Neues zum Wort mit »P«

22. September 2009 | Autor: Jochen Kleinhenz

Das ist doch auch ein Würzburger Alleinstellungsmerkmal: zuerst viel Wallung, danach Stille – sei es die »Provinz auf Weltniveau«, sei es die Erhöhung der Parkgebühren in der Innenstadt (wobei man bei letzteren sich ja nur moderat an das »Weltniveau« anzunähern versuchte: Wer einmal z. B. in Berlin am Potsdamer Platz Parkgebühren entrichtet hat, kann über hiesige nur schmunzeln …).

Unsere Sache sind die Parkgebühren nicht, und eigentlich auch nicht die Debatten um Provinz und/oder Weltniveau, wenn nicht in den letzten Monaten der Begriff »Provinz« von anderer Seite Aufmerksamkeit erfahren hätte – zum einen in einem hörenswerten Tagesgespräch des Bayerischen Rundfunks, mehr noch in einem amüsanten, kurzweiligen und lesenswerten Buch (dessen Autor als Studiogast der vorgenannten Rundfunksendung zugeschaltet war).

Henning Ahrens heißt der Autor, der das vom Münchner Knaus-Verlag veröffentlichte Buchprojekt »Provinzlexikon« übernommen und fertiggestellt hat, nachdem der ursprünglich vorgesehene Autor aus persönlichen Gründen das Projekt nicht verfolgen konnte.

Ahrens, Jahrgang 1964, ist selbst auf dem Land aufgewachsen, in der norddeutschen Tiefebene, wo er in seiner Kindheit »u. a. als Treckerfahrer, Bullenfütterer, Rübehacker und Strohablader« (biografische Angaben im Buch) tätig war – also durchaus kompatibel mit einer fränkischen Kindheit, wie ich sie in etwa gleicher Art durchleben durfte, mit nur leichten Variationen bei Flora und Fauna – und wohin er nach Jahren des Studiums wieder zurückgekehrt ist. Wobei Ahrens im Radiogespräch anmerkt, dass er mit seiner Familie eher früher als später wieder in richtig urbane Gefilde umzusiedeln gedenkt – dann aber endgültig. Ohne Verbitterung, fast schon lakonisch erzählt er Moderator Achim »1860« Bogdahn von den Freuden und Leiden ländlichen Lebens, und die Wortmeldungen der Hörerinnen und Hörer unterstreichen diese Einschätzungen eines selbstgewählten Lebens, das sich, vereinfacht dargestellt: meistens – nicht immer! – zwischen vielschichtiger Naturlandschaft und einfältigen Bewohnern einrichten muss. Ausnahmen bestätigen die Regel – sowohl im Hinblick auf die Landschaft, als auch die Menschen …

Das einstündige Radiogespräch weckte jedenfalls Appetit auf das im Mai erschienene »Provinzlexikon«, in dem Ahrens auf 300 Seiten 274 Stichworte behandelt, und dies mal mehr, mal weniger lyrisch. Die Einträge imitieren nicht selten Brief- oder Gesprächsform (»Deutsch« etwa als Leserbrief eines Studienrats a.D. an eine imaginäre Allgemeine Provinzzeitung, »Event« als Gespräch eines imaginären Radiosenders mit dem Kulturdezernenten einer Kleinstadt), erstrecken sich über mehrere Seiten (»Privatsphäre«) oder nur ein paar Zeilen (»Hektar«) und changieren gekonnt zwischen Sachinformation und (subtilem) Humor, garniert mit Strichzeichnungen der Münchner Illustratorin Jana Cerno.

Zwischen »Aas« und »Zylinder« (Achtung: eine Verbeugung vor Hans Jürgen von der Wense, dessen nach Stichworten geordnete Briefe bei Zweitausendeins erschienen sind) finden sich viele, aber natürlich längst nicht alle wesentlichen Schlagworte, die das (Über-)Leben in der Provinz nicht unbedingt erst ermöglichen, zumindest aber erleichtern, und Ahrens’ Einlassungen zu den einzelnen Begriffen sind immer lesenswert – wobei der Autor hin und wieder die Gelegenheit verstreichen lässt, anhand scheinbar veralteter Begriffe wie »Allmende« an topaktuelle Diskurse wie den um die Creative Commons einzugehen.

Dennoch: ob »Außenjalousie« oder »Swingerclub«, »Hochspannungsmast« oder »Mobbing«, »Rebell« oder »Weihnachtsschmuck«, »Intellektueller« oder »Feldweg«, »Nachbar (guter)« oder »Nachbar (böser)« – immer wieder kann man das Lexikon zur Hand nehmen und kreuz- und querlesen. Mit Gewinn. In der Provinz. Auf Weltniveau.

Henning Ahrens: »Provinzlexikon«, 300 Seiten, geb., illustriert, Lesebändchen. Albrecht Knaus Verlag, München 2009.

Tagesgespräch zum Thema »Provinz« (Erstsendung: 14. August 2009) als Podcast zum Download


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