»Heuleriade« – die Fortsetzung

30. September 2009 | Autor: Berthold Kremmler

Die Auseinandersetzung muß aufgeteilt werden in einen praktischen Teil und einen grundsätzlichen, damit die Verzögerung nicht größer wird.

Auf dem Friedhof am 27. 9. 2009

Die Presse-Ankündigung hatte einen größeren Ansturm erwarten lassen – schließlich soll es sich bei Fried Heuler ja um einen »bedeutenden«, in der Zeitung dann zu »bekannten« herabgestuften Bildhauer handeln, und Stadträte wollten sich zu seiner Ehrung einfinden.

Tatsächlich anwesende Personen: etwa ein Dutzend, bestehend aus drei Bürgermeistern und einem Oberbürgermeister, zwei professionell Anwesenden aus der Verwaltung, etwa vier jüngeren Personen aus der Familie des Bildhauers, und zwei bis drei »Sonstigen«, darunter dem Berichterstatter.

Völlig abwesend: der Stadtrat. Statt dessen: zwei feierlich brennende Kerzen und ein prächtiger, von der Stadt gestifteter Kranz. Kein Vertreter der Presse, vermutlich keiner der Kunstszene – für eine Art Staatsakt doch eher mager und mau, jedenfalls nur ein begrenzter Grund zu dem von mir gezeigten  Karton mit der Aufschrift »Protest!«.

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Tatsächlich kannte kaum einer der von mir befragten Würzburger auch nur den Namen, geschweige, daß einer gewußt hätte, welche Werke er geschaffen hat – es steht ja auch nirgendwo sein Name. Fast hätte man denken können, diese ganze Aktion sei als »Heuleriade« geplant gewesen, als Haupt- und Oberstück von Flunkerei. Den Begriff hat der Bildhauer übrigens selbst geprägt, und genau für diesen Zusammenhang, sofern die Legende stimmt: Er habe es selbst mit der Wahrheit nicht so genau genommen.

Und damit wird auch eine bemerkenswerte Aktivität gern bezeichnet, die einen sehr makabren Beigeschmack hat. In vielen biographischen Artikel heißt es noch, Heuler habe zwischen 1933 und 1935 unter einem Berufsverbot zu leiden gehabt. Das aber scheint eine wichtigtuerisch erfundene Geschichte zu sein. Erst viel später wurde aufgedeckt, daß es sich wohl um eine Erfindung Heulers gehandelt hat, eine Flunkerei, die ihm in späteren Zeiten manches erleichtert haben dürfte.

»Das Moralische versteht sich immer von selbst.«

Dieser Satz von Friedrich Theodor Vischer aus seinem Roman »Auch einer« aus der Mitte des 19. Jahrhunderts hat mir immer Eindruck gemacht. Auch wenn er fast schon erschreckend fordernd ist.

Fried Heuler hat ohne Not ein Kriegerdenkmal für den 1. Weltkrieg gemacht, das in seiner Reduziertheit von geradezu zerstörerischer Wucht ist, so als könnte es jeden Augenblick explodieren: es verherrlicht den Krieger.

25 Jahre später macht derselbe Fried Heuler ein Denkmal für die Toten, die die im Kriegerdenkmal eingefrorene Aggressivität gekostet hat, Im Denkmal für den 16. März 1945.

Das hat, mit Verlaub, etwas Perverses. Von »Moralischem« keine Spur – manchmal bleibt nur das Verstummen.

Am selben Wochenende, dem 27. September, schloß Marcel Reich-Ranicki einen kleinen Artikel in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung mit Marlene Dietrichs Antwort auf die Frage, warum sie schon so früh emigriert sei: »Aus Anstand«.


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1 Kommentar zu „»Heuleriade« – die Fortsetzung“

  1. Der Piepmatz aus dem Lusamgärtchen sagt:

    Hallo Ihr lieben Zunderfreunde,
    es ist kurz nach Mitternacht, die letzten Touristen haben das Lusamgärtchen längst verlassen und ich nutze die himmlische Ruhe in meinem Busch, das Zitat des Friedrich Theodor Vischer, das Berthold Kremmler solchen Eindruck gemacht hat („Das Moralische versteht sich immer von selbst“) zu recherchieren.
    In dem (wie immer wunderschönen!) „Marbacher Magazin“, 1987 zu Ehren des hundersten Todestages Vischers erschienen, ist es in einem längeren Zitat aus dem Roman „Auch Einer“ (der laut Alfred Polgar „den Namen humoristischer Roman“ verdient) nachzulesen. Zum besseren Verständnis: Es geht im Folgenden um die Suche nach einer Brille. (Welcher Brillenträger kennt das nicht!?) Zitat: „Sehen Sie, mein Herr, suchen im bildlichen Sinn, darüber, daß das Leben so ein Suchen ist, darüber klage ich nicht, darüber sollen Sie nicht seufzen. Das Moralische versteht sich immer von selbst. Der rechte Kerl sucht, strebt und beschwert sich nicht darüber, sondern ist glücklich in diesem Unglück…Der liebe Gott, der oben herunterschaut, der die Haare auf unserem Haupte zählt, der mich nun stundenlang meine Brille suchen sieht, – er sieht ja auch die Brille, weiß recht gut, wo sie liegt, – ist es zum Ertragen, nun denken zu müssen, wie er lachen muß?“ Für alle, die es bis hierher humoristisch fanden, auch noch der weitere Fortgang der Brillensuche: „Ich suchte inzwischen am Boden herum; ich hob ein paar Hemden weg, die blank, aber zerzaust umherlagen, und mein Blick fiel auf ein Mausloch in einem Bretterspalt; ich glaubte darin etwas schimmern zu sehen, strengte meine Augen an, und die Entdeckung war gemacht. Es war nicht leicht, die Brille aus dem Loch zu ziehen, die Mühe stand wirklich in Mißverhältniß zum Werthe des Gegenstands, endlich war es gelungen, er (d.i.der eingangs mit „Mein Herr“ angesprochene Brillenträger, s.o.!) hielt sie in die Höhe, ließ sie von da fallen, rief mit feierlicher Stimme: ‚Todesurtheil! Supplicium!‘ hob den Fuß und zertrat sie mit dem Absatz, daß das Glas in kleinen Splittern und Staub umherflog.“ Na, wenn die Geschichte keine Moral hat!
    Fündig wurde ich auch noch im „Duden 12, Zitate und Aussprüche“! Dort kann man (leicht gekürzt!) lesen: ‚Das Moralische versteht sich immer von selbst‘: Dieser Ausspruch ist eine der Lieblingswendungen des skurrilen „A.E.“, der Hauptfigur in dem…Roman „Auch einer“…Das Zitat wird (außer von Berthold Kremmler) noch verwendet, wenn mit Ironie angedeutet werden soll, daß die Normen der herrschenden Moral nicht angezweifelt werden dürfen, als absolut gelten und ein Hinterfragen hier nicht nur unerwünscht ist, sondern auch fast schon für ‚unmoralisch‘ gehalten wird.“ Ich erlaube mir zu ergänzen: Meist steckt da jemand dahinter, der glaubt, die Moral für sich gepachtet zu haben.
    Übrigens, Friedrich Nietzsche hat einen anderen Ausspruch des, so Nietzsche, „zum Glück verblichenen ästhetischen Schwaben Vischer“ ein „Idioten-Urteil“ genannt. Ich betone ausdrücklich, es handelt sich hierbei nicht um den obigen Lehrsatz vom Selbstverständnis des Moralischen!
    Und apropos „Duden“: Auch die bekannte Redensart von der „Tücke des Objekts“ geht auf unseren Freund Vischer zurück. Doch das nur nebenbei.
    So, ich muß aufhören, eine schwarze Katze schleicht unter meinem Busch herum! Ich wünsche Euch allen eine Gute Nacht! Euer Piepmatz aus dem Lusamgärtchen.