Eine »Heuleriade«

26. September 2009 | Autor: Berthold Kremmler

Kranzniederlegung am Grab Fried Heulers am Sonntag, 27. 9. 2009 um 11 Uhr.

Für den Wahlsonntag hat das Oberbürgermeisteramt der Stadt Würzburg eine Kranzniederlegung zu Ehren des Bildhauers Fried Heuler durch den OB im Hauptfriedhof angekündigt. Dasselbe will der 2. Bürgermeister von Bad Kissingen tun, und viele Stadträte hätten ihr Kommen zugesagt.

Die Pressemitteilung des Amtes nennt Fried Heuler einen »bedeutenden mainfränkischen Bildhauer«. Das kann man nur sagen, wenn man die provinzielle Verengung des Blicks als selbstverständliche Wahrnehmungseinschränkung akzeptiert hat. In einem wissenschafltichen Buch von vor 20 Jahren (»Denkmal – Zeichen – Monument«, hervorgegangen aus einer Tagung der Hanns-Seidel-Stiftung!) heißt es schlicht, ohne Qualitätsbestimmung, daß sein Ruf kaum über Mainfranken hinausgedrungen sei (S.95). Und man muß wohl Kunsthistoriker der Stadt sein, um in der Geschichte der Stadt Würzburg diesen Künstler zu einem bedeutenden avancieren zu lassen.

Es genügt, an den Postreiter am Paradeplatz zu erinnern, um ein solches Qualitätsurteil vom Tisch zu fegen. Das beste an diesem Pferd und das es führenden Mann mit Umhängetasche ist wohl seine prophetische Sicht auf die Bewegungsgeschwindigkeit der Post: während damals, 1955, die Post noch mindestens zwei Mal täglich zugestellt wurde, kommt sie heute, wie die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung vor wenigen Wochen überprüft hat, zu einem großen Teil der Wochentage nicht in dem von der Post versprochenen Rhythmus an. Diese Art der Schnelligkeit drückt dieses Standbild aus, das in völliger Bewegungslosigkeit verharrt, »festgemauert in der Erden«, wie bei Schiller – man kann den Gedanken Schillers weiterspinnen: der Reiter verläßt sich bereits auf die Übermittlung durch Ton (»die Glocke«), durch Wellen, mithin mittels Elektronik. Dazu paßt dann nur nicht die Kleidung, ein Bauernkittel.

Zugegeben, eine unhistorische Aktualisierung …

Näheres zu dem »bedeutenden Künstler« nach der Kranzniederlegung morgen.


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3 Kommentare zu „Eine »Heuleriade«“

  1. Frieder Sommer sagt:

    Zwei m.E. notwendige Ergänzungen zu Berthold Kremmlers Kritik an Fried Heuler:

    1. Ein Zitat aus „Bettina Keß: Kunstleben und Kulturpolitk in der Provinz. Würzburg 1919-1945. Würzburg 2001. S. 287“:
    „Engagement und Linientreue war nämlich nicht unbedingte Vorausetzung für künstlerischen Erfolg während der NS-Zeit, wie das Bespiel Fried Heulers zeigt. Der auch während des Nationalsozialismus sehr geschätzte Würzburger Bildhauer war schon früh der SA beigetreten … Im Oktober 1937 wurde der Bildhauer „wegen Beleidigung des Führers“ aus dieser Organisation ausgeschlossen. Der Vorwurf lautete, er habe Hitler als „Ausländer“ bezeichnet. Heuler schien seinen mit der SA-Zugehörigkeit verbundenen Pflichten nur oberflächlich nachgekommen zu sein, denn bei seinem Ausschluß legte man ihm „sehr mangelhafte Dienstleistung“ und die Tatsache zur Last, sich „trotz guter Vermögenslage“ keine SA-Uniform angeschafft zu haben. Außerdem traf den Bildhauer der Vorwurf, bisher nicht der NSDAP beigetreten zu sein. In der Folge seines SA-Ausschlusses fertigte das NSDAP-Mitgliedsamt eine „Warnungskarte“ aus. So hätte die Aufnahme in die Partei verhindert werden sollen, falls Heuler einen Aufnahmeantrag stellte, – was der Künstler offenbar nie tat.

    2. Zitieren, und zur Lektüre empfehlen, möchte ich außerdem den Ausstellungskatalog „Deutsche Bildhauer 1900-1945 entartet“ Zwolle 1992. Zitat aus dem Vorwort: „Das Besondere dieser Ausstellung ist es, daß junge ausländische (niederländische) Kunsthistoriker sich dem Thema … zuwenden. Frei von den Emotionen der persönlichen Betroffenheit arbeiten zu können, eröffnet ein sehr viel differenzierteres Bild, das im Gegensatz zu manchem moralisch bestimmten Urteil die Vielfältigkeit, aber auch die Möglichkeiten und Grenzen künstlerischen Schaffens und der Verbreitung von Kunst in der Diktatur erhellt.“

  2. Berthold Kremmler sagt:

    Leider bewegen sich die Einwände noch nicht auf der gehörigen Ebene.
    1) Ausgangspunkt meiner Äußerungen war nicht ein vom Zaun gebrochener Streit über moralische Grundsätze des Künstlers, sondern über die Begründetheit der Ehrung von Fried Heuler durch die Stadt anläßlich seines 50. Todestags. Ich habe zunächst mal gefragt: Warum? Und einige sehr grundsätzliche Zweifel angebracht.
    2) Der dritte, analytische Teil ist angekündigt, aber noch nicht fertig, insoweit laufen die Einwände ins Leere.
    3) Mein Verfahren ist die Analyse der einzelnen Werke, nicht die Be- und Verurteilung der Biographie.
    4) Warum man nicht auch in Würzburg zu einem begründeten reflektierten und kritischen Urteil sollte kommen können, erschließt sich mir nicht. Leider fehlt jedes Zitat, aus dem die besondere Fundierung und Differenzierung eines niederländischen Urteils in unserem Fall sich ablesen und überprüfen ließe, es bleibt bei der bloßen Behauptung.
    5) Im übrigen muß man aufpassen, daß es bei der Untersuchung des Dritten Reiches nicht so geht wie bei Gerichtsverfahren: wenn man den psychologischen etc Hintergrund des Täters lange genug zerfasert, bleibt zum Schluß die Schuld des Täters im nirgendwo, und das Opfer kann sehen, wo es bleibt.

  3. Frieder Sommer sagt:

    Sapperlot!!
    Endlich schlägt der Zunder mal Funken! Diese Kremmlersche Belehrung meiner Wenigkeit kommt aus vollen Rohren! Um meine Zerknirschung in Grenzen zu halten, tröste ich mich in Fällen wie diesem stets mit einem Zitat aus Lessings „Anti-Goeze“: „Lieber Herr Pastor! Poltern Sie doch nicht so in den Tag hinein, ich bitte Sie.“
    Eigentlich wollte ich in meinem gestrigen Kommentar auch auf die Verwendung der Begriffe „Moral“ und vor allem „Anstand“ in Kremmlers „Anti-Heuler“ eingehen. Ich verkniff es mir gestern und ich verkneife es mir umso mehr heute: Poltern ist nicht meine Art. Vielleicht mal bei Gelegenheit unter vier Augen!?
    Wie bitte? Mein Kommentar zu Kremmlers Belehrung?
    No comment! Die Zunder-Freunde können lesen und sind in der Lage, sich ein eigenes Urteil zu bilden.
    Falls ich mich wieder nicht auf der „gehörigen Ebene“ bewegt haben sollte, tut es mir leid, und ich bitte schon im voraus um Entschuldigung! Soviel Anstand muß sein!