Nur Natur

16. September 2009 | Autor: Joachim Fildhaut

Bald wird die Ausstellung mit Landschaften des Pool-Porträtisten David Hockney wieder eingekastelt. Ich würde noch mal hinfahren, aus welchem Grund auch immer.

Das überzeugendste Exponat huscht eine Sekunde lang über die Leinwand im Filmsaal der Schwäbisch Haller Kunsthalle: Eine Reihe flacher Holzkisten steht senkrecht und transportbereit herum. Was sie enthält, weiß der Ausstellungsbesucher. Deshalb überfällt ihn die bezwingende Vorstellung, die Bilder würden ihre Behälter nie mehr verlassen, sondern als – in sich reich strukturierter – Holzblock ausgestellt.

David Hockney – der mit den Swimmingpools? Eben der kehrte in die Landschaft seiner Kindheit zurück und malte vier Jahreszeiten lang lauter Hügel und Baumgruppen. Sicher konnte er so die verschollenen Jahre nicht wieder einfangen. Aber wie das mit Plänen geht: Er bekam etwas anderes dafür, und zwar eine hochinteressante Werkgruppe. Sie zeigt eine geomorphologisch äußerst milde, wenn nicht langweilige Küstenlandschaft im Osten Englands aus meist unspektakulären Spaziergängerblickwinkeln, gern mit Wegen, die zwischen Bäumen verschwinden. Hier und dort vermehren Häuser und Telegrafenmasten das Arsenal, das einem Modellbaukasten zum Vorbild dienen könnte.

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Doch Vorsicht! Das Konzept ist interessant; aber schöne, gelungene Landschaftsmalerei im sinnlichen, konventionellen Sinn kam dabei nicht heraus. Nur sehr wenige der 70 Groß- bis Riesenformate befriedigen – aus immenser Sichtentfernung – unmittelbar. Wobei die Suche nach dem besten Bildabstand zur Realisation des Kunstwerks hinzugehört, und folglich auch dann, wenn sie kein landläufig hübsches Resultat zeitigt, das Werk gelingen lässt (dieser Betrachtungs-Tipp allen Nicht-Phänomenologen zur Anregung).

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Dass Hockney in der Lage wäre, Licht und Raum realistisch, einleuchtend und sehr effizient wiederzugeben, das beweisen einige Skizzenzeichnungen. Daran, einen einheitlichen, auf etwas Wesentliches gebündelten Eindruck zu vermitteln, lag ihm jedoch nichts. Illusionen durchbricht schon die Technik, ein Motiv auf sechs, neun, ja 50 Leinwände verteilt abzubilden. Jedwedem Nachahmungsideal schwang er Pinsel entgegen, von denen industriell vorgemixte Farbtöne troffen. »Die Natur lügt nie«, sagt Hockney. Ergänze: Aber ich, ich lüg euch hier die Hucke voll. Und doch, und gerade wenn man als Betrachter ein reserviertes Verhältnis zu Hockney Serie »Just Nature« eingenommen und sich seinen Teil dazu gedacht hat: Je mehr Bilder man sieht, desto mehr erheitern diese Zugriffe auf ein verlorenes Erinnerungsland den Vorübergehenden. So wie mittelmäßige, aber irgendwie originelle Popmusik einen zum Ende des Konzerts hin Stück für Stück mehr schmunzeln lässt.

Was da erheitert, steckt abermals nicht im Werk selbst. Es muss aber auch nicht hineininterpretiert werden. Es hängt neben jedem Bild direkt an der Wand. Es ist die Besessenheit, mit der hier ein alter Herr seinen Plan durchzog. Es ist die schiere Menge ähnlich aufgefasster – und doch breit variierter – bildnerischer Aufgaben. Und man grinst über die Sammellust, über die vollkommen abwegige Vorstellung, hier habe jemand Vollständigkeit und Geschlossenheit angestrebt. Wie es so geht im Leben.

bis 27. September, Kunsthalle Würth, Schwäbisch Hall – täglich 11–18 Uhr, Eintritt frei


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