an ein Verhalten aus der Tierwelt, wo der unterlegene Gegner sich auf den Rücken legt und alle Viere von sich streckt. Sein Leben kann er damit retten – daß er bei seiner Angebeteten großen Erfolg hat, davon berichtet die Tierpsychologie nichts. Er sucht danach eher das Weite.

Gerade so wirkt dieser ›Werbe‹-Slogan. Daß man auch noch ein ›Weltniveau‹ ansteuert – allein schon das Wort jagt einem Schauder über den Rücken. Befinden wir uns denn bei einer Weltmeisterschaft? Mit meßbaren Normen? Und: Wo wäre unser Marktplatz konkurrenzfähig mit der Plaza mayor in Salamanca? Der Place des Vosges in Paris? Der Piazza Navona in Rom? Stünde Würzburg nicht eher an, sich mit Mörike in »holdem Bescheiden« zu üben und all die mißglückten Restaurierungen unter dem Mantel der Nächstenliebe verschwinden zu lassen? Das Selbstbewußtsein und Selbstgefühl der Würzburger könnte man, ganz ohne Vergleiche mit andern, betonen, zum Beispiel, wenn es denn überhaupt eines solchen Spruchs bedarf – für wen eigentlich? –, mit einem Satz, der früher einmal diskutiert wurde: »In Würzburg beginnt der Süden«. Wer krampfhaft mit dem Herausstreichen vermeintlicher Stärken hausieren geht, zeigt doch gerade damit, auf wie wackeligen, tönernen Füßen er sich selber sieht. Nur der Schwächling hat es nötig, so ungeniert anzugeben.

Um wenigstens an einem Beispiel vor Augen zu führen, wie es um das Niveau hierzulande bestellt ist, sehe man sich das Kiliansbrunnen-Lied des früheren Würzburger Chorleiters Simon Breu im Internet an: das ist in einem solch krachledernen Stil geschrieben – fünf Bier, genossen in einem vollen Bierzelt in schwer angeheiterter Umgebung, werden nicht reichen, die homöopathischen Dosen von Humor wahrzunehmen, die der Verfasser gerne darin gesehen hätte. Daß Weintrinker damit etwas anfangen können sollen, will mir nicht in den Kopf – man könnte es fast als Beleidigung verstehen. – Wie kann man heute ein derartiges Gebräu wieder auftischen?! Ahnbar wird dadurch freilich, warum es um die Literatur hier so schlecht bestellt ist.

Soviel zur Provinz, so wenig zum Weltniveau. Wenn man mir wieder Mangel an Humor vorwerfen sollte: es gibt Grenzen, die man nicht unterschreiten sollte.

Weltniveau erreicht haben wir für dieses Mal, indem wir uns ordentlich lächerlich gemacht und zweifelhafte sprachliche Kompetenz bewiesen haben – muß man jetzt darauf auch noch insistieren?


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1 Kommentar zu „»Identitätsstiftung« vom Kiliansbrunnen herab“

  1. Joachim Fildhaut sagt:

    Eine Deutung von „fränkischer Identität“ fehlt im obigen Katalog. Sie liegt einfach zu nahe, als dass man drauf kommen könnte, weswegen ich sie hier verrate.
    Ich bekenne mich schuldig: Mir fiel die Wendung vor ein paar Jahren ein, als ich für die Stadt einen Prospekt textete, mit dem Brunnenspenden eingeworben werden sollten. Auslöser war die Vorstellung: Was geht in Bewohnern der unterfränkischen Provinz vor, die nach einer Zugfahrt aus dem Würzburger Bahnhof treten? Und wenn sie zur Heimfahrt wieder auf den Bahnhofsplatz zurückkehren?
    Klar: Sie haben am Wendepunkt ihrer Geschäfte in der Bezirkshauptstadt immer ein (zumindest in der Silhouette klar strukturiertes, wenn auch missproportioniertes (aber das ist zum Glück eine andere Diskussion)) Denkmal vor Augen. Diesen Anblick verbinden sie mit ihren Betätigungen, die sie quer durch Unterfranken geführt haben. Vielleicht geht es ihnen schon ein halbes Leben lang so, vom Verwandten- über den Berufsschulbesuch bis hin zu issjaegal – der Skulpturenbrunnen steht für ihre mobile Existenz in dieser Region, auch für die Infrastruktur, für die Gründe, aus dem mainfränkischen Hinterland nach Würzburg zu fahren.
    Soviel war mir beim Texten wertfrei klar. Dann ritt mich der Teufel und ich nannte die mentale Verfassung in diesem Beziehungsgeflecht „mainfränkische Identität“ o.s.ä. Das öffnete einer Mystifizierung das Tor. Ich nahm das billigend in Kauf.
    Aber mehr muss mit „Identität“ nicht gemeint sein als das Netzhautmaskottchen, das den Unsrigen bei Gedanken an ihre mehr oder minder wichtigen Unternehmungen vorm Geiste herumhampelt. Wobei die heimatbild-prägende Kwafft des Blech-Ungetüms auf seinen Marmorschüsseln natürlich auch den bahnfahrenden Würzburger Einwohner treffen kann, wenn er Pech hat.