Upsilon Acrux

14. September 2009 | Autor: Rigobert Dittmann

Am 10.09.2009 bestritten Upsilon Acrux den Auftakt einer 4-wöchigen Europatournee ausgerechnet im Würzburger Cairo. Allerhand Obstacles (so hieß die Vorgruppe) brachten mich erst im zweiten Anlauf und zu vorgerückter Stunde in den Genuss der Deutschlandpremiere der noch etwas schüchternen und anreisebelämmerten Kalifornier.

1997 vom Gitarristen Paul Lai in Vista (bei San Diego) formiert, landeten sie 2007 bei Cuneiform Records und versprechen ein Update von King Crimson, in das Höreindrücke von Don Caballero und Meshuggah und einiges mehr eingearbeitet sind. Im jungen XYeahX-Publikum konnte ich daher auch einige »Progophile« ausmachen, das Stichwort »Cuneiform« hatte die Neugierde der »Kenner« geweckt (der harte Kern wartete freilich zur selben Zeit im Immerhin darauf, dass Embryo vielleicht doch einmal vor Mitternacht anfing).

Die ersten Acrux-Töne um 23 Uhr waren nicht bloß Töne, Basstrommel und Bass versetzten einem ganze Serien von abrissbirnenwuchtigen Körpertreffern. Die Jungs, verdammt laut und verdammt schnell, hatten offenbar vor, eine Lektion zu erteilen. Das ganz große Einmaleins. Dabei entpuppt sich Paul Lai am rechten Flügel als zurückhaltender Urenkel von Charlie Chan, der seine Silbergitarre mit auffällig kindlichen Pfötchen stuppst. Dafür krabbelt der Bassist Marty Sataman, ebenfalls asiatischer Abstammung, mit Fingern so lang wie Riesenkrabbenglieder. Phil Cobb, der enthusiastisch auf seinem Moog hackt und schraubt, dass es nur so furzt und jault, hat daneben etwas vom jungen Art Garfunkel. Unscheinbar ist nur der solide David Moeggenberg mit seiner Kurzhalsgitarre, denn der blutjunge Chris Meszler ist an den Drums eine Show für sich. Beats auf Speed, ein einziges Blutbad, wenn auch nur aus Schweiß.

Upsilon donnert und blitzt uns vier der neuen und zwei ältere ihrer Math-Rock-Berechnungen um die Ohren. Das Ratatatata von »In-A-Gadda-DeVito« mit seinen wuseligen Formeln, seinem ständigen Tempowechsel und Hin und Her zwischen bombastisch zu fragil, ist dabei nur ein Element. Cobb traktiert den Moog in Zweifingerschreibmaschinenstil, das wirkt wie ein Kinderspiel und macht ihm sichtlich Spaß. Die beiden Gitarristen tappen dazu vertrackte Tonreihen. Doch solch perkussives Stakkato mischt sich mit Noise, vor allem mit Moogkrach, wie es Radian Futura nicht vermuten lässt. Auch der bis zur Erschöpfung schuftende Drummer erzeugt ständige Klangräusche, durchsetzt mit immer wieder auch ganz simplem Toktoktok und Humptata. Total schön ist der Moment, wo er einfach nur in die Hände klatscht. Immer wieder ist es ihm aber danach, aus der Haut zu fahren, zumindest aus dem triefenden T-Shirt.

Die zuckenden Körper ringsum bestätigen, die Y- & aCruX-Takte sind durchaus groovy, halt nur nicht bumbum-dumpf, sondern wie 3D-geflippert und mit paradoxen Zwischensprints. Das 3000m Hindernisrennen »Transparent Seas (Cairo Edit)« führt abenteuerlustig in diverse Progwinkel. Upsilon hat mehr zu bieten als nur schnelles Ruckzuck. Zwischen Stop und Go mit Ruins-Karacho und Zickzack à la The Molecules klopft Meszler auch mal – man traut seinen Ohren nicht – einen 3/4-Takt, oder zupfen die Gitarristen zarte Töne. Nur für Angeberei bleibt keine Zeit – Lai selbst ist ein Muster an Bescheidenheit. Was beeindruckt, ist der komplexe, der acruxe Gruppenklang.


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